Von George H.W. Bush zu Barack Obama – Teil 3

„Im Ruf der Geschichte liegt etwas Ehrenhaftes. Wir haben die Gelegenheit die Geschichte unserer Zeit zu schreiben, eine Geschichte, in der Tapferkeit die Grausamkeit besiegt und Licht die Dunkelheit.“
(George W. Bush vor den Vereinten Nationen, 10.11.2001, ein Tag nach den Anschlägen)

„there is honor in history’s call. We have a chance to write the story of our times, a story of courage defeating cruelty and light overcoming darkness.“

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Interview von Tim Russert mit Dick Cheney für „Meet the press“

Cheney: „Es ist ein gemeines, dreckiges, gefährliches Geschäft dort draussen, und wir müssen uns in diesem Umfeld bewegen. Ich bin davon überzeugt, dass wir das tun können. Wir können es mit Erfolg tun. Aber wir müssen sicherstellen, dass die Hände unserer Geheimdienste, wenn sie so wollen, dabei nicht gebunden sind, wenn sie ihren Auftrag erfüllen sollen.

VICE PRES. CHENEY: It is a mean, nasty, dangerous dirty business out there, and we have to operate in that arena. I’m convinced we can do it; we can do it successfully. But we need to make certain that we have not tied the hands, if you will, of our intelligence communities in terms of accomplishing their mission.

Russert: „Diese Terroristen spielen nach einem ganz anderen Satz Regeln. Das zwingt uns dazu, in Ihren Worten, gemein, schmutzig und dreckig zu werden, um ihrer habhaft zu werden, richtig?

MR. RUSSERT: „These terrorists play by a whole set of different rules. It’s going to force us, in your words, to get mean, dirty and nasty in order to take them on, right?“

VICE PRES. CHENEY: Yeah

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„Sie sind auf der Flucht und sie versuchen sich zu verstecken, aber wir setzen ihnen nach. Und wir werden Kurs halten bis wir sie der Gerechtigkeit zugeführt haben.“
(George W. Bush über Al Quaida, zu Beginn des Afghanistankrieges, 19.11.2001)

„They’re running and they’re trying to hide, and we’re in pursuit. And we will stay the course until we bring them to justice.“

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Wir sammeln Informationen wo sich die Terroristen aufhalten könnten. Wir versuchen ihre Anschläge zu vereiteln und ihre Pläne zu durchkreuzen. Alles was wir dafür tun, für dieses Ziel, bei dieser Anstrengung, jegliche Aktivität die wir durchführen, ist innerhalb des Gesetzes. Wir foltern nicht.
(Präsident George W. Bush, 07.11.2005)

„We are gathering information about where the terrorists may be hiding. We are trying to disrupt their plots and plans. Anything we do to that effort, to that end, in this effort, any activity we conduct, is within the law. We do not torture.“

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Einer von zahlreichen Militär-Autopsieberichten aus US Gefängnissen im Irak und Afghanistan:

Multiple Verletzungen durch stumpfe Gewalteinwirkung.

Abschürfung an der rechten oberen Stirn.

Abschürfung an der rechten Stirn oberhalb der Augenbraue.

Multiple Quetschungen an der rechten Gesichtsbacke und der Nase, an der linken Stirnseite, am Hinterkopf.

Abschürfungen auf der Brust, am unteren Rippenbogen. Quetschungen an der Armen, Ellbogen, Unterarm, Hüfte, Innenseite Oberarm, Leiste, Innenseite Oberschenkel, rechte Hinterseite des Knies und der Wade, an linker Wade, am linken Unterschenkel.

Todesursache: Lungenembolie aufgrund von Verletzungen mit stumpfer Gewalteinwirkung.

„Multiple blunt force injuries. Abrasion in upper right forehead. Abrasion on right lower forehead above eyebrow. Multiple contusions on right cheek and lower nose, left upper forehead, back of head. Abrasions on chest, lower costal margin. Contusions on arm, elbow, forearm, wrist, upper inner arm, groin, inner thigh, right back of knee and calf, left calf, left lower leg. Cause of death was pulmonary embolism due to blunt force injuries.“

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„Die Vereinigten Staaten sind ein Land, das Menschenrechte sehr ernst nimmt. Wir foltern nicht – es ist gegen unsere Gesetze und gegen unsere Werte.“
(Vizepräsident Dick Cheney, Februar 2008)

„The United States is a country that takes human rights seriously. We do not torture — it’s against our laws and against our values.“

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Es ist noch zu früh, sagen manche Historiker und manche Medien*, um George W. Bush einen Platz in der Geschichte zuzuweisen. Das ist absurd.

Dick Cheney und George W. Bush haben die amerikanische Gesellschaft vor der Drohkulisse eines „war on terror“ in einem Maß korrumpiert und sie in nennenswerten Teilen dazu gebracht, Mißachtungen der Menschen- und Freiheitsrechte selbst im eigenen Land zu tolerien, wie es wohl noch nie zuvor der Fall gewesen ist.

Wieso konnten sich die Amerikaner ihrer eigenen Korrumpierung nicht erwehren?

Da ist zum einen die Ausnahmesituation infolge von 9/11, die regelrecht traumatisierend wirkte.

Diese Traumatisierung konnte von Bush-Cheney-Rumsfeld für deren Zwecke benutzt werden.

Da ist zum anderen die systematische und noch nie in diesem Umfang dagewesene Manipulation seitens der eigenen Regierung.

Erleichtert wird eine solche Konstellation durch bestimmte Bedingungen der Moderne.

Eine davon beschrieb der große Publizist Sebastian Haffner im Jahr 1933:

„… wie anders würde die gesamte Geschichte verlaufen, wenn die Menschen heute noch, …, auf sich stehende Wesen mit einer Beziehung zum Ganzen wären – und nicht so rettungslos eingespannt in ihren Beruf und ihren Tagesplan, abhängig von tausend Unübersehbarkeiten, Glieder eines unkontrollierbaren Mechanismus, auf Schienen laufend gleichsam und hilflos, wenn sie entgleisen! Nur in der täglichen Routine ist Sicherheit und Weiterbestehen – gleich daneben fängt der Dschungel an. […]
Daher die Möglichkeit solcher immenser Zivilisationskatastrophen wie der Naziherrschaft in Deutschland.“

Und weiter über das Aufhetzen der Deutschen gegen die Juden:

„… ein ganzes Volk wie ein Rudel Hunde auf Menschen ’scharf zu machen‘. Ist erstmal die Mordbereitschaft geweckt und sogar zur Pflicht gemacht, so ist es eine Kleinigkeit, die Einzelobjekte zu wechseln […] statt Juden auch Tschechen, Polen oder irgendetwas anderes. Worum es sich hier handelt, ist die systematische Impfung eines Volkes mit einem Bazillus, der bewirkt, dass die von ihm Befallenen gegen Mitmenschen wölfisch handeln;

Oder, anders ausgedrückt, die Entfesselung und Hochzüchtung jener sadistischen Instinkte, deren Niederhaltung und Abtötung das Werk … eines Zivilisationsprozesses war“.

Hat man die Bevölkerung einmal in diese Richtung gelenkt, trifft zu, was Gustave le Bon bereits 1911 in seinem bahnbrechenden Werk „Psychologie der Massen“ diagnostizieren konnte:

„Die Masse wird leicht zum Henker, ebenso leicht aber auch zum Märtyrer. Aus ihrem Herzen flossen die Ströme von Blut, die für den Triumph jedes Glaubens notwendig sind.“

Besonders perfide und darin der nationalsozialistischen Methode ähnelnd wurden das Henker- und Märtyrertum miteinander verquickt. Man sprach – siehe die Eingangssätze Bushs – von großen, edlen Aufgaben und verband damit die schmutzigen Taten.

Und so konnte selbst der nunmehr entfesselte „Normalbürger“ in seiner Funktion als Wachmann in Bagram oder Abu Ghraib auch Unschuldige bis zum elenden Tod quälen, ohne sich dabei schuldig fühlen zu müssen, denn er tat es für die Freiheit und die Verteidigung seines Vaterlandes.** Diese Wirkungsweise war Rumsfeld & Co. vollkommen klar, mehr noch: Sie vertrauten auf diese Wirkungen.

Zuhause galt dasselbe wie an der Front:

45 Prozent für Folter

Im Oktober 2001 stimmten 45% der US Bevölkerung zu, dass Folter in bestimmten Fällen zulässig sein. Noch in 2005 stimmten 39% dieser Aussage zu.

Die historische Besonderheit der Regierung Bush

In dieser Aufstachelung der Bevