Zitate zu: Holocaust, Auschwitz, Shoah

Massengrab KZ Bergen-Belsen
Massengrab KZ Bergen-Belsen

Kurze Zitate und Texte über den Holocaust; von Überlebenden, Zeitzeugen, Philosophen, Politikern, Historikern und Schriftstellern (aus der Literatur):

Götz Aly (Historiker) 8 Tonnen Korinthen
37 Tonnen Munition
82 Tonnen Kohle
37 Tonnen Gerät
298 Tonnen Leergut und Schrott
33 Soldaten
1733 Juden.(Aus dem Vierzehntages-Überblick der Transporthauptstelle der deutschen Wehrmacht im Athener Hafen Piräus; entnommen aus: Götz Aly, Hitlers Volksstaat, Kapitel: Von Rhodos nach Auschwitz)
Götz Aly Am Ende hatte jeder Herrenmensch – und das waren nicht allein irgendwelche NS-Funktionäre, sondern 95% der Deutschen – Anteile von dem Geraubten in Form von Geld in der Tasche oder als importierte, im besetzten Ausland mit geraubtem Geld und Gold bezahlte Lebensmittel auf dem Teller. […] Der Holocaust bleibt unverstanden, sofern er nicht als der konsequenteste Massenraubmord der modernen Geschichte analysiert wird.
(Zit. aus: Götz Aly, Hitlers Volksstaat, dort: Kriegseinnahmen 1939-1945)

 Hitlers Volksstaat, Götz Aly
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Anonymous survivor of the Holocaust During the Lebanon war of 1982, in which Israel did heavy bombardings of Beirut, an old jewish man conducted a hungerstrike outside the Yad Vashem Holocaust memorial in Jerusalem. He read the following statement: When I was child of ten and was liberated from the concentration camp, I thought that we shall never suffer again. I did not imagine that we would cause suffering to others. Today we are just doing that. The Germans in Buchenwald starved us to death. Today in Jerusalem, I starve myself, and this hunger of mine is no less horrific. When I hear „filthy Arabs!“ I remember „filthy Jews“. I see Beirut and I remember Warsaw.
(Quot. from Marc H. Ellis, Ending Auschwitz, p. 26; Original: Haaretz, 11th of aug. 1982)
Jean Améry (Philosoph, aktiv im belgischen Widerstand, von der Gestapo gefoltert, später nach Auschwitz verbracht, überlebte, hat 1976 Selbstmord begangen) Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert. Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen. Das zum Teil schon mit dem ersten Schlag, in vollem Umfang aber schließlich mit der Tortur eingestürzte Weltvertrauen wird nicht wiedergewonnen.
(Zit. aus Primo Levi, Die Untergegangenen und die Geretteten)
Yehuda Amichai (eigentlich Ludwig Pfeuffer, Lyriker, 1935 nach Palästina ausgewandert)
Most people of our time have the face of Lot’s wife turned toward the holocaust and yet they are always escaping.
(Zit. aus: Amos Elon, Israelis, dort: An open wound)
Menachem Begin (Führer der jüdischen paramilitärischen Untergrundorganisation Irgun im britischen Mandatsgebiet Palästina;  1977 Ministerpräsident; viele Verwandte Begins wurden in der Shoah umgebracht) I have a special attitude concerning what the Germans did to our people. You see, I know how my mother, my father, my brother and my two cousins – one four years old one five years old – went to their deaths. My father was the secretary of the Brisk [now Brest-Litovsk] Jewish community. He walked to his death at the head of 500 Jews. The Germans pushed them into the River Bug. They opened fire with machine guns from both sides and the river became red with blood. The water turned to blood. That is how they died. And my mother – she was an old woman sick in hospital. They summoned her and all the sick women in the hospital and slaughtered them. So yes I don’t deny it – I live with this. It colors everything I do. I will live with this until the day I die.
