Iran: Lügen so dick wie Schlangen

ICH WEISS ES NICHT

Ich weiß es nicht, und die Iraner wissen es nicht“, meinte Robert Fisk vom britischen Independent zum wahren Ergebnis des Wahlausgangs im Iran.

Fisk ist in der angelsächsischen Welt so etwas wie Peter Scholl-Latour im deutschsprachigen Raum. Der Doyen der Berichterstattung über den Nahen Osten. Kritisch und mißtrauisch gegenüber jederman. Eine gute Voraussetzung für gute Berichterstattung.

Fisk berichtet derzeit aus Teheran. Er versucht stärker als seine Kollegen, nicht nur aus den komfortablen Hotels aus dem Norden Teherans heraus zu berichten, sondern auch aus anderen Stadtteilen dieses Millionenmolochs. Etwa aus dem armen Süden. Dort trifft er auf weitaus mehr Anhänger Ahmadinedschads als solche Moussawis. Dennoch: Dass Moussawi nur so wenig Stimmen erhalten hat, bezweifelt Fisk stark, und will gleichzeitig nicht ausschliessen, dass Ahmadinedschad gewonnen haben könnte.

„Die Lügen sind so dick wie Schlangen in der Wüste“, meint Fisk lakonisch, und spricht keine Seite davon frei.

ICH WEISS ES

Im Gegensatz zu Fisk zeigt – der auch von mir geschätzte – Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik in seinem jüngsten Interview mit der Süddeutschen wenig Wankelmut in seiner Aussage: „Es war sicher keine perfekte, aber eine echte Wahl.“ Die dazu gelieferten Hinweise Perthes‘ haben alle ihre Berechtigung, aber just beim wichtigen Hinweis auf die ärmeren Ahmadinejad-loyalen Schichten wird keinerlei quantitatives Argument geliefert. Doch nur das wäre mit Blick auf ein Wahlergebnis entscheidend, und nicht der allgemeine Hinweis, dass es grundsätzlich diese Schichten mit ihren Loyalitäten gibt.

Weiterhin verweist Perthes (und viele andere) auf eine Umfrage des amerikanischen „Center for Public Opinion“, die schon im Frühjahr ein Ergebnis gezeigt habe, das dem jetzigen Wahlergebnis weitgehend entsprechen würde. Zum einen ist bemerkenswert, dass man Wahlprognosen, denen ansonsten eher wenig Zutrauen geschenkt wird, nachträglich in den Stand von Beweisen erhebt. Vermutlich lässt sich zu jedem beliebigen Wahlausgang im nachhinein eine „passende“ vorherige Umfrage finden.  Zum anderen gibt es eine interessante Untersuchung der Princeton Universität just zu diesen Umfragen, die gehörige Zweifel anmelden. Perthes indessen hat sie 1:1 für seine Argumentation übernommen, was aus methodischer Sicht durchaus fragwürdig ist.

SCHWARZ, WEISS ODER GRAU ?

Fisk muss alles mit eigenen Augen sehen und ging daher zu dem Unicampus, an dem sieben oder zehn Studenten getötet worden sein sollen. Das Blut auf den Fluren kann er bestätigen, aber mehr nicht. Er hat es nicht selbst beobachtet, und die Informationen, die an ihn herangetragen werden, sind widersprüchlich. Er vermeidet zu diesem Punkt eine Festlegung.

Er hört das Gerücht, die brutalen Schlägertrupps, die auf Demonstranten einprügeln, seien gar keine Iraner, sondern Mitglieder der Hisbollah. Fisk will mit einigen Angehörigen dieser Sicherheitskräfte sprechen, und stellt zu seinem Verblüffen fest, dass sie kein arabisch sprechen, auch nicht wie Iraner aussehen, aber auch nicht wie Libanesen. Er vermutet, es seien Stammesangehörige aus den Grenzregionen zu Afghanistan. Einmal mehr zeigt sich die Wahrheit nicht als schwarz oder weiß, sondern als Grauton. Wie könnte es auch anders sein in einer derart brisanten politischen Lage?

CNN VERMASSELT ES

Wenig Verständnis hat Fisk für vorschnelle Urteile und teilt dazu einen Hieb gegen CNN aus. Deren Berichte seien voreingenommen. Assistiert wird er in dieser Auffassung vom bissigen amerikanischen Talkmaster Jon Stewart. Eine aktuelle Ausgabe von dessen „Daily Show“ heißt „CNN vermasselt es!„. Darin wird die  Behauptung von CNN auf den Arm genommen, Journalisten könnten nicht mehr offen aus dem Iran berichten. Daher sei CNN auch darauf angewiesen, Informationen über Twitter und Facebook zu beziehen. Auch Fisk hat davon gehört, dass Journalisten Beschränkungen unterliegen, kann es aber zumindest aus dem bislang Beobachteten nicht bestätigen.

Um einer Wahrheit näher zu kommen, muss sich der versierte Berichterstatter auch auf Instinkt und Erfahrung verlassen – im Fall Fisks einer jahrzehntelangen Erfahrung. Und so meint Fisk, das Staatsoberhaupt Ayathollah Chameni hat sich mit einer einseitigen Parteinahme zugunsten des Amtsinhabers unnötig parteisch verhalten, erachtet es zudem als tragisch, dass der Iran mit Ahmadinedschad von einem dieser von Haus aus gescheiterten Politiker regiert wird, vergleichbar mit Libyens Ghaddafi oder Libanons Michel Aoun, und nennt das Regime Ahmadinedschads „halb-diktatorisch“.

Anti Ahmadinedschad Demo München

ICH BIN TOT, WENN ICH ZURÜCK GEHE

„Ich bin tot, wenn ich zurückgehe und öffentlich sage, dass ich Atheist bin!“ platzt es unvermittelt aggressiv aus dem etwa 60jährigen demonstrierenden Iraner heraus, kaum habe ich ihn darauf angesprochen, was mit dem Schriftzug auf seinem Plakat gemeint sei.

Darauf stand „Schluß mit religiöser Minderheitenverfolgung“. „Die Minderheiten haben keine Rechte unter den Mullahs“ schimpft der Protestierende weiter, „Atheisten, Juden, die Anhänger Zarathustras, die werden alle unterdrückt. Ich bin Iraner, die haben kein Recht mir vorzuschreiben, an was ich glauben soll!“

Ein etwa Gleichaltriger daneben fügt hinzu „Ich bin zarathustrischer Perser, wir feiern keine muslimischen Feste, wir haben unsere eigenen zarathustrischen Feste, aber das dürfen wir nicht öffentlich zeigen, wir müssen uns verstecken!“

Der Münchner Zug der Demonstranten gegen das iranische Wahlergebnis war nach Angaben eines begleitenden Polizisten etwa 300 Personen stark. Das mag wenig scheinen angesichts einer iranischen Gemeinde von etwa 5000. Dazu befragt meinte ein Teilnehmer, das sei verständlich, denn zum einen hätten manche schon vor dem iranischen Konsulat demonstriert, und zum anderen seien viele eingeschüchtert und würden sich nicht trauen, sich öffentlich gegen den Präsidenten auszusprechen. Ich solle mich später einmal nach rechts drehen und mir den Mann mit Sonnenbrille und Videokamera ansehen. Der sei heute von Anfang an dabei. Der hat mit niemand gesprochen und wird von niemand angesprochen. Alle wissen, dass der vom Staatsschutz ist. Warum müssen die uns auf Video aufnehmen? fragt der Mann und schließt mit der Erklärung ab, dass er sich jedenfalls so lange nicht in seine Heimat zurück trauen könne, wie dieses Regime an der Macht sei.

INTERVIEW

Ein anderer Teilnehmer der Demonstration, der mit „Ingenieur“ und „38“ zumindest Beruf und Alter angeben wollte, fand sich zu einem kurzen Interview bereit.

Frage: Ayathollah Chameini hat den USA und Großbritannien schwere Einmischung in die inneren Angelegenheiten vorgeworfen. Ihre Meinung?

Antwort: Das macht das Regime doch seit vielen Jahren so. Natürlich haben sich die Amerikaner früher eingemischt [hier Mimik und Gestik des Befragten, dass das nicht willkommen ist; Anm. d.Verf.], aber dasselbe immer wieder zu behaupten, und gerade jetzt mit Obama als Präsident, das ist in der aktuellen Situation nur eine Lüge. Wann immer sich irgendeine Opposition im Land zeigt, wird sie in die Ecke von Landesverrat gestellt. Das ist nur Einschüchterung.

Und wenn wir uns jetzt nach den Wahlen nicht frei äußern können, sondern gleich den Schlägern der Bassidjiis ausgesetzt sind, dann hat das auch etwas mit Menschenrechten zu tun. Und dann sage ich: Hoffentlich mischen sich die USA und Europa ein!

Frage: Offenbar werden die Medien Twitter und Facebook mehr denn je genutzt, um sich gegenseitig zu informieren. Man hört aber auch, dass diese Medien zu Propagandazwecken benutzt werden. Was ist Ihr Eindruck?

Antwort: Natürlich geht alles mögliche durch Twitter und Facebook. Was aber die ganzen Schreckensnachrichten über Verhaftungen und vor allem die Schlägertrupps anbelangt, so deckt sich das genau mit unseren eigenen Informationen. Ich und die meisten hier haben ja Verwandtschaft und Freunde im Iran.

An dieser Stelle mischen sich zwei nebenstehende Frauen ein: Ja, meint die eine, sie erfährt von ihren Verwandten aus Teheran, dass die Bassidjiis nicht nur bei den Demonstrationszügen als Schläger auftauchen, sondern dass sie überall in Teheran in Wohnungen eindringen, Leute verprügeln, die Wohnung kaputt machen und Schlimmeres. Überall!
Die andere Frau wirft ein: Und wenn es jemand komisch findet, dass viele Twitter-Nachrichten in so gutem Englisch verfasst sind, soll er nicht gleich CIA ! schreien, sondern daran denken, dass alleine in Kalifornien eine halbe Million Iraner leben. Die haben natürlich Kontakt zu ihren Freunden und Verwandten und nutzen dabei auch Twitter. Wenn wir gerade bei Amerika sind: Der Haß auf Amerika ist gerade hier im Westen bei vielen der wichtigste Grund, dass sie für Ahmadinedschad sind. Die sagen sich, der ist so großartig gegen die Amerikaner, der muss gut sein. Dass Millionen im Iran unter Ahmadinedschad leiden und wir uns nicht zurücktrauen dürfen, ist denen doch vollkommen gleichgültig. Die wollen bloß ihr Amerikabild pflegen und benutzen uns auch noch dafür.

Frage: Was macht sie so sicher, dass das Wahlergebnis nicht korrekt ist?

Antwort: Da gibt es so viele Hinweise. Schon die letzten Wahlen waren gefälscht. Aber man konnte nichts nachweisen, wie auch? Anscheinend wurden dieses mal mehr Wahlscheine gedruckt als benötigt wurden. Aber trotzdem waren plötzlich überall zu wenig Wahlscheine. Dann wurden die Beobachter Moussawis in vielen Fällen nicht in die Wahllokale gelassen. Schon um 20 Uhr hieß es im Staatsfernsehen, dass bereits 20 Millionen Iraner für Ahmadinedschad gewählt hätten. Wie soll das gehen? Das war doch keine elektronische Wahl. Wie sollen die Ergebnisse aus dem riesigen Land so schnell zusammen kommen? Hier in Deutschland kann man den Hochrechnungen Schritt für Schritt folgen, aber im Iran heißt es ganz plötzlich: 20 Millionen! Alle Anhänger Moussawis waren ja absolut überzeugt von ihrem Sieg und in Feierstimmung. Moussawi hatte im ganzen Land seine Wahlbeobachter. Und dann dieses Ergebnis. 63 Prozent! Wir wurden betrogen. Deshalb sind alle spontan auf die Straße. Das Regime wollte die Demonstrationen zu Anfang ganz totschweigen. Sogar im Ausland wurde mit der Zahl eine Million zuwenig angegeben. Der Oberbürgermeister von Teheran selbst hat anhand eines Stadtplans ausrechnen lassen, dass der Demonstrationszug vom Azadi-Platz (Freiheitsplatz) bis zum Chomeiniplatz drei Millionen umfasst haben muss.

Frage: Was halten Sie von dem Argument derer, die das Wahlergebnis für korrekt halten, dass man sich sowohl im Iran wie auch im Westen von der beeindruckenden Optik der „grünen“ Reformer hat täuschen lassen, da die Masse der Landbevölkerung und der einfacheren Schichten auf der Seite Ahmadinedschads stehen würde?

Antwort: Welche Masse der Landbevölkerung? Iran ist eins der Länder mit der höchsten Urbanisierung. Inzwischen wohnen 60-70 Prozent der Iraner in Städten. Alleine der Großraum Teheran hat weit über zehn Millionen. Und die Bevölkerung besteht zu rund fast Dritteln aus Leuten unter Dreissig. Von denen sollen so viele Ahmadinedschad gewählt haben? Das glauben in Teheran und in den anderen großen Städten nicht viele.

[Ende des Interviews]

Auch hier gilt: Es sind streng genommen keine harten Beweise, die einen möglichen Sieg Ahmadinedschads widerlegen. Dennoch scheinen viele Indizien glaubwürdig. Was sie aus meiner subjektiven Sicht glaubwürdig macht: Es fehlt ihnen der Fanatismus. Sie kommen nicht dogmatisch daher und werden schon gar nicht mit Drohungen unterlegt.

Dogmatismus und Drohungen scheinen indessen nicht nur zur Politik der Regierung Ahmadinedschad zu gehören, sondern auch von dessen Anhängern hierzulande gepflegt zu werden, wie folgendes aktuelle Rundschreiben eines Dr. Yavuz Özoguz vom viel besuchten Web-Dienst „Muslim-Markt“ zum Thema Iran-Wahl nahelegt:*

IM NAMEN DES ERHABENEN

(So beginnt das Rundschreiben im Original, das offenbar auch an die Mitglieder des Bundestags ging)

„Die Islamische Revolution ist weiter gereift. Während die Islamische Revolution im Iran und die Bevölkerung, die sie trägt, immer weiter reift, wird die westliche Medienwelt immer kindischer, vergleichbar einem demenzkranken Alterschwachen„. […]

Die Straßen der Hauptstadt Teheran wurde übervölkert mit grünen Kopftüchern, die allerdings mehr hinter als auf den Köpfen jener geschminkten und gestylten Frauen zu finden waren, ohne dass „Sittenwächter“ eingriffen. Jene Puppen auf den Straßen sollten das Westliche Ideal der „Freiheit“ symbolisieren.“ […]

Der Kandidat [Moussawi, Anm.d.Verf.] versprach einen „Change“ und versprach vor allem, nicht mehr über das Meinungsfreiheitverbot bezüglich Holocaust in der Westlichen Welt zu sprechen. […]

Die Reichen-Schicki-Micki-Gesellschaft im Iran, unter denen sich Westliche Journalisten fast ausschließlich aufhalten, ist nun einmal nicht repräsentativ.[…]

Während die Anhänger Mousawis sich in ihrer Selbstverblendung bereits auf straßenschlachtartige Festlichkeiten vorbereitet hatten […]

Den Bevölkerungen in der Westlichen Welt obliegt es nunmehr, selbst zu entscheiden, welchen Weg sie beschreiten mögen, einen Weg des frischen Aufbruchs und der Weiterentwicklung, oder einen Weg des Rückschritts eines Hegemonialtraums, der stets in den Untergang des Imperiums mündet.[…]“

„Die“ westliche Presse ist demenzkrank?
Die Frauen im Millionenheer der Demonstranten sind „Puppen“?
Der Westen leidet unter eingeschränkter Meinungsfreiheit, weil man den Holocaust nicht leugnen darf?
Die Millionen auf Teherans Straßen sollen Schicki-Mickis sein?
Die Anhänger Moussawis haben sich auf straßenschlachtartige Festlichkeiten vorbereitet?
Der Westen solle sich entscheiden, um nicht unterzugehen?

All das kam die letzten Tage auch aus der iranischen Führungsriege. Der Spielraum ist nicht besonders groß, um diese  Sprache, die kaum verhüllten Drohungen und die zugehörige Gesinnung einzuordnen. Die mit diesen Anwürfen einhergehende Forderung nach Selbstbestimmung des Iran und Abwehr äußerer Einflüsse ist lediglich ein Feigenblatt, das kaum in der Lage ist, diese menschenverachtende und herrische Sprache zu verhüllen.

Diese Sprache passt leider zu der Ahmadinedschads, der die Demonstranten abschätzig als „Staub“ und Hooligans bezeichnet hat.

Vor diesem Hintergrund kann man erneut die Frage stellen, welcher Seite mehr Vertrauen geschenkt werden darf. Und so schliesse ich mich der Meinung Fisks vom halbdiktatorischen Regime Ahmadinedschads an, das die Wahlen möglicherweise gewonnen hat, und unterstütze im Übrigen die Forderung der iranischen Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, neue Wahlen anzusetzen.

Sollte sich das Regime zu einer blutigen Niederschlagung der Reformbewegung hinreissen lassen, die einen Gutteil der Bevölkerung repräsentiert, würde das Attribut „halb-diktatorisch“ nicht mehr genügen.

Noch ist es für eine gerechte Lösung nicht zu spät.

— Schlesinger

[ Updates 22.06.: „Die Proteste in Iran dauern an – und nun hat der mächtige Wächterrat neue Details bekannt gegeben. Demnach habe es bei der Präsidentenwahl in 50 Städten mehr Wähler als Wahlberechtigte gegeben. Es gehe um drei Millionen Stimmen.“

Der Parlamentsvorsitzende Ali Laridschani bestätigte im Rundfunk teilweise den Fälschungsvorwurf der Opposition, indem er sagte: „Eine Mehrheit des Volkes ist der Meinung, dass die wirklichen Wahlergebnisse sich von dem unterscheiden, was offiziell verkündet wurde.“ Die Meinung dieser Mehrheit solle berücksichtigt werden.]

Leseempfehlungen:

Robert Fisk: Battle for the Islamic Republic

Robert Fisk: In Tehran, fantasy and reality make uneasy bedfellows

(Photos 1,2: Transatlantikblog, 3 courtesy Randall Stoltzfus; 4 Tehranlive.org)