Von George H.W. Bush zu Barack Obama – Teil 4

„Sehnsucht ist die einzige ehrliche Eigenschaft aller Menschen“,

schrieb der marxistisch geprägte Philosoph Ernst Bloch in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung„.[1]

Sie gelte es als Kraft zu nutzen und zu lenken.

Die bürgerliche Haltung zur Utopie sei zu lange und zu stark am mechanisch-wissenschaftlichen Weltbild des 19. Jahrhunderts ausgerichtet gewesen.

Nur deshalb konnte Sigmund Freud den Tagtraum ebenso wie Religion und Kunst fälschlicherweise in Gegensatz zur „Realität“ bringen und sie als „Schonung“ des Ich und als Phantasie abwerten:

„Eine solche dem Realitätsprinzip entzogene Schonung ist auch das seelische Reich der Phantasie.“[2]

Dem hält Bloch entgegen, dass sich die Tagphantasie – nur ein anderer Begriff für Hoffnung – im Gegensatz zum Nachttraum verwirklichen will. Sie „will an den Erfüllungsort“.

Der Erfüllungsort dieser positiven Utopie trägt aus Sicht vieler Amerikaner und zahlloser Bürger rund um den Globus seit dem 04.11.2008 den Namen Washington D.C.

Die Verkörperung ist der kommende 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack Obama.

Obama ist kein Heiland

Viel wurde geredet von Obama als einer Art „Heiland“. Das ist nicht nur Unsinn, es ist schädlich. Gerade im Sinne Blochs wird der positive utopische Charakter einer Chance names Obama vertan, wenn man ihr die realen Möglichkeiten raubt, indem man ihn ins Über-Weltliche verlagert.

Ein Heiland, ein Weltenretter war Jesus. Jesus stellte ausdrücklich fest, sein Reich sei nicht von dieser Welt.

Der Arbeitsplatz von Barack Obama aber ist von dieser Welt: Pennsylvania Avenue 1600, Washington DC.

Die Aufgaben Barack Obamas bestehen nicht in der Rettung des menschlichen Seelenheils, sondern in

  • der Bewältigung einer sehr weltlichen Finanzkrise
  • der Beendigung zweier überaus physischer Kriege
  • der Schließung eines inhumanen und unrechtlichen Guantanamo und
  • dem Kampf gegen einen bislang noch ungehemmten Raubbau unserer natürlichen Lebensgrundlagen,

um nur einige zu nennen.

George W. Bush als Antipode der Hoffnung

George W. Bush war das Gegenteil des Prinzips Hoffnung. Die Weltsicht, die Bush verbreitete, gründete nicht auf Hoffnung, sondern auf Angst. Auf Angst lässt sich keine Zukunft bauen.

Der Pulitzer-Preisträger Tom Friedman schrieb im März 2003, nur zwei Wochen vor Beginn des Irakkriegs:

„Mr. President, I never felt more traumatized as an American than in the days after 9/11.

But despite the very real threats, I also never felt more optimistic – because of the national unity we had, and you had, to face those threats.

If whatever is left of that post-9/11 solidarity is exploded by a divisive, unilateral war in Iraq, we will not only sacrificing good feelings, but also the key to managing this complex, dangerous world.“ [3]

Und doch ist genau dies geschehen. Obwohl die Bürger der USA in der Folge von 9/11 wie ein Mann hinter ihrem Präsidenten standen, verstand der es nicht, dieses enorme Maß an gutem Willen positiv zu lenken. Statt dessen empfahl Bush seinen Landsleuten shoppen zu gehen und ihr Leben wie gehabt weiter zu führen.

Sie sollten ihn und Dick Cheney nicht ablenken von ihrer eigenen Agenda. Ein Volk zu führen, zu leiten erfordert positiven Willen und Energie. Bush und Cheney aber wollten ihren Willen und ihre Energie nur nutzen für ihre besonderen Pläne. „The shining city on the hill“, wie die USA zu Gründerzeiten verklärt wurden, hatte in diesem Konzept keinen Platz.

Im 9/11-Affekt blieben die Amerikaner ihrem Präsidenten loyal bis in den vom ihm herbeigelogenen Krieg hinein.

Loyalität für sich genommen ist nichts Positives. Man wollte auch gar nichts „Gutes“ mit dem Krieg. Man wollte nur die Niederwerfung der mutmaßlichen Widersacher, um Genugtuung zu bekommen für die erlittenen Schmerzen.

Nach und nach kam für diejenigen, die nicht blind an ihren Präsidenten glauben wollten ans Licht, dass er nicht ihre Sache vertrat, sondern nur die seine.

Kein Aufruhr, nirgends

Dieser Aspekt der Ära Bush wird der interessanteste werden in der kommenden Aufarbeitung dieser Zeit: Die Amerikaner, die doch hinreichend geprägt sind vom deströsen Vietnamkrieg, blieben alles in allem erstaunlich ruhig angesichts der Aktivitäten und – vielleicht mehr noch – der Passivitäten des George W. Bush.

Der Grund mag darin liegen: In einem Lyndon B. Johnson oder einem Richard Nixon glaubte man vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges den Schurken irgendwie zu erkennen. Zudem waren beide ihrem Volk gegenüber hinreichend distanziert, um keine nennenswerte Verbundenheit erzeugen zu können.

Ganz anders George W. Bush. Das war der Kumpel von nebenan. Der geläuterte Säufer. Der Christ und gute Ehemann. Der Kerl, der sich irgendwie nie an Washington gewöhnen wollte. Der den niederträchtigen Anderen kräftig eine aufs Maul haute. Der so sprach, dass man ihn immer verstand und der – nie zu unterschätzen – eine gute Portion Humor hatte: So einem Mann hält man lange die Treue. Das hat wenig mit Politik und sehr viel mit grundlegenden menschlichen Neigungen zu tun.

Der lauter wirkende George Bush einerseits und die sich zunehmend aufdrängende Realität von Krieg, Abu Ghraib und Katrina andererseits:

Diese beiden widerstreitenden Motive versetzten die Amerikaner in eine Lähmung.

Verstärkt wurde diese Lähmung durch das Schuldgefühl, in gewissem Umfang selbst zur unguten Lage beigetragen zu haben. Nicht nur durch die Wahlen, nein, sondern durch ein zu schnell und zu laut gerufenes Ja zu vielem, was unter dem Namen Anti-Terror-Kampf firmierte.

Das unterschied die psychologische Situation von der Ära Vietnam. Dort verlief die Trennlinie sauber zwischen einer offenbar schuldhaft handelnden Regierung und dem Volk, das in den Krieg geschickt wurde.

Dieses mal tat man freiwillig und lange Zeit aus Überzeugung mit.

Daher gingen mehr und mehr amerikanische Bürger in die innere Immigration statt auf die Barrikaden. Man wollte nicht wahrhaben, in was für ein Schlamassel man mit und unter diesem Präsidenten geraten war. Wollte es verdrängen. Schämte sich.

Hoffnung als Läuterung

Daher die schiere Euphorie, mit der Barack Obama von Beginn an gefeiert wurde, sobald klar geworden war, dass er derjenige sein konnte, der einen aus dieser Extremsituation befreien konnte. Obama ist der schiere Gegenentwurf zu Bush und allem, wofür jener stand. Obama zu wählen hieß inmitten dieses nationalen Traumas auch, das Zerrbild Amerikas abzuschütteln.

Man stelle sich versuchshalber vor, Barack Obama wäre der Kandidat der Demokraten im Wahlkampfjahr 2000 gewesen und hätte gegen george W. Bush antreten müssen. Hätte seine Botschaft zu Hoffnung und Wandel auch nur eine geringe Chance gehabt, die Nachfolge von Bill Clinton anzutreten? Gewiß, das ist spekulativ. Und doch wird man sagen können: Mehr als einen respektablen Konkurrenten hätte er nicht abgegeben.

Und so kann man sagen, dass Zeit und Persönlichkeit zusammen getroffen sind. Ich glaube durchaus, dass genau diese Botschaft Obamas seine originäre Botschaft ist. Dass er diesen Zug ins Große tatsächlich in sich trägt und seine Vision daher mit großer Selbstverständlichkeit mitteilen kann.

Daher liegen diejenigen falsch, die ihn als großen Redner oder gar als Demagogen abtun. Redner im negativen Sinn des Wortes oder gar Demagogen sind Opportunisten. Sie richten sich nach den Gegebenheiten und reden dem Volk nach dem Mund. Ihre Botschaft ist nie Original, sondern immer Fälschung.

Die Harmlosen unter ihnen wollen nur ein wenig Karriere erreichen, die weniger Harmlosen wollen die Macht als Mittel – wie Dick Cheney – oder als höchstpersönlicher Selbstzweck, wie etwa der noch amtierende Präsident. George W. Bush ohne Präsidentenamt und Krieg war seit jeher ein Niemand, ein Söhnchen. Cheney dagegen war seit Beginn seines politischen Lebens ein machtbewußtes Alphatier. Er „brauchte“ das Amt nicht für „sich“, sondern für seine Ziele.

Obama bringt eine vor langer Zeit gefestigte Persönlichkeit und eine völlig außergewöhnliche Souveränität in dieses Amt, dass man alleine deswegen Großes von ihm erwarten darf.

Schon sind die ersten Kritiken zu vernehmen. Er habe Rahm Emanuel zu seinem Stabschef gemacht: Den Sohn eines Juden, der in einer israelischen Untergrundorganisation gegen die Briten gekämpft hat.

Er habe der Automobilindustrie umfängliche Subventionen zugesichert.

Sein Stab habe offenbar angedeutet, dass man sich in Sachen Guantanamo in einem juristischen Minenfeld bewege.

Das mag alles zutreffen. Und doch erinnert es mich an meine Großmutter, die zurecht ungnädig wurde, wenn man „schreit, bevor es weh tut“.

Die Herausforderungen an Obama sind gewaltig. Selbstverständlich bewegt er sich nicht in einem Machtvakuum. In Zugeständnissen an die eine oder andere Seite im Affekt sogleich eine Fremdsteuerung zu sehen, heißt nur die Natur des politischen Betriebs zu verkennen.

Die höhere Kunst der Politik ähnelt Judo: Sie stellt sich den einwirkenden Kräften nicht vehement entgegen, sondern nimmt sie auf, um sie dann in die gewünschte Richtung zu lenken.

So besehen könnte sich Obama als Träger eines Schwarzen Gürtels erweisen.

Zuversicht als gute Basis

Vielleicht hat Barack Obama Ähnlichkeiten mit John F. Kennedy. In jedem Fall kann man feststellen, dass die Atmosphäre der Amtsübernahme Kennedys derjenigen kurz vor dem Amtsantritt Barack Obamas stark gleicht.

Der damalige Kennedy-Berater und Harvard-Professor Arthur Schlesinger jr. beschrieb es so:

Die Euphorie im Weissen Haus erfasste die ganze Regierung.

Ein ganz neuer Schlag war nach Washington gekommen, und die Mannschaft um Kennedy löste einen gewaltigen Schub und enorme Zuversicht aus, wo immer sie sich bewegten.

Wie ein Viertel Jahrhundert zuvor die Männer des New Deal, brachten nun sie die Ideale der nationalen Erneuerung mit, die seit einem Jahrzehnt unter der Oberfläche des Konservativismus am Keimen waren.

All zu lange standen zu viele nur als Zuschauer dabei, wie eine Regierung Gefälligkeiten austeilte, während sie die tatsächlichen Bedürfnisse und die Potentiale dieser Nation ignorierte, und dabei die Wirtschaft langsam absank […]

eine Nation, in der die Opfer von Rassismus und Armut in bedrückendem Elend lebte und in der die von den Führern an das Volk ausgegebenen Ideale engstirnig und mittelmäßig waren.

Jetzt aber schwärmten die Kennedy-Leute aus den Regierungen der Bundesstaaten herbei, aus den Universitäten, den Stiftungen, den Zeitungen und alle waren entschlossen, die unvollendete Arbeit an der amerikanischen Gesellschaft zum glücklichen Abschluss zu bringen.

Sie krempelten die Ärmel hoch und machten sich daran, Amerika zu überarbeiten. „[4]

Eine bessere Basis kann es schwerlich geben.

Wir die Welt mit Obama nun „gut“?

Ein Blick in den Spiegel sollte für alle genügen, um diese naive Frage mit „Nein“ zu beantworten.

Es ist allerdings ein höchst wünschenswerter Vorgang, die Welt nicht katastrophal zu gestalten. Das zu erreichen, ist viel, ist sehr viel wert.

Viel mehr erwartete auch Ernst Bloch nicht.

— Schlesinger

PS.: Eins meiner Lieblingsbilder zum Thema „Yes we can“:

PS 2.: Einen gelungenen Beitrag mit ähnlichem Tenor finden Sie auf dem Spiegelfechter.

[1] Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, suhrkamp 1973, Erster Band, S. 109
[2] Sigmund Freud, Vorlesungen 1922, S. 416
[3] Thomas L. Friedman, Longitudes and Attitudes, S. 295
[4] Übersetzt aus: Arthur M. Schlesinger, A thousand days, John F. Kennedy in the White House, S. 190

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(Photo: alex-s)
(Photo: danny.hammontree)
(Photo: Jens SFO-BCN)

Anmerkung des Photografen zum bemerkenswerten Photo des Vietnam-Veterans, das hervorragend als Symbol der Desillusion über Präsident Bush dienen mag:

This photo was taken back on January 20th in downtown Miami. This anti-war protest was scheduled to coincide with the [2nd] inauguration of George W. Bush. The interesting thing about this protest was that there was almost as big a protest against the anti-war folks by the Christian protest warriors as there were anti-war protesters. This gentleman told me he was a military vet and was against the war in Iraq. When I took this photo he was unaware that I was photographing him, after the shot was made I walked up to him and talked to him for a while.