(Interview mit Yehuda Avner, Menachem Begin And The Germans)
Menachem Begin I told him [Bundeskanzler Helmut Schmidt] to do what Brandt did: to go to Warsaw. I told him to go to the site where the Jewish ghetto once stood. Go down on your knees, Mr. Schmidt, I told him. Go down on you knees and beg forgiveness of the Jewish people for what your countrymen perpetrated under the Nazi regime against my people, at a time when you, Mr. Schmidt, remained steadfast to the personal oath you had given to Adolf Hitler, as a soldier in the Wehrmacht. (Zit. aus Jerusalem Post)
Harold C. Browning (Historiker) Am häufigsten erklären die Täter ihr Verhalten natürlich wie üblich damit, dass sie lediglich Befehle ausgeführt haben. […] Eine Befehlsverweigerung hätte mit Sicherheit die Einweisung ins Konzentrationslager nach sich gezogen [… Aber] In den vergangenen fünfundvierzig Jahren ist in Hunderten von Gerichtsverfahren schlicht und einfach noch kein Angeklagter oder Verteidiger in der Lage gewesen, auch nur in einem einzigen Fall zu belegen, daß auf die Weigerung, unbewaffnete Zivilisten zu töten, jene gnadenlose Bestrafung gefolgt wäre, die angeblich zwangsläufig damit verbunden war.
(Zit. aus Christopher C. Browning, Ganz normale Männer, Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen.)
Raul Hilberg Holocaust
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Albert Camus (Schriftsteller, Literatur-Nobelpreisträger; über die jüdische Nation nach dem Holocaust: aus der Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises) They had to forge themselves an art of living in times of catastrophe in order to be reborn, and then fight openly against the death instinct at work in our history.
(Zit. aus: Amos Elon, Israelis, dort: An open wound)
Marc H. Ellis (Professor for Jewish Studies (em.)- Miami State Univ.) I wondered if in a paradoxical way Auschwitz had perhaps become for Jews a place of save haven. For if we dwell in Auschwitz, if we freeze our history at Auschwitz, we silence the questions others have of us and in fact we have of ourselves. In this way Auschwitz becomes for us a place where we can hide our accountability in the present, even as we demand it insistently of others for their past actions. […] we [… are ] in danger of becoming guardians of a Holocaust orthodoxy that admitted questions we pose to others, denying as anti-Jewish questions posed to ourselves.
(From: Ending Auschwitz, p. 24.)
Friedrich Dürrenmatt (Schriftsteller) Die Vernichtungslager, wo jüdisches Volk unterging, ohne sich zu wehren, und der Aufstand des Warschauer Ghettos, wo jüdisches Volk vernichtet wurde, indem es sich wehrte, diese zwei fürchterlichen Möglichkeiten, die einem Volk am Ende bleiben, forderten, damit sie sich nicht wiederholen, den jüdischen Staat. […] Einen erhabeneren Grund, einen Staat zu gründen, mag es geben, einen notwendigeren nicht.
(Zit. aus: Friedrich Dürrenmatt, Zusammenhänge. Essay über Israel.)
Amos Elon (Publizist) The growth of nations, Alexis de Toqueville observed long ago, bears some resemblance to the growth of men. As in the development of men, the circumstances of birth contribute to the development of nations. In the case of Israel, the images cast upon the dark mirror of vthe mind at a very crucial early stage where those of a veritable Dantean hell. It was a hell that included the extermination of one third of the Jewish people.
(Zit. aus: Amos Elon, Israelis, dort: An open wound)
Boaz Evron (Schriftsteller; zur hypothetischen Frage, wie sich ein bereits existierender Staat Israel als Nachbar von Nazi-Deutschland verhalten hätte, wenn sich Deutschland nicht gegen die Juden, sondern andere Minderheiten gewendet hätte)  I am willing to bet that if we had a border with Nazi Germany, and Germany turned against a minority within it, and we had good trade relations with it, we would have acted as the worst among them. We would have collaborated in the hunt of minorities such as the Poles and the Romanians. We would have shut our border like the Swiss.
(zit. aus: Avraham Burg, The Holocaust is over. We must rise from its ashes, dort: Owing the Holocaust.)
Roman Frister (Schriftsteller, überlebte als Kind Mauthausen und Auschwitz; über einen Herrn Król in Lemberg, der Roman Frister und seinem ebenfalls inhaftierten Vater mit Hilfe eines Handlangers gegen viel Geld Lebensmittel zukommen liess) Für meinen Vater war Witold Król ein Gerechter der Völker gewesen, der half, Juden zu retten. Ich hatte in dem Handlanger lediglich einen geldgierigen Trunkenbold gesehen. Beide hatten wir uns geirrt. Menschen erscheinen nicht immer als das, was sie wirklich sind; sie dienen oft nur als Spiegelung, gleichsam als Bild, das sich andere von ihnen machen.
(Zit. aus: Roman Frister, Die Mütze oder der Preis des Lebens)
Uri Zvi Greenberg Lord you saved me from Ur-Germany
as I fled Mother’s and Father’s threshold
and arrived whole
in body but with my soul torn
within it the lake-of-weeping
Now I live on in my mourning.
(Zit. aus: Amos Elon, Israelis, dort: An open wound)
David Grossmann Eine kleine sprachliche Sache fällt mir immer wieder auf, wenn ich Europa besuche, insbesondere die deutschsprachigen Länder. Wenn die Leute mit mir reden sprechen sie oft davon „was damals passierte“. „Damals„, das bedeutet dass früher, in der Vergangenheit, Dinge geschehen sind, die heute nicht mehr geschehen; es ist alles vorbei. Aber im Hebräischen, oder im Jiddischen (eigentlich in jeder Sprache, wenn Juden über den Holocaust sprechen) sagen die Leute nie „damals„. Sie sagen „dort„. „Dort“ bedeutet, dass in diesem „dort“ – nicht nur in Deutschland, sondern im Menschsein überhaupt – die Dinge immer noch existieren. Oder passieren. Und auf alle Fälle ist es nicht vorbei. Ganz bestimmt nicht für uns.
(Zit. aus: David Grossman, Death as a way of Life, S.15, Übers. Schlesinger)
Rolf Hochhuth (Dramatiker, Publizist; berühmt geworden mit dem Werk „Der Stellvertreter“, in dem der Papst als der Stellvertreter Gottes auf Erden der Untätigkeit gegenüber dem nationalsozialistischen Massenmord bezichtigt wird.) Viertausend, fünftausend – mehr noch
an manchen Tagen werden hier vergast.
Erschrecken kann ich nur noch vor der Welt, die das erlaubt.
Und das hier ist die größte Teufelei:
wer flieht, der bringt zehn andere in den Bunker.
Einmal ist das passiert:
da hat man zehn zum Hungertod verurteilt.
Wir haben sie schreien hören, sieben Tage.
Der Pater Kolbe soll der letzte gewesen sein.
Das hielt mich zurück, als sich – am Bahnsteig dort –
vielleicht die Chance geboten hätte, neulich
in einem der Waggons heraus zu kommen,
die Schuhe der Vergasten nach Breslau zu bringen.
(Zit. aus: Rolf Hochhuth, Der Stellvertreter)
Rudolf Höß (Lagerkommandant von Auschwitz) Schon von Anfang an war ich von meiner Aufgabe, meinem Auftrag voll erfüllt, ja besessen. Alle auftretenden Schwierigkeiten reizten mich zu vermehrtem Eifer an. Ich wollte mich nicht unterkriegen lassen. Mein Ehrgeiz ließ dies nicht zu. Ich sah nur noch meine Arbeit. Daß ich bei der Fülle von vielfältiger Arbeit wenig Zeit für das Häftlingslager, für die Häftlinge, hatte, ist nur zu verständlich. Ich mußte die Häftlinge ganz den in jeder Hinsicht unerfreulichen Gestalten wie Fritzsch, Meier, Seidler, Palitzsch überlassen, obwohl ich wußte, daß sie das Häftlingslager nicht nach meinem Willen, nach meinen Absichten aufzogen.
(Zit. aus: Martin Broszat (Hrsg.), Kommandant in Auschwitz, Autobiografische Aufzeichnungen des Rudolf Höß, S.142)
Rudolf Höß (Höß sah sich, ganz ähnlich wie Eichmann, als „anständiger“ Mensch, der nur seine Pflicht tat. Ich möchte hier noch betonen. Ich selbst habe persönlich nie Juden gehasst. Sie waren für mich zwar die Feinde unseres Volkes. Sie waren aber für mich gleich den anderen Häftlingen und ebenso zu behandeln.
(Zit. aus: Martin Broszat (Hrsg.), Kommandant in Auschwitz, Autobiografische Aufzeichnungen des Rudolf Höß, S. 170)
Hans Jonas (Philosoph, Schriftsteller; über seinen Besuch des elterlichen Hauses in Mönchengladbach, Mozartstraße 9, 1945; dort wohnte ein Deutscher, der von der Enteignung seiner Eltern profitierte)  „Ach, Sie sind Hans Jonas. Wie geht es denn ihrer Mutter? Haben Sie etwas von ihrer Mutter gehört?“ Ich erwiderte: „Die hat man umgebracht.“ „Umgebracht? Wer soll sie denn umgebracht haben? Man bringt doch keine alte Dame um.“ „Man hat sie in Auschwitz umgebracht.“ „Aber nein“, sagte der Mann, „man hat sie umgesiedelt.“ […] „Aber das, was Sie da sagen, von Umbringen und von Gasöfen, das sind doch Greuelmärchen.“
(Hans Jonas, Erinnerungen, darin: Erlebnisse und Begegnungen)

Hans Jonas Erinnerungen
Sehr lesenswert: Hans Jonas‘ Erinnerung
Hermann Hesse (Schriftsteller, der während der Nazizeit in der Schweiz lebte) Ein grosses, bedeutendes Volk, die Deutschen, wer leugnet es? Das Salz der Erde vielleicht. Aber als politische Nation – unmöglich! Ich will, ein für allemal, mit ihnen als solcher nichts mehr zu tun haben.
(Zit. aus: Thomas Mann, Meine Zeit, Essays 1945-1955, darin: Warum ich nicht nach Deutschland zurück gehe.)
Yoram Kaniuk (Schriftsteller, dessen Vater in Deutschland lebte, und über den Kaniuk eine merkwürdige Hassliebe zu Deutschland empfand; in seinem Roman Adam Hundesohn schildert er das fiktive Leben des früheren KZ-Häftlings Adam Stein, der für Kommandant Klein zugleich Clown und Hund sein mußte. Stein durchlebt später in einer Nervenheilanstalt in der Negev seine Erlebnisse. Während eines Spaziergangs in der Wüste erscheint ihm Kommandant Klein.) Kommandant Klein lächelt. „Jetzt setz dich hin, mein Adam, und erzähl mir, warum du vor mir geflohen bist. Ich habe dich gesucht.“ Adam setzt sich und zieht eine Zigarettenschachtel aus der Tasche, entnimmt ihr eine Zigarette, zündet sie an und raucht. Gott bietet er keine Zigarette an. Klein bittet auch nicht darum, sondern blickt ihn mit unendlich traurigem Gesicht an. „Die Ungläubigen sterben schön, Adam“, sagt er mit väterlich mitfühlender Stimme, „und du hättest schön sterben können. Du bist vor mir geflüchtet, hast dich davongemacht, bist hierhergekommen. Warum? Du gehörst doch nicht hierher! Du bist wie ich, du bist Teil der Asche, du wirst keine Blume in der Wüste werden. Du warst und bleibst Dung, der Galgenbäume wachsen läßt.“
(Zit. aus Yoram Kaniuk, Ein Leben für ein Leben – Adam Hundesohn.)
Yoram Kaniuk (Kaniuk über seinen früheren Nachbarn in Israel, einen Herrn Gelbard) Gelbard verlor seine Frau und seine beiden Töchter. Er gehörte zu den wenigen, die Auschwitz überlebten. Er war ein einfacher Mann, ein Schreiner, und als er sah, wie die Menschen in Rauch aufgingen, glaubte er, er werde der letzte Jude sein, weil das, was dort geschah, sicher allen Juden in der Welt widerfuhr. […] Nach dem Krieg kam er […] nach Palästina. […] Gelbard, der körperlich sehr geschwächt war, lief stets mit einem Messer herum, „damit ihm das nicht noch einmal passiert“. Er verstand nicht, warum die Araber sich beschwerten, wenn sie aufgefordert wurden, zehn Kilometer weiter nach Osten in Dörfer und Städte zu ziehen.
(Zit. aus: Yoram Kaniuk, Der letzte Berliner)
Yoram Kaniuk Den Deutschen fällt es schwer, einem Volk anzugehören, das in einer unauflöslichen Verbindung Heinrich Heine und Heinrich Himmler, Weimar und Buchenwald, epochale Kunstwerke und den Dämon hervorgebracht hat, den Paul Celan mit den Worten „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ umschrieb.
(Zit. aus: Yoram Kaniuk, Der letzte Berliner)
Primo Levi (Italienischer Schriftsteller, Chemiker, Überlebender von Auschwitz, über die seelische Verfassung der Häftlinge bei der Befreiung) Sie grüßten nicht, sie lächelten nicht; sie schienen befangen, nicht so sehr aus Mitleid, als aus einer unbestimmten Hemmung heraus, die ihnen den Mund verschloss und ihre Augen an das düstere Schauspiel gefesselt hielt.
(Zit. aus Primo Levi, Die Untergegangenen und die Geretteten)
Primo Levi (über Biedermänner und Brandstifter) Monsters exist, but they are too few in number to be truly dangerous. More dangerous are the common men, the functionaries ready to believe and to act without asking questions.
Thomas Mann (Deutscher Schriftsteller, Literatur-Nobelpreisträger, lebte als Exilant in den USA, später in der Schweiz) Es war nicht eine kleine Zahl von Verbrechern, es waren Hunderttausende einer sogenannten deutschen Elite, Männer, Jungen und entmenschte Weiber, die unter dem Einfluss verrückter Lehren in kranker Lust diese Taten begangen haben.
(Zit. aus: Thomas Mann, Meine Zeit, Essays 1945-1955, darin: Die deutschen KZ.)
Thomas Mann Die Menschheit schaudert sich vor Deutschland! Ja, vor Deutschland. Denn dieses hat das fürchterliche Beispiel gegeben, und auch der Deutsche, der sich beizeiten aus dem Bereich nationalsozialistischer Menschenführung davongemacht hatte, der nicht, wie ihr, in der Nachbarschaft dieser Greuelstätten lebte, in scheinbaren Ehren seinen Geschäften nachging und nichts zu wissen versuchte, obgleich der Wind ihm den Gestank verbrannten Menschenfleisches von dorther in die Nase blies, auch ein solcher fühlt sich in tiefster Seele beschämt von dem, was im Land seiner Väter und Meister möglich geworden, freilich nur durch das Hitlerregime möglich geworden war, erschüttert von einer menschlichen Degradierung, die nur durch diese eine, die Naziherrschaft, in einem von Hause aus guten, Recht und Gesittung liebenden Volk angerichtet werden konnte.
(Zit. aus: Thomas Mann, Meine Zeit, Essays 1945-1955, darin: Die deutschen KZ.)
Harry Mulisch (Schriftsteller. Beobachter des Eichmann-Prozesses in Jerusalem, 1961/62. Zur Psychologie des NS-Massenmörders Adolf Eichmann) Was muß darum der Judenmord für Eichmann bedeuten? Gekuppelt an die Macht, den Status, die Uniform, das Auto mit Chauffeur, die Mätressen, den Schnaps, die Feste, und natürlich, auch gekuppelt an die schönen Dinge, die er sah, Städte, Budapest, Musik, die er hörte, seine Kinder – natürlich steigen ihm Tränen der Rührung und des Heimwehs in die Augen, wenn er an die Tage der Gaskeller zurück denkt. Wie konnte jemand annehmen, daß er Entsetzen oder Reue beim Anhören der Zeugen zeigen würde: das war die gute alte Zeit.
(Zit. aus: Strafsache 40/61. Eine Reportage über den Eichmann-Prozeß, S. 219f.)
Harry Mulisch (Mulisch sieht Eichmann nicht als etwas einzigartig Böses, sondern als Ausprägung eines Menschen, von denen es insgeheim viele gibt – überall. Nur ein Holocaust kommt nicht immer oder überall vor. Daher nehmen die „kleinen Eichmanns“ der Welt an anderen Grausamkeiten teil: in den Abu Ghraibs, Foltergefängnissen, Gefangenenlagern dieser Welt) So ist der Mensch […] Es ist möglich, in ihm alles mit allem zu paaren. Völkermord mit Cocktailparties, Frauenmord mit Madonnenverehrung, Kindermord mit Kinderliebe. Außerhalb der Regeln der Moral gibt es nirgends eine moralische Wirklichkeit; sie existiert nicht in der menschlichen Natur. Die existiert auch nicht. Es ist sogar sinnlos, einfach `Judenmord` zu sagen. Denn der eine erschaudert, der andere schmunzelt, der dritte wird gerührt, der vierte zuckt die Achseln.
(Zit. aus: Strafsache 40/61. Eine Reportage über den Eichmann-Prozeß, S. 220)

Harry Mulisch Eichmann-Prozess
Der lebhafte Bericht des jungen Harry Mulisch als Augenzeuge des Eichmann-Prozess
Tagebucheintrag (eines namentlich nicht genannten israelischen Mädchens; während eines Besuchs der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau) Ich habe geweint, und ich habe eine Gruppe Jugendlicher aus dem Ausland gesehen. Für mich haben sie nicht jüdisch ausgesehen. Was machen sie hier? Warum entwürdigen sie das heilige ….? Am Abend, als wir zusammen saßen, um über die Ereignisse des Tages zu reden [sagte ich, diese Jugendlichen] sollten nicht Teil von unserem Auschwitz sein. Alle haben zugestimmt.
(Übers. aus: Avraham Burg, The Holocaust is over. We must rise from its ashes, dort: Owing the Holocaust.)
Jorge Semprun (Schriftsteller, Überlebender des KZ Buchenwald) Und zweifellos wußte ich, aus der archaischsten Tiefe eines inneren Wissens, daß ich wieder aufleben, den Lauf eines möglichen Lebens wieder aufnehmen würde. Ich hatte sogar den Wunsch, ein heftiges Verlangen nach dieser Zukunft: Musik, Sonne, Bücher, durchwachte Nächte, Frauen, Einsamkeit. Ich wußte, dass es notwendig und richtig war, wieder aufzuleben, ins Leben zurück zu kehren, daß nichts mich daran hindern würde.
(Zit. aus: Jorge Semprun, Schreiben oder Leben)
Jorge Semprun Kommen Sie, habe ich zu den jungen Frauen der Französischen Mission gesagt [die das KZ Buchenwald unmittelbar nach der Befreiung durch die Russen besuchten], ich zeige es ihnen. […] Ich hatte sie durch die kleine Tür des Krematoriums eintreten lassen, die in den Keller führte. Sie hatten begriffen, dass es keine Küche war, und verstummten plötzlich. Ich habe ihnen die Haken gezeigt, an denen die Deportierten gehenkt wurden, denn der Keller des Krematoriums diente zugleich als Folterkammer. Ich habe ihnen die Ochsenziemer und die Keulen gezeigt. Ich habe ihnen die Lastenaufzüge gezeigt, die die Leichen ins Erdgeschoß brachten, direkt vor die Öfen. […] Ich habe ihnen die Reihe der Öfen gezeigt, die halbverkohlten Leichen, die darin lagen. […] Danach habe ich sie aus dem Krematorium auf den von einem hohen Bretterzaun umgebenen Innenhof geführt. Dort lag, in der Mitte des Hofs, ein Leichenberg, gut drei Meter hoch. Ein Haufen vergilbter, verkrümmter Skelette mit schreckensstarren Blicken. Draußen, jenseits des Zauns, spielte nach wie vor das russische Akkordeon in höllischem Rhytmus. Der Jubel des gopak drang bis zu uns, über diesem Leichenberg wirbelnd: Tanz für die Toten des letzten Tages, die liegen geblieben waren, weil die fliehenden SS-Leute das Krematorium hatten ausgehen lassen.
(Zit. aus: Jorge Semprun, Schreiben oder Leben)
Leokadia Szlak (verbrachte 63 Monate in Auschwitz und Dachau; lebt in Armut in Haifa [Israel]) Ich werde es nicht bedauern, diese Welt zu verlassen. Dass wir heute in so einer Welt leben mit dem Antisemitismus und Leuten die sagen, dass der Holocaust nur eine Erfindung war. Ich persönlich habe keine Zukunft mehr. Zukunft werde ich haben dort. Ich werde nicht die Hölle haben, die Hölle war hier.
(Bericht Deutschlandfunk)

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Photo Bergen-Belsen: Sgt. OaksImperial War Museum, Photograph Number BU 4260 (gemeinfrei)