Eine kurze Geschichte der Beziehungen USA – Pakistan

„ALLES DIE SCHULD VON BUSH“

Die zwei netten amerikanischen Paare hatten wir im Urlaub getroffen, im beschaulichen nördlichen Piemont. Eines abends waren wir Tischnachbarn.  Unvermeidlich: Politik. Um eins ganz klar zu stellen, erklärte Helen vorweg: „It’s all Bush’s fault!“

„It’s all Americas fault!“ lautet nicht erst seit heute ein vielfach geäußerter Satz aus pakistanischen Mündern.

Nicht ganz untypisch dürfte diese pathetisch überfrachtete Stellungnahme sein:

Pakistan is still a 60-year old abused bride, or rather, a battered house-maid in an unbroken one-sided relationship to this brutish monster, currently called Bushs America. Tragedies on account of this unholy marriage (alliance) have befallen this nation one after another.

Pakistan eine seit 60 Jahren von den brutalen Vereinigten Staaten missbrauchte und geschlagene Braut? Infolge dieser unsäglichen Ehe sei eine Tragödie nach der anderen über Pakistan hereingebrochen?

AM ANFANG WAR DER KALTE KRIEG

Seit 60 Jahren? Damit beginnt die Verdrehung. Es widerspricht den Zeitläuften zu behaupten, die USA hätten bereits nach der von Muhammad Ali Jinnah betriebenen und gewaltbehafteten Loslösung Pakistans vom indischen Stammland im Jahr 1947 nennenswerten Einfluss auf das Land ausgeübt.

In den späten 40er Jahren entfaltete sich der Kalte Krieg, der im Koreakrieg (’50 – ’53) seinen ersten Höhepunkt erreichte. Mit dem Sieg Mao Tse Tungs über Tchiang Kai-Tschek wurde China kommunistisch.

Washington wähnte sich einer roten Front gegenüber.

Die USA konzentrierten sich außenpolitisch auf die Staaten, die in den Einflussbereich der Sowjetunion oder kommunistischer Regimes fallen könnten.

Dazu artikulierte Präsident Dwight D. Eisenhower im April 1954 die Dominotheorie: An den Kommunismus gefallene Staaten könnten andere Staaten ebenfalls in den Kommunismus stürzen, so wie ein Dominostein den nächsten stürzt.

Als muslimisches Land war Pakistan zunächst wenig verdächtig, in die Einflussphäre der Sowjetunion zu geraten.

Pakistans politische Landschaft war von Anbeginn geprägt durch die tief verankerte Feindschaft gegenüber Indien. Im Zuge der Trennung kam es zu einem millionenfachen Bevölkerungstransfer, der zwischen den Bevölkerungsgruppen der Sikhs und Muslime allzuoft in Feindseligkeit und Gewalt umgeschlagen war.

Bereits 1948 kam es zum ersten pakistanisch-indischen Krieg um die Region Kashmir.

EINE TRÜGERISCHE FREUNDSCHAFT

Die USA liessen sich früh davon überzeugen, in Pakistan einen loyalen Partner im „Kampf gegen den Kommunismus“ zu gewinnen. Förderlich aus Sicht Islamabads war dabei, dass sich Indien im großen Wettstreit von Ost und West neutral zeigte, aber bisweilen Sympathien für die UdSSR erkennen ließ.

Das Motiv Islamabads war ein anderes als der Kampf gegen den Kommunismus. Es wollte eine schlagkräftige Armee, um sich gegen Indien behaupten zu können. Der Kalte Krieg kam hier sehr gelegen, um sich an den Geldtrögen Washingtons zu mästen.

Präsident Eisenhower erkannte, dass in dieser Hinsicht eine ineffiziente Politik betrieben wurde. Zu Beginn des Jahres 1957 verzeichnete ein Protokoll des Nationalen Sicherheitsrates:

The President observed that we had decided some time ago that we wanted Pakistan as a military ally [Verbündeter].

Obviously it had been proved costly to achieve this objective [Ziel].

In point of fact, we were doing practically nothing for Pakistan except in the form of military aid.

The President said that this was perhaps the worst kind of a plan and decision we could have made. It was a terrible error, but we now seem hopelessly involved in it.

„Hoffnungslos verstrickt“: Wie wahr. Es wäre für Islamabad ein Leichtes gewesen, sich im Fall der Abwendung Washingtons an Moskau zu orientieren. Es bedurfte keines gesonderten Hinweises auf diese Option, um Washington auf Linie zu halten.

Ende 1957 schrieb US Botschafter James Langley eine Stellungnahme an sein Außenministerium, deren Wertung letztlich bis heute gilt:

Man habe da ein ungezähmtes Pferd am Schwanz, und sehe sich dem Dilemma ausgesetzt, es zähmen zu müssen, bevor man es sicher alleine laufen lassen könne („we have an unruly horse by the tail and are confronted by the dilemma of trying to tame it before we can let it go safely“).

Damals wie heute, so ergibt sich aus dem Bericht Langleys, wähnte man die Armee als die einzig zuverlässige Größe in Pakistan, sei sie doch weitgehend frei von ethnischen oder religiösen Spannungen. Es sei dahingestellt, ob das damals gegolten hat, heute ist es eine Farce, aber nicht aus ethnischen Gründen, sondern weil sich das Militär eine Parallelgesellschaft gebaut hat.

Präsident Ayub Khan (1958-69) bezeichnete Pakistan als den besten Verbündeten der Vereinigten Staaten in Asien („the most allied ally in Asia„). Auf diese vollmundige Erklärung braucht man nicht zu viel geben.

Khan versuchte das Interesse Washingtons am Leben zu halten, Pakistan als einen loyalen Staat in der Konkurrenz gegen die Sowjetunion zu sehen.

FINANZNOT UND MANGELNDE ENTWICKLUNG – damals wie heute

Im Dezember 1959 besuchte Khan Washington, um die fragwürdige Partnerschaft zu stärken. In der gemeinsamen Erklärung, die fatal heutigen Erklärungen ähnelt, verwies man auf die übereinstimmenden Interessen in der Region und stellte fest, dass Pakistan große finanzielle Bürden zu tragen habe, um „substantielle Entwicklungsprojekte“ voranzutreiben und gleichzeitig die Armee so auszustatten, dass sie den nationalen Sicherheitsbedürfnissen entspreche:

They recognized the heavy financial burden placed upon Pakistan in its efforts to undertake substantial development projects and at the same time to maintain armed forces consonant [gemäß] with its national security.

Alles blieb beim Alten, und die zerrüttete Ehe wurde weitergeführt.

Gut gerüstet fühlte sich Pakistan ausreichend schlagkräftig, gegen Indien in 1965 einen zweiten Krieg um Kashmir zu führen.

1971 brach in Pakistan ein Bürgerkrieg aus, der von indien-freundlichen bengalischen Milizen gegen die Armee betrieben wurde. Das Resultat war die Abtrennung Ost-Pakistans, das zum heutigen Bangladesh wurde. Infolge dieser Spaltung trat Khan zurück. Unter Zulfikar Ali Bhutto kam es 1971 bis 1977 zu einer Zivilregierung und ersten zaghaften Versuchen einer Demokratisierung. Bhutto wurde gestürzt von seinem muslimischen Nachfolger Zia ul-Haq, in einem Verfahren angeklagt und 1979 zum Tode verurteilt.

Zwischenzeitlich hatte Indien im Mai 1974 seine erste Atombombe gezündet. Ein Schock für Pakistan, das nun seinerseits alles daran setzte, auf diesem Gebiet gleichzuziehen. Während US Präsident Gerald Ford die Ausrüstung Pakistans mit ziviler französischer Atomtechnik hinnahm, verhängte sein Nachfolger Jimmy Carter Sanktionen über Islamabad, die er angesichts der umwälzenden Ereignisse des Jahres 1979 zurücknahm.

1979 – DIE RADIKALISIERUNG BEGINNT

Zia ul-Haq führte nicht nur das islamische Recht der Scharia ein, sondern erkannte die günstigen Umstände, die sich im Dezember 1979 mit dem Einmarsch der UdSSR in Afghanistan ergaben. Washington würde nun dringender denn je auf Pakistan angewiesen sein – so viel war klar.

Mujaheddin mit Stinger-Rakete

Der Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski des noch amtierenden Präsidenten Jimmy Carter plädierte angesichts der Invasion dafür, die Mujaheddin als Hebel gegen die Sowjets zu verwenden. Dazu müsse allerdings die Position gegenüber Pakistan modifiziert werden:

„This will require a review of our policy toward Pakistan, more guarantees to it, more arms aid, and, alas, a decision that our security policy toward Pakistan cannot be dictated by our nonproliferation policy“

Im Januar des folgenden Jahres zog Ronald Reagan ins Oval Office ein. Hatte Brzezinski die Richtung vorgegeben, bestimmte Reagan über Art und Umfang der dafür erforderlichen Maßnahmen.

Zia ul-Haq wußte den anti-sowjetischen Eifer Reagans zu nutzen und präsentierte sich erfolgreich als dessen bester Freund. Das sollte sich lohnen – wenigstens für Islamabad. In jenen Tagen verstärkte sich das Engagement der CIA in der Region Afghanistan / Pakistan enorm, und damit einher gingen immer größere Geldströme.

Der pakistanische Geheimdienst ISI tat im Verbund mit dem CIA sein Bestes, die Radikalisierung der massenhaft ins Land geflüchteten Mujaheddin im Kampf gegen die Sowjetunion voranzutreiben. Erst im Zuge des Krieges gegen die Sowjets wurde der Islam zum Band zwischen den sich ansonsten feindlich oder wenigstens mißtrauisch gegenüberstehenden ethnischen Gruppierungen Afghanistans. Dazu assistierte die CIA und warb im gesamten muslimischen Raum Freiwillige für den Kampf in Afghanistan an. Mujaheddin wurden in amerikanische Trainingslager wie Fort Bragg geflogen, dort ausgebildet und via Pakistan zurück zum Einsatz nach Afghanistan gebracht. (1)

Die Ideologisierung der afghanischen Kämpfer hatte aus Sicht Islamabads zwei große Vorzüge: Zum einen ließ sie sich gut gegenüber Washington verkaufen, und zum anderen – genauso wichtig – sah man fundamentalistische Mujaheddin als potentielle Verbündete gegenüber dem übermächtigen nichtmuslimischen Indien. Diese Einschätzung hat sich in vielen Kreisen bis heute gehalten.

1988 kam Zia ul-Haq bei einem Flugzeugabsturz ums Leben und Ronald Reagans zweite Amtszeit lief aus.

Im Jahr 1989 bekam Dick Cheney, Verteidigungsminister unter Bush sen., den „Barlow-Bericht“  vorgelegt. Demzufolge sei Pakistan im Besitz der Atombombe. Das passte nicht in die damalige Sicherheitspolitik Washingtons, derzufolge die angestrebte Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan hohe Priorität genoss – höhere jedenfalls als das in der Ära Carter vom Kongress verabschiedete Kerntechnik-Nichtverbreitungsgesetz (Nuclear Nonproliferation Act). Noch Reagan hatte eine Frage nach möglichen Kernwaffen Pakistans damit beantwortet, dass das die USA nichts anginge („I just don’t think it’s any of our business“). Islamabad jedenfalls hatte die Bombe seit 1987. Die Regierung Bush sen. sah weg.

Nach dem Tod Zias übernahm die amerikafreundliche Tochter Zulfikar Ali Bhuttos, Bhenazir Bhutto, das höchste Amt im Land. Bhutto demonstrierte Bündnistreue gegenüber Washington und beteiligte Pakistan 1990 mit 5000 Mann am Ersten Golfkrieg gegen den Irak. Gegen die Verquickung ihres Geheimdienstes mit den Taliban wollte oder konnte sie wenig unternehmen. Nach ihrer ersten Amtszeit räumte sie ein, dass Unsummen an die Taliban geflossen sind:

„Once I gave the go-ahead that they should get the money, I don’t know how much money they were ultimately given … I know it was a lot. It was just carte blanche.“

Wie 1979 eine Radikalisierung Pakistans mit sich brachte, brachte 2001 eine außenpolitische Verhärtung der USA mit sich. Nach dem 11. September 2001 lautete das Motto von US Präsident George W. Bush „With or against us!

Bush jr. war nicht so unklug zu verkennen, dass Pakistan ein wankelmütiger Bundesgenosse ist. Er war aber so unklug anzunehmen, dass sich mit brachialer Gewalt daran etwas ändern liesse.

Den Präsidenten Musharraf ließ Bush ultimativ wissen, dass Pakistan an der Seite der USA gegen die Taliban zu kämpfen habe, oder selbst als Feind angesehen werde. Musharraf blieb wenig übrig, als sich diesem Diktat zu beugen – und hielt die Hände weit offen für die weit über 10 Milliarden Dollar, die Washington – in naiver Verkennung der Lage vor Ort – seit 2001 seinem mutmaßlichen Verbündeten zukommen ließ. Vizepräsident Dick Cheney ignorierte das heikle Thema „Pakistan und die Atombombe“ unverändert.

Trotz dieser enormen Summen konnte die anti-amerikanische Stimmung in weiten Teilen der Opposition (von den Taliban-durchsetzten teilautonomen Gebieten an der Grenze zu Afghanistan ganz zu schweigen) nicht beseitigt werden. In 2002 formierte sich die islamistische und anti-amerikanische Bewegung Muttahida Majlis-e-Amal (MMA), die auf Anhieb 53 der 342 Sitze in der Nationalversammlung erringen konnte. Damit war sie drittstärkste Kraft. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Musharraf zwischen allen Kräften zerrieben wurde.

In den sogenannten staatlich verwalteten Stammesgebieten (FATA) im Westen Pakistans wurde die frühere feudale Autonomie durch die faktische Herrschaft der Taliban abgelöst. „In dieser Gegend halten wir alle zu den Taliban“, wurde dem Reporter Dexter Filkins offen mitgeteilt. Am 10. Juni 2008 kam es zu einem Schlagabtausch zwischen Taliban und US geführten Kräften, bei dem 11 pakistanische Soldaten ums Leben kamen. Erst im nachhinein stellte sich heraus, dass die pakistanischen Soldaten zuerst das Feuer auf ihren „Verbündeten“ eröffneten. Der Vorgang illustriert gut, dass das offizielle Bündnis zwischen Pakistan und den USA an der „Basis“ kaum Bestand hat.(2)

Bhenazir Bhutto, die sich anschickte, das Präsidentenamt erneut zu übernehmen, wurde im Dezember 2007 in einem Attentat getötet. Nicht wenige vermuten die Taliban hinter dem Anschlag, denn niemand würde von einer instabilen Lage im Land mehr profitieren als die zu größtem Machtbewußtsein gelangten Gotteskrieger.

Ein Großteil der heutigen misslichen Lage, um es zusammen zu fassen, geht auf amerikanischer Seite auf die massive Einflussnahme Reagans und seines Geheimdienstes zurück. Irreführend ist aber so zu tun, als hätte Washington 1979 aus dem Nichts gehandelt.

Der Ausgangspunkt, auf den der heutige Schlamassel in Pakistan zurückzuführen ist – und hier kann man mit gr0ßer Berechtigung eine Schuldzuweisung vornehmen – ist und bleibt die seitens Moskaus aus freiem Entschluss getätigte Invasion Afghanistans.

Wie Washington reagierte: Das war strategische Unvernunft. Freilich mit massivsten Konsequenzen.

Und Pakistan? Vielleicht seit den Anfängen war den Amtsinhabern in Islamabad weniger daran gelegen, das Land wirklich aufzubauen, als in fortdauerndem Ränkespiel die Macht an der Spitze zu behaupten, zu erlangen und sich gegen Indien zu profilieren.

Dass eine Nation, die sich jahrzehntelang kaum um sich selbst kümmert, in der einen oder anderen Weise unter die Räder kommt, muß einen nicht wundern.

Tragischerweise gilt für den Westen mit Blick auf Pakistan in gewissem Sinne dasselbe, das für den Irakkrieg gilt: „You breake it, you own it!“

Dass die größten Elefanten im Porzellanladen mitunter die pakistanischen Präsidenten selbst waren, ist nur ein schwacher Trost.

Dem „hopelessly involved“ von Präsident Eisenhower beugt sich – wenngleich mit sichbarem Widerwillen – derzeit noch Präsident Obama: Pakistan soll 400 Millionen Dollar Militärhilfe sofort und weitere 7,5 Milliarden für zivile Projekte verteilt auf die kommenden fünf Jahre erhalten. Der pakistanische Präsident heißt Zardari und ist der Witwer von Benazir Bhutto. Im Gegensatz zu Musharraf lässt er die Armee massiv gegen die Taliban vorgehen.

Zardari scheint zu sehen, dass der Geist, den man in den Achtzigern aus der Flasche ließ, zunehmend schwerer zu bändigen ist.

(1) „Good Muslim, Bad Muslim“ (Mahmood Mamdani, Herbert Lehman Prof. of Government, Columbia University), S. 136
(2) GEO 12/2008 (D. Filkins berichtet für New York Times Magazine; GEO-Bericht aus dem Khyber-Distrikt)

Leseempfehlung: Sind die Taliban kriegsmüde?

(Grafik: Wikipedia CC)
(Photo: Wikipedia CC)

„ALLES DIE SCHULD VON BUSH“

Die zwei netten amerikanischen Paare hatten wir im Urlaub getroffen, im beschaulichen nördlichen Piemont. Eines abends waren wir Tischnachbarn.  Unvermeidlich: Politik. Um eins ganz klar zu stellen, erklärte Helen vorweg: „It’s all Bush’s fault!“

„It’s all Americas fault!“ lautet nicht erst seit heute ein vielfach geäußerter Satz aus pakistanischen Mündern.

Nicht ganz untypisch dürfte diese pathetisch überfrachtete Stellungnahme sein:

Pakistan is still a 60-year old abused bride, or rather, a battered house-maid in an unbroken one-sided relationship to this brutish monster, currently called Bushs America. Tragedies on account of this unholy marriage (alliance) have befallen this nation one after another.

Pakistan eine seit 60 Jahren von den brutalen Vereinigten Staaten missbrauchte und geschlagene Braut? Infolge dieser unsäglichen Ehe sei eine Tragödie nach der anderen über Pakistan hereingebrochen?

AM ANFANG WAR DER KALTE KRIEG

Seit 60 Jahren? Damit beginnt die Verdrehung. Es widerspricht den Zeitläuften zu behaupten, die USA hätten bereits nach der von Muhammad Ali Jinnah betriebenen und gewaltbehafteten Loslösung Pakistans vom indischen Stammland im Jahr 1947 nennenswerten Einfluss auf das Land ausgeübt.

In den späten 40er Jahren entfaltete sich der Kalte Krieg, der im Koreakrieg (’50 – ’53) seinen ersten Höhepunkt erreichte. Mit dem Sieg Mao Tse Tungs über Tchiang Kai-Tschek wurde China kommunistisch.

Washington wähnte sich einer roten Front gegenüber.

Die USA konzentrierten sich außenpolitisch auf die Staaten, die in den Einflussbereich der Sowjetunion oder kommunistischer Regimes fallen könnten.

Dazu artikulierte Präsident Dwight D. Eisenhower im April 1954 die Dominotheorie: An den Kommunismus gefallene Staaten könnten andere Staaten ebenfalls in den Kommunismus stürzen, so wie ein Dominostein den nächsten stürzt.

Als muslimisches Land war Pakistan zunächst wenig verdächtig, in die Einflussphäre der Sowjetunion zu geraten.

Pakistans politische Landschaft war von Anbeginn geprägt durch die tief verankerte Feindschaft gegenüber Indien. Im Zuge der Trennung kam es zu einem millionenfachen Bevölkerungstransfer, der zwischen den Bevölkerungsgruppen der Sikhs und Muslime allzuoft in Feindseligkeit und Gewalt umgeschlagen war.

Bereits 1948 kam es zum ersten pakistanisch-indischen Krieg um die Region Kashmir.

EINE TRÜGERISCHE FREUNDSCHAFT

Die USA liessen sich früh davon überzeugen, in Pakistan einen loyalen Partner im „Kampf gegen den Kommunismus“ zu gewinnen. Förderlich aus Sicht Islamabads war dabei, dass sich Indien im großen Wettstreit von Ost und West neutral zeigte, aber bisweilen Sympathien für die UdSSR erkennen ließ.

Das Motiv Islamabads war ein anderes als der Kampf gegen den Kommunismus. Es wollte eine schlagkräftige Armee, um sich gegen Indien behaupten zu können. Der Kalte Krieg kam hier sehr gelegen, um sich an den Geldtrögen Washingtons zu mästen.

Präsident Eisenhower erkannte, dass in dieser Hinsicht eine ineffiziente Politik betrieben wurde. Zu Beginn des Jahres 1957 verzeichnete ein Protokoll des Nationalen Sicherheitsrates:

The President observed that we had decided some time ago that we wanted Pakistan as a military ally [Verbündeter].

Obviously it had been proved costly to achieve this objective [Ziel].

In point of fact, we were doing practically nothing for Pakistan except in the form of military aid.

The President said that this was perhaps the worst kind of a plan and decision we could have made. It was a terrible error, but we now seem hopelessly involved in it.

„Hoffnungslos verstrickt“: Wie wahr. Es wäre für Islamabad ein Leichtes gewesen, sich im Fall der Abwendung Washingtons an Moskau zu orientieren. Es bedurfte keines gesonderten Hinweises auf diese Option, um Washington auf Linie zu halten.

Ende 1957 schrieb US Botschafter James Langley eine Stellungnahme an sein Außenministerium, deren Wertung letztlich bis heute gilt:

Man habe da ein ungezähmtes Pferd am Schwanz, und sehe sich dem Dilemma ausgesetzt, es zähmen zu müssen, bevor man es sicher alleine laufen lassen könne („we have an unruly horse by the tail and are confronted by the dilemma of trying to tame it before we can let it go safely“).

Damals wie heute, so ergibt sich aus dem Bericht Langleys, wähnte man die Armee als die einzig zuverlässige Größe in Pakistan, sei sie doch weitgehend frei von ethnischen oder religiösen Spannungen. Es sei dahingestellt, ob das damals gegolten hat, heute ist es eine Farce, aber nicht aus ethnischen Gründen, sondern weil sich das Militär eine Parallelgesellschaft gebaut hat.

Präsident Ayub Khan (1958-69) bezeichnete Pakistan als den besten Verbündeten der Vereinigten Staaten in Asien („the most allied ally in Asia„). Auf diese vollmundige Erklärung braucht man nicht zu viel geben.

Khan versuchte das Interesse Washingtons am Leben zu halten, Pakistan als einen loyalen Staat in der Konkurrenz gegen die Sowjetunion zu sehen.

FINANZNOT UND MANGELNDE ENTWICKLUNG – damals wie heute

Im Dezember 1959 besuchte Khan Washington, um die fragwürdige Partnerschaft zu stärken. In der gemeinsamen Erklärung, die fatal heutigen Erklärungen ähnelt, verwies man auf die übereinstimmenden Interessen in der Region und stellte fest, dass Pakistan große finanzielle Bürden zu tragen habe, um „substantielle Entwicklungsprojekte“ voranzutreiben und gleichzeitig die Armee so auszustatten, dass sie den nationalen Sicherheitsbedürfnissen entspreche:

They recognized the heavy financial burden placed upon Pakistan in its efforts to undertake substantial development projects and at the same time to maintain armed forces consonant [gemäß] with its national security.

Alles blieb beim Alten, und die zerrüttete Ehe wurde weitergeführt.

Gut gerüstet fühlte sich Pakistan ausreichend schlagkräftig, gegen Indien in 1965 einen zweiten Krieg um Kashmir zu führen.

1971 brach in Pakistan ein Bürgerkrieg aus, der von indien-freundlichen bengalischen Milizen gegen die Armee betrieben wurde. Das Resultat war die Abtrennung Ost-Pakistans, das zum heutigen Bangladesh wurde. Infolge dieser Spaltung trat Khan zurück. Unter Zulfikar Ali Bhutto kam es 1971 bis 1977 zu einer Zivilregierung und ersten zaghaften Versuchen einer Demokratisierung. Bhutto wurde gestürzt von seinem muslimischen Nachfolger Zia ul-Haq, in einem Verfahren angeklagt und 1979 zum Tode verurteilt.

Zwischenzeitlich hatte Indien im Mai 1974 seine erste Atombombe gezündet. Ein Schock für Pakistan, das nun seinerseits alles daran setzte, auf diesem Gebiet gleichzuziehen. Während US Präsident Gerald Ford die Ausrüstung Pakistans mit ziviler französischer Atomtechnik hinnahm, verhängte sein Nachfolger Jimmy Carter Sanktionen über Islamabad, die er angesichts der umwälzenden Ereignisse des Jahres 1979 zurücknahm.

1979 – DIE RADIKALISIERUNG BEGINNT

Zia ul-Haq führte nicht nur das islamische Recht der Scharia ein, sondern erkannte die günstigen Umstände, die sich im Dezember 1979 mit dem Einmarsch der UdSSR in Afghanistan ergaben. Washington würde nun dringender denn je auf Pakistan angewiesen sein – so viel war klar.

Mujaheddin mit Stinger-Rakete

Der Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski des noch amtierenden Präsidenten Jimmy Carter plädierte angesichts der Invasion dafür, die Mujaheddin als Hebel gegen die Sowjets zu verwenden. Dazu müsse allerdings die Position gegenüber Pakistan modifiziert werden:

„This will require a review of our policy toward Pakistan, more guarantees to it, more arms aid, and, alas, a decision that our security policy toward Pakistan cannot be dictated by our nonproliferation policy“

Im Januar des folgenden Jahres zog Ronald Reagan ins Oval Office ein. Hatte Brzezinski die Richtung vorgegeben, bestimmte Reagan über Art und Umfang der dafür erforderlichen Maßnahmen.

Zia ul-Haq wußte den anti-sowjetischen Eifer Reagans zu nutzen und präsentierte sich erfolgreich als dessen bester Freund. Das sollte sich lohnen – wenigstens für Islamabad. In jenen Tagen verstärkte sich das Engagement der CIA in der Region Afghanistan / Pakistan enorm, und damit einher gingen immer größere Geldströme.

Der pakistanische Geheimdienst ISI tat im Verbund mit dem CIA sein Bestes, die Radikalisierung der massenhaft ins Land geflüchteten Mujaheddin im Kampf gegen die Sowjetunion voranzutreiben. Erst im Zuge des Krieges gegen die Sowjets wurde der Islam zum Band zwischen den sich ansonsten feindlich oder wenigstens mißtrauisch gegenüberstehenden ethnischen Gruppierungen Afghanistans. Dazu assistierte die CIA und warb im gesamten muslimischen Raum Freiwillige für den Kampf in Afghanistan an. Mujaheddin wurden in amerikanische Trainingslager wie Fort Bragg geflogen, dort ausgebildet und via Pakistan zurück zum Einsatz nach Afghanistan gebracht. (1)

Die Ideologisierung der afghanischen Kämpfer hatte aus Sicht Islamabads zwei große Vorzüge: Zum einen ließ sie sich gut gegenüber Washington verkaufen, und zum anderen – genauso wichtig – sah man fundamentalistische Mujaheddin als potentielle Verbündete gegenüber dem übermächtigen nichtmuslimischen Indien. Diese Einschätzung hat sich in vielen Kreisen bis heute gehalten.

1988 kam Zia ul-Haq bei einem Flugzeugabsturz ums Leben und Ronald Reagans zweite Amtszeit lief aus.

Im Jahr 1989 bekam Dick Cheney, Verteidigungsminister unter Bush sen., den „Barlow-Bericht“  vorgelegt. Demzufolge sei Pakistan im Besitz der Atombombe. Das passte nicht in die damalige Sicherheitspolitik Washingtons, derzufolge die angestrebte Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan hohe Priorität genoss – höhere jedenfalls als das in der Ära Carter vom Kongress verabschiedete Kerntechnik-Nichtverbreitungsgesetz (Nuclear Nonproliferation Act). Noch Reagan hatte eine Frage nach möglichen Kernwaffen Pakistans damit beantwortet, dass das die USA nichts anginge („I just don’t think it’s any of our business“). Islamabad jedenfalls hatte die Bombe seit 1987. Die Regierung Bush sen. sah weg.

Nach dem Tod Zias übernahm die amerikafreundliche Tochter Zulfikar Ali Bhuttos, Bhenazir Bhutto, das höchste Amt im Land. Bhutto demonstrierte Bündnistreue gegenüber Washington und beteiligte Pakistan 1990 mit 5000 Mann am Ersten Golfkrieg gegen den Irak. Gegen die Verquickung ihres Geheimdienstes mit den Taliban wollte oder konnte sie wenig unternehmen. Nach ihrer ersten Amtszeit räumte sie ein, dass Unsummen an die Taliban geflossen sind:

„Once I gave the go-ahead that they should get the money, I don’t know how much money they were ultimately given … I know it was a lot. It was just carte blanche.“

Wie 1979 eine Radikalisierung Pakistans mit sich brachte, brachte 2001 eine außenpolitische Verhärtung der USA mit sich. Nach dem 11. September 2001 lautete das Motto von US Präsident George W. Bush „With or against us!

Bush jr. war nicht so unklug zu verkennen, dass Pakistan ein wankelmütiger Bundesgenosse ist. Er war aber so unklug anzunehmen, dass sich mit brachialer Gewalt daran etwas ändern liesse.

Den Präsidenten Musharraf ließ Bush ultimativ wissen, dass Pakistan an der Seite der USA gegen die Taliban zu kämpfen habe, oder selbst als Feind angesehen werde. Musharraf blieb wenig übrig, als sich diesem Diktat zu beugen – und hielt die Hände weit offen für die weit über 10 Milliarden Dollar, die Washington – in naiver Verkennung der Lage vor Ort – seit 2001 seinem mutmaßlichen Verbündeten zukommen ließ. Vizepräsident Dick Cheney ignorierte das heikle Thema „Pakistan und die Atombombe“ unverändert.

Trotz dieser enormen Summen konnte die anti-amerikanische Stimmung in weiten Teilen der Opposition (von den Taliban-durchsetzten teilautonomen Gebieten an der Grenze zu Afghanistan ganz zu schweigen) nicht beseitigt werden. In 2002 formierte sich die islamistische und anti-amerikanische Bewegung Muttahida Majlis-e-Amal (MMA), die auf Anhieb 53 der 342 Sitze in der Nationalversammlung erringen konnte. Damit war sie drittstärkste Kraft. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Musharraf zwischen allen Kräften zerrieben wurde.

In den sogenannten staatlich verwalteten Stammesgebieten (FATA) im Westen Pakistans wurde die frühere feudale Autonomie durch die faktische Herrschaft der Taliban abgelöst. „In dieser Gegend halten wir alle zu den Taliban“, wurde dem Reporter Dexter Filkins offen mitgeteilt. Am 10. Juni 2008 kam es zu einem Schlagabtausch zwischen Taliban und US geführten Kräften, bei dem 11 pakistanische Soldaten ums Leben kamen. Erst im nachhinein stellte sich heraus, dass die pakistanischen Soldaten zuerst das Feuer auf ihren „Verbündeten“ eröffneten. Der Vorgang illustriert gut, dass das offizielle Bündnis zwischen Pakistan und den USA an der „Basis“ kaum Bestand hat.(2)

Bhenazir Bhutto, die sich anschickte, das Präsidentenamt erneut zu übernehmen, wurde im Dezember 2007 in einem Attentat getötet. Nicht wenige vermuten die Taliban hinter dem Anschlag, denn niemand würde von einer instabilen Lage im Land mehr profitieren als die zu größtem Machtbewußtsein gelangten Gotteskrieger.

Ein Großteil der heutigen misslichen Lage, um es zusammen zu fassen, geht auf amerikanischer Seite auf die massive Einflussnahme Reagans und seines Geheimdienstes zurück. Irreführend ist aber so zu tun, als hätte Washington 1979 aus dem Nichts gehandelt.

Der Ausgangspunkt, auf den der heutige Schlamassel in Pakistan zurückzuführen ist – und hier kann man mit gr0ßer Berechtigung eine Schuldzuweisung vornehmen – ist und bleibt die seitens Moskaus aus freiem Entschluss getätigte Invasion Afghanistans.

Wie Washington reagierte: Das war strategische Unvernunft. Freilich mit massivsten Konsequenzen.

Und Pakistan? Vielleicht seit den Anfängen war den Amtsinhabern in Islamabad weniger daran gelegen, das Land wirklich aufzubauen, als in fortdauerndem Ränkespiel die Macht an der Spitze zu behaupten, zu erlangen und sich gegen Indien zu profilieren.

Dass eine Nation, die sich jahrzehntelang kaum um sich selbst kümmert, in der einen oder anderen Weise unter die Räder kommt, muß einen nicht wundern.

Tragischerweise gilt für den Westen mit Blick auf Pakistan in gewissem Sinne dasselbe, das für den Irakkrieg gilt: „You breake it, you own it!“

Dass die größten Elefanten im Porzellanladen mitunter die pakistanischen Präsidenten selbst waren, ist nur ein schwacher Trost.

Dem „hopelessly involved“ von Präsident Eisenhower beugt sich – wenngleich mit sichbarem Widerwillen – derzeit noch Präsident Obama: Pakistan soll 400 Millionen Dollar Militärhilfe sofort und weitere 7,5 Milliarden für zivile Projekte verteilt auf die kommenden fünf Jahre erhalten. Der pakistanische Präsident heißt Zardari und ist der Witwer von Benazir Bhutto. Im Gegensatz zu Musharraf lässt er die Armee massiv gegen die Taliban vorgehen.

Zardari scheint zu sehen, dass der Geist, den man in den Achtzigern aus der Flasche ließ, zunehmend schwerer zu bändigen ist.

(1) „Good Muslim, Bad Muslim“ (Mahmood Mamdani, Herbert Lehman Prof. of Government, Columbia University), S. 136
(2) GEO 12/2008 (D. Filkins berichtet für New York Times Magazine; GEO-Bericht aus dem Khyber-Distrikt)

Leseempfehlung: Sind die Taliban kriegsmüde?

(Grafik: Wikipedia CC)
(Photo: Wikipedia CC)