Angela Merkel: Krise? Welche Krise?

Man müsse „schon auf dem gleichen Spielfeld“ bleiben, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts der umstrittenen französischen Milliardenhilfen für die heimische Automobilindustrie.

Wer holt die Kanzlerin zurück?

Hört sich gut an, aber jemand sollte der Kanzlerin schleunigst sagen, dass sie nicht die Schiedsrichterin ist, die von außen pfeifen darf, sondern selbst player, und ein formal unverzichtbarer Spieler zumal.

Das scheint Frau Merkel zu übersehen und treibt sich verblüffend oft außerhalb des Spielfelds auf, das den Namen Wirtschaftskrise trägt.

Obama am Ball – Merkel bei Dehnungsübungen

Während Barack Obama vollständig bei der Sache ist und alles unternimmt, um im Kongress die nötigen Vorhaben rasch auf den Weg zu bringen, weiß man bei der Bundeskanzlerin nicht recht, ob sie sich schon am Ende der Spielzeit wähnt oder ob sie meint, sie könne noch entspannte Dehnübungen nebst Faxen am Spielfeldrand machen, während die Fankurven längst am Kochen sind.

Wie anders lassen sich die letzten Aktionen Merkels erklären?

Sie hat Zeit, um sich länglich mit Papst Benedikt und dessen heimgeholten Pius-Schäfchen auseinander zu setzen. Natürlich weiß Frau Merkel, dass sie damit billig zu einigen Pluspunkten bei den Wählern gelangen kann („Kanzlerin schlägt Papst“). Schließlich ist Superwahljahr.

Sie verteidigt wacker den notorischen Bahnchef Hartmut Mehdorn. Diesmal geht es um massenhaften Datenabgleich von Mitarbeitern mit Fremdfirmen zwecks Korruptionsvorbeugung. Eine lästige Sache, gewiß. Minister Tiefensee hat sich der Sache anzunehmen. Aber die Datenaffäre der Bahn gleich wieder zur Chefsache Merkel machen?

Merkel „wettert gegen Sarkozy-Milliarden“ – über die Medien. Hat sie nicht ein so inniges Verhältnis zu Nicolas, dass sie im Elysee anrufen könnte, anstelle in so heikler Lage die Medien heiß zu machen und im voraus zu unken, man werde das am 1. März auf dem EU-Sondergipfel zur Sprache bringen…

Von Bayerns CSU-Chef Horst Seehofer ließ sie sich den Takt vorgeben, wie mit dem Rücktritt Glos‚ umzugehen sei und begrüßt nun, dass ein bislang vor allem durch glänzende Rhetorik, nicht aber durch Wirtschaftsexpertise auffällig gewordener Karl Theodor von Guttenberg neuer Wirtschaftsminister wird.

Spaß muss sein

Bei all dem darf der Spaß nicht fehlen: Superstar Merkel wurde bei der Gala von Effi Briest mit „prasselndem Beifall“ begrüßt. Wie ging der Kinderreim: Froh zu sein bedarf es wenig, denn wer froh ist, ist ein Kanzlerin? So ähnlich.

Und frohgemut ging es zu bei Angela Merkel mit „Emil und die Detektive“, als sie vorgestern eine schöne Lesestunde im Kanzleramt durchführte und selbst vorlas. Als der nächste Termin drängte – die Entlassung Glos‘ beim Bundespräsidenten-, verabschiedete sich die Kanzlerin mit „Das ist der einzige Ort, wo man nicht zu spät kommen darf.“

In Zeiten einer grandiosen Wirtschaftskrise würde man meinen, das Bundespräsidialamt sei einer der wenigen Orte, zu denen man zu spät kommen kann (oder zur Effi Briest Gala…).

Zu allen anderen Krisenorten sollte man besser nicht zu spät kommen – denn sonst bestraft einen das Leben, wie seit Gorbatschow längst alle wissen. Nur die Kanzlerin nicht. Für sie haben wir business as usual.

— Schlesinger