Die überschätzten Taliban

Die „Schüler“ (Taleban) hatten nicht gar so schweres Spiel, nach dem Sieg über die Sowjets in 1988/89 die Oberhand über die konkurrierenden Mujaheddin-Milizen zu gewinnen.

Immerhin standen die anderen Milizen teilweise seit zehn Jahren im Krieg. Die von Pakistan geförderten Taliban waren die jüngste und damit beinahe automatisch die motivierteste und aggresivste Bewegung.

1996 hatten sie sich durchgesetzt und beherrschten bis 2001 den größten Teil des Landes.

Was hatten sie in diesen sechs Jahren erreicht? Außer der unbarmherzigen Errichtung eines totalitär-religiösen Staates, der auf vollständige Bevormundung seiner Bürger nebst drakonischen Strafen setzte: Gar nichts.

Das Erfolgsgeheimnis bestand von Anfang an nur in dem Umstand, dass man die unguten Zustände der Vergangenheit, als da wären Korruption, Vetternwirtschaft, Parteienklüngelei, Berreicherung der Großgrundbesitzer, Vernachlässigung der sozialen und materiellen Infrastruktur, und schließlich der Einmarsch der verhassten gottlosen Kommunisten, hart anprangerte beziehungsweise bekämpfte, und unter dem Schild des wahren Islam eine ganz andere, vor allem gerechtere Zukunft versprach.

Doch dürften die Taliban nie beabsichtigt haben, Führer eines vorankommenden Staatswesens zu werden. Sie wollten – ganz im Stile alter orientalischen Despoten, oder, wenn man so will, im Stile mörderischer Regimes wie das Pol Pots oder Pinochets – die Macht um der kalten Macht willen.

Hätte man dieses Regime sich selbst überlassen, anstelle in 2001 den Kampf gegen Al-Quaida in dieses heruntergekommene Land zu tragen, wäre es im Laufe weniger Jahre kollabiert (Zugegeben: Wer weiß, wie lange die kambodschanischen Mörder Pol Pots noch gewütet hätten, wäre nicht Vietnam 1979 einmarschiert, um diesem Grauen ein Ende zu bereiten. Vielleicht einer der ganz wenigen Angriffskriege, die tatsächlich aus humanitären Gründen geführt wurden).

In Pakistan spielt sich möglicherweise dasselbe ab. Pakistan als Ganzes ist kaum anfällig für die radikalen Versprechungen der Taliban, die mit dem Krieg gegen die USA in den Genuss einer Art Frischzellenkur gekommen sind.

Der Nordwesten Pakistans, die halbautonomen FATA (Federally Administered Tribal Areas)-Gebiete waren schon immer dem Einfluss der Zentralregierungen entzogen. Daher machte es nur bedingten Unterschied, dass diese Regionen weitgehend an die Taliban fielen.

Doch ebenso wie die „Schüler“ in Afghanistan nicht Partei unter Parteien bleiben wollte, sondern die alleinige Herrschaft anstrebten, versuchte sie in Pakistan kürzlich den nächsten Schritt: Ein Vordringen in die Provinz Buner, kurz vor der Hauptstadt Islamabad gelegen.

Damit hatten die Taliban den Bogen überspannt, gerade auch aus Sicht derjenigen, die ihnen bislang recht neutral bis sympathisierend gegenüberstanden: Den Militärs, und Teilen des Geheimdienstes.

Die äußerst macht- und standesbewußte militärische Kaste Pakistans würde die traditionelle Machtlosigkeit in den FATAs auch weiter akzeptieren, doch nie ein Vordringen in ihren angestammten Herrschaftsbereich, so wie er derzeit stattfindet.

Überliesse man die Taliban sich selbst – auch in Afghanistan – würde sich das Problem aus weltpolitischer Sicht wahrscheinlich von alleine lösen.

Freilich zu einem horrenden Preis, den, wie schon in den Neunzigern, die Bevölkerung bezahlen müsste. Und diese Währung, das wird im Westen gerne vergessen, würde erneut in ungleich härterer Münze bezahlt, als es derzeit der Fall ist.

Daher wäre es vielleicht angemessener, Washington würde sich der Regierung Pakistans gegenüber zunächst weniger drängend zeigen, was den Kampf gegen die Extremisten anbelangt.

Obama könnte fürs erste darauf vertrauen, dass Islamabad aus schieren Überlebensinstinkten seine ganzen und nicht geringen Kräfte aufbietet, um die Widersacher im Westen in die Schranken zu weisen.

So aber werden nicht wenige den Eindruck haben, Amerika mische sich einmal mehr in pakistanische Belange ein.

Ein unnötiger Punktverlust.

— Schlesinger

(Photo: National Army Museum)