US Rettungspaket: Tanz auf dem Vulkan

Die Aktienmärkte sind förmlich explodiert nach der Vorstellung des jüngsten Rettungspakets von US Finanzminister Timothy Geithner.

Der Dow Jones ging um unglaubliche fast sieben Prozent in die Höhe, die Märkte in Asien haben aufgeatmet und auch der DAX ging um rund drei Prozent nach oben. Vor allem die zuletzt arg gebeutelten Banktitel sprinteten vorweg. Die größten Zugewinne aber waren auf Seiten der Investmentfirmen wie Blackstone (+ 24%) oder BlackRock (+ 17,6 %).

Mit dem Hoffnungsschimmer auf eine vielleicht doch frühere Erholung hat auch der Ölpreis deutlich angezogen und befindet sich auf einem Viermonatshoch.

Doch allenthalben wird diskutiert, ob der Lösungsansatz Geithners wirklich klug ist oder ein allzu großes Risiko darstellt, weil er den Bock zum Gärtner macht. Denn just die Investoren und Hedge Fonds, die ein Gutteil der Misere mitverschulden, sollen als Hauptträger der Rettungsaktion in Aktion treten.

Wie? Indem sie mit einem komplizierten Rückversicherungspaket dazu gebracht werden sollen, die faulen Wertpapiere der Banken aufzukaufen. Das ist letztlich die Wiederbelebung des zwischenzeitlich auf Eis gelegten TARP-Programms von Präsident Bush.

Die dahinter steckende These lautet: Aufgrund der Verwerfungen der Krise seien die Papiere unverhältnismäßig stark unterbewertet. Würde man sie durch forcierte Preisbildungsmaßnahmen (= erhöhte Nachfrage) auf ein angemessenes Niveau heben, wäre das Hauptproblem beseitigt. Die „giftigen assets“ wären dann keine faulen Papiere mehr, sondern gute Papiere.

Eine gewagte Theorie, denn bislang konnte niemand den echten Wert der höchst unterschiedlichen Papiere definieren. Diese Ungewißheit in Verbindung mit dem erneuten, vielleicht allzu früh bekundeten Vertrauen in Wall Street wird von Kritikern wie Nobelpreisträger Paul Krugman gegeißelt. Allerdings muß man dazu sagen, dass weder Krugman noch die höchst kritische Financial Times (FT) keine präzisen Zahlen oder finanzierbaren Gegenmodelle vorlegen. Die konservative FT begnügt sich, wie nicht wenige derzeit, schon Obamas Scheitern an die Wand zu malen. Kritik ohne produktive Gegenvorschläge muss nicht falsch sein, ist aber auch nur bedingt eine Hilfe.

Eine Verstaatlichung der Banken, wie sie von Nobelpreisträger Joseph Stieglitz vorgeschlagen wurde, könnte zwar für die Zukunft hilfreich sein, um die vergangenen Entgleisungen zu vermeiden (obwohl so gut wie alle zurecht einräumen, dass der Staat nicht Topmanager spielen sollte), aber das Problem der giftigen Wertpapiere ist durch Verstaatlichung alleine nicht gelöst.

Das Motiv der Investoren, auf das Angebot Obamas  einzugehen besteht darin, die Wertpapiere jetzt zu einem so günstigen Preis zu erhalten – die Rede ist von bis zu 70% Rabatt -, so dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, sie später zu einem deutlich höheren Preis wieder losschlagen zu können.

Tatsächlich haben schon die ersten Giganten der Szene wie Blackstone, Pimco oder Legg Mason ihr Interesse bekundet.

Um Wall Street ins Boot zu holen, scheint Präsident Obama sogar auf die zuletzt noch befürworteten Strafsteuern auf Manager-Boni verzichten zu wollen.

Möglicherweise haben Geithner und Obama gar keine andere Chance, als auf diesen Teufelspakt einzugehen. Denn die schieren Summen, um die es hier geht, können von Staats wegen niemals alleine aufgebracht werden: Es geht um die unvorstellbare Größenordnung von einer Billion Dollar (also das über Dreifache unseres gesamten Bundeshaushalts). Die Banken sitzen in der Klemme und die Industrie hat ihre lieben Nöte, überhaupt noch an Darlehen zu gelangen. Also bleiben tatsächlich nur die noch liquiden Größen von Wall Street, die die bisherige Krise finanziell gut überstanden haben.

Im Zweifelsfall sind es die Steuerzahler, die die Marge bezahlen müssen, sollte die obige These von der Wert-Rückerlangung nicht funktionieren. Denn ohne Verlustabsicherung werden die letzten liquiden Investoren nicht das heiße Eisen anfassen, das ihnen gerade geboten wird.

Eine äußerst unschöne Lage. Doch würde sich das Finanzsystem durch die Geithner-Methode stabilisieren, ohne dass es zu nennenswerten Bürgschaftszahlungen kommt, wären alle mit einem blauen Auge davon gekommen. Wie immer hängt viel vom Vertrauen in die Akteure ab.

Getrübt wird die jüngste Euphorie an den Aktienmärkten durch die jüngste Horrormeldung der Welthandelsorganisation WTO, die einen Handelsrückgang um 9 Prozent sieht. Allerdings erkennt die WTO auch Chancen durch den bevorstehenden G20-Gipfel:

WTO sees 9% global trade decline in 2009 as recession strikes

The collapse in global demand brought on by the biggest economic downturn in decades will drive exports down by roughly 9% in volume terms in 2009, the biggest such contraction since the Second World War, WTO economists forecast today (25 March 2009).

“Trade can be a potent tool in lifting the world from these economic doldrums [Niedergeschlagenheit].

In London G20 leaders will have a unique opportunity to unite in moving from pledges to action and refrain from any further protectionist measure which will render global recovery efforts less effective,” said Director-General Pascal Lamy.

— Schlesinger

(Photo: Carlossg, Andwar, Montage: T.A.B.)