Gas-Engpässe: Wann lernen wir von Gore / Obama?

UPDATE 07.01.

Es gibt wenigstens einen Profiteur der Gaskrise: Irans Präsident Achmadinejad, wie Foreign Policy feststellt.

Ahmadinejad got another gift this week as the Russo-Urkainian gas-pricing dispute led to supply disrputions in Turkey. Iran is already Turkey’s second-largest gas provider, sending 18 million cubic meters of gas per day. With the Russian supply looking questionable, Ankara has increased their order for Iranian gas. With the Gazprom spat becoming an annual occurence, can it be long before European countries start taking a second look at Iran as an energy source? Recovering oil prices can’t hurt either.

Unsere Volkswirtschaft ist in einem furchtbaren Zustand und verschlimmert sich immer weiter, die Treibstoffpreise steigen dramatisch an und die Strompreise ebenfalls„, stellte Al Gore in seiner zukunftweisenden Rede 100 Prozent Erneuerbare Energien in zehn Jahren fest, woraus Obama längst einen energiepolitischen Wandel für die USA formuliert hat.

Man kann zu den Aspekten „Treibstoffpreise“ und „Strompreise“ spätestens mit den jüngsten Entwicklungen die Begriffe „Gaspreise“ und – schlimmer noch – „Verfügbarkeit von Gas“ anfügen.

Die Lösung ist ausnahmsweise simpel und wurde in Gores Rede klar benannt:

„Unsere gefährliche, geradezu sklavenhafte Abhängigkeit von fossilen Energiequellen ist die gemeinsame Ursache dieser drei Bedrohungen: Der ökonomischen Krise, der Umweltkrise und der Krise der nationalen Sicherheit.“

Wie häufig wurde schon beschworen, dass unsere Versorgung mit russischem Gas gesichert sei?

Allen voran natürlich Gazprom-Boss Medwedjew:

Der Gaskonzern Gasprom hat trotz des starken Frosts in Russland den europäischen Kunden eine sichere Versorgung zugesagt. Einige Länder melden aber Ausfälle oder geringere Liefermengen.

Wir werden die Mengen liefern, die vertraglich vereinbart sind„, versicherte der Vizechef des weltgrößten Gaskonzerns Gasprom, Alexander Medwedew.

Diese Krise im Januar 2006 hatte aber nur scheinbar natürliche Ursachen, denn:

Russland hatte am Sonntag, den 1. Januar 2006, seine Gaslieferungen in die Ukraine eingestellt, nachdem sich beide Länder im Streit um den Gaspreis nicht hatten einigen können. Energieunternehmen aus Deutschland wie auch aus anderen westeuropäischen Ländern registrierten seitdem ein Absinken des Gasdrucks in der durch die Ukraine führenden Pipeline.

Im Dezember 2006 kam bereits der nächste Gasstreit. Von Weißrussland wurde ein viermal höherer Preis als bisher verlangt, ansonsten würde man den hahn abdrehen. Auch durch Weißrussland laufen Pipelines nach Deutschland. Und diesmal waren es die Weißrussen, die mit einer Unterbrechung der Verbindung nach Deutschland drohten.

Im Januar 2007 machte E.ON Chef Wulf Bernotat in punkto Versorgungssicherheit auch aus anderem Grund einen Rückzieher:

Die Gasversorgung Westeuropas ist nach Angaben von Eon-Chef Wulf Bernotat langfristig noch nicht gesichert.

Bis zum Jahr 2020 werde der Bedarf auf 675 Milliarden bis 730 Milliarden Kubikmeter steigen […] . Damit ergebe sich für das Jahr 2020 aus heutiger Sicht eine Versorgungslücke von 22 Prozent.

Diese Lücke, so sind denn akkurat berechnet wurde, hat natürlich nichts mit politischen Unterbechungen zu tun, wie sie heute vorliegen.

Und jeden Winter grüßt das Gazprom Murmeltier

Im Februar 2008 stand die nächste Krise ins Haus, als Rußland mit der Ukraine um eine drastische Anhebung des Gaspreises stritt. E.ON gab sich ganz entspannt:

Die Versorgung mit russischem Erdgas in Deutschland und Westeuropa ist nach Angaben der E.ON-Ruhrgas AG gesichert. Die vertraglichen Lieferungen seien durch die russische Drohung, der Ukraine den Gashahn zuzudrehen, nicht betroffen, teilte der Essener Konzern am Donnerstag mit.

„Unsere Kunden können sich darauf verlassen, dass ihre Versorgung weiterhin gesichert ist“, wurde der E.ON-Ruhrgas-Vorsitzende, Burckhard Bergmann, in einer Erklärung des Konzerns zitiert.

E.ON bezieht zwischen einem Viertel und einem Drittel seines Gases von der Gazprom.

Und heute, im Januar 2009, spricht der Konzern von der Gefahr „massiver Lieferengpässe„. So ist das mit dem sich-verlassen-können.

Ebenso das Handelsblatt:

Massive Gas-Engpässe in Deutschland

Natürlich liegt die Ursache des Engpasses – so Moskau – nicht beim russischen Lieferanten Gazprom oder gar bei der politischen Führung in Moskau, sondern bei den Ukrainern (oder wahlweise den Weißrussen).

Zwar gelangt der Großteil des von uns bezogenen russischen Gases durch Pipelines, die durch die Ukraine führen, aber es sind eben nicht die Ukrainer, die den Durchfluss drosseln, sondern die Gazprom am Anfang der Verbindung.

Pacta sunt servanda – Aber Rußland scheint sich nur bedingt um die Einhaltung von Verträgen zu scheren, wenn es die Ukarine oder Weißrussland bestrafen will. Dann müssen die an diesem Strang hängenden europäischen Ländern ein bisschen in die Röhre gucken.

So wenig klug die jahrzehntelange US Politik war und ist, sich vom arabischen Öl abhängig gemacht zu haben und abhängig zu belassen, so wenig klug ist unsere Politik der energiepolitischen Abhängigeit von Moskau und so einfältig sind die Meinungen all derer, die meinten, Rußland wäre ein ganz anderer, weil viel soliderer Partner.

Öl und Gas gehören unverändert zu den großen Machtmitteln unserer Tage.

Man möchte wünschen, Moskau würde uns den Gefallen tun, den Gashahn noch ein wenig länger zu drosseln oder ganz zu schliessen, so dass auf unserer Seite ein angemessener Lerneffekt eintritt. Dafür aber dürften die Medjedews – der von Gazprom und der Ministerpräsident – viel zu klug sein. Der Hahn wird bei Bedarf nur soweit zugedreht, als es unseren politisch Verantwortlichen nebenbei signalisiert, wer am Hebel sitzt, aber nicht soweit, dass ein Aufschrei aus der Bevölkerung kommen würde, um dieser dummen Energiepolitik ein Ende zu machen.

Das bei all diesen Streitigkeiten auch noch unserer Energieversorger schauen, wie sie zu ihrem Vorteil gelangen, indem sie aus den Engpässen kurzerhand eine Begründung für die nächste Preiserhöhung herausholen, setzt dem ganzen das Saure-Sahnehäubchen auf.

Ein Grund mehr, die Energieversorgung auf eine andere Basis zu stellen.

— Bigdaddy

PS.: Wer geht eine Wette mit uns ein, welches Murmeltier sich zwischen Dezember 2009 und Februar 2010 zeigen wird?

PS. 2: Hier ein Blick nach Wien. Auch dort gibt es eine Gaskrise.

(Photo: © Marko Heuver - Fotolia.com)