Kein bisschen empörend: US-Soldaten urinieren auf tote Taliban

Niederbrennen ist in Ordnung, auf Tote pissen nicht !

Das Pentagon ist „schockiert“. Für den SPIEGEL ist ein ein „Skandalvideo“. Für die Süddeutsche sind es „schockierende Bilder“. Der Tagesspiegel spricht von einem „Schockvideo“ und der WELT ist es ein „Ekelvideo“.

Tut mir leid, aber ich bin kein bisschen empört.

Dass ein paar amerikanische Soldaten offenbar auf tote afghanische Rebellen gepinkelt haben – wie ein weltweit zu sehendes Video zeigt – ist keine schöne Sache.

Aber Moment, da war doch was… Richtig: Krieg!

Sie wissen schon, Krieg, das ist zum Beispiel der Einschlag einer 155mm-Granate in eine Gruppe feindlicher Soldaten, wobei von der Gruppe nichts größeres übrig bleibt als bestenfalls 1 Pfund-Brocken.

Bei denen, die in solchen Gemetzeln dabei waren oder sind, gelten im übrigen andere Gesetzmäßigkeiten als in unserem Alltag.

Das Adrenalin kommt aus den Ohren heraus. Man braucht unbedingt ein Ventil. Nicht alle haben sich im Griff. Ist letztlich nur eine Frage der statistischen Normalverteilung, wer dabei über die Stränge schlägt, plündert oder mordet, durchdreht,  oder sich schließlich selbst die Kugel gibt.*

Im russischen Afghanistankrieg haben Taliban manchem gefangenen Russen die Haut vom Leib gezogen. Als im Zweiten Weltkrieg russische Soldaten erstmals auf deutschen Boden kamen, haben Massenvergewaltigungen stattgefunden, bei denen Frauen lebendig gekreuzigt wurden. Kein Wunder, haben doch die Kultur-Deutschen in Russland unendlich schlimmer gewütet als die Mongolen. Japanische Soldaten haben bei der Eroberung von Südchina… aber lassen wir das, diese Liste ist unendlich lang, und es gibt keine Heiligen dabei.

Daher verstehen die gar nichts, die annehmen, man wäre im Krieg nur Zivilist mit anderer Kleiderordnung. Man macht seinen Job und bleibt anständig.

So zu tun, als könnte man einen Krieg „human“ halten, ist von vornherein eine abstruse Vorstellung. Jede Nation die in den Krieg zieht oder hinein gezogen wird muss aus der Natur der Sache heraus zwingend damit rechnen, dass es zu mehr oder weniger grausamen Begleiterscheinungen kommt.

Aber: Das Grausame sind nicht diese Begleiterscheinungen wie etwa das machohafte Präsentieren von Totenschädeln, so wie es vor nicht allzu langer Zeit eine Gruppe von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan gemacht haben, sondern der Krieg an sich.

In der Bombennacht von Dresden (14./15. Februar 1945) wurden 650.000 Brandbomben abgeworfen. Vorsichtigen Schätzungen zufolge wurden 40.000 Menschen weggebrannt. Die Deutsche Wehrmacht hat die russische Stadt Leningrad 900 Tage lang belagert. Abgesehen von den Folgen des permanenten Beschusses hat die Bevölkerung zuletzt auch ihre letzten Pferde, Hunde und Toten gefressen.

Solange man der offiziellen Lesart folgt, ein Krieg könne grundsätzlich etwas Humanes sein, hat man sich schon einer schönfärberischen Illusion ergeben. Als Folgefehler kommt dann konsequenterweise die Empörung über einzelne „Entgleisungen“.

Dieser Zusammenhang ist schockierend, nicht das „Schockvideo“.

FUCK: Colonel Kurtz hatte recht

Sie erinnern sich an Apocalypse Now? Der abtrünnige US Colonel Walter E. Kurtz – grandios gespielt von Marlon Brando – räsoniert voll Zynismus über die Scheinheiligkeit, die inmitten des großen Schlachtens herrscht:

Wir erlauben unseren jungen Soldaten unsere Feinde mit Napalm zu verbrennen,
aber unsere Kommandeure verbieten ihnen,
das Wort „Fuck“ auf die Flügel ihrer Bomber zu schreiben,
weil das unanständig ist!**

Können Sie sich erinnern, wann in unseren Nachrichten mit Empörung darüber berichtet wurde, dass irakische oder afghanische Kämpfer durch eine übermächtige Kriegsmaschinerie auf beliebige Weise pulverisiert, zerstampft, verbrannt, zerschossen wurden?

Ja, beim allierten Bombenangriff auf die entführten NATO-Tanklaster, bei denen auf Befehl des deutschen Oberst Klein Dutzende afghanische Zivilisten ums Leben kamen, gab es tatsächlich einmal einen Aufschrei. Das war es dann im Großen und Ganzen. Der Rest fällt unter „Kollateralschäden“ (das ist so etwas wie „Pech“).

Nun aber haben wir endlich wieder einen echten Fall für Empörung: Pissen auf Tote!

Ja, empöre sich wer kann.

— Schlesinger

PS.: Für die Medien ist die Berichterstattung über solche „Einzelvorkommnisse“ sehr ergiebig. Keine WELT könnte täglich oder jeden zweiten Tag über ein Bombardement, einen Beschuss o.ä. so berichten, dass es die Leser wirklich fesselt. Es wäre schlicht eine Wiederholung des immer gleichen. Ein Kriegsverbrechen dagegen ist allemal gut für einen besonderen Aufhänger. Und was kommt besser an als ein Bericht, über den man sich aus tiefstem Herzen entrüsten kann? Nichts, denn sonst würde die BILD-Zeitung nicht funktionieren, und der ganze mediale Rest nur halb so gut. Passend zur Frage, inwieweit man den Medien vertrauen kann ist die aktuelle Diskussion auf dem Freitag zum Thema „Wie gehen die Medien mit der Affäre Wulff um?

* Suizidrate unter US Veteranen (Irak, Afghanistan) Anfang 2010: Durschnittlich 950 Selbstmordversuche pro Monat, 18 erfolgte Selbstmorde pro Tag.

** We train young men to drop fire on people. But their commanders won’t allow them to write „fuck“ on their airplanes because it’s obscene!

Photo: US Army (Public Domain, via Wikiquote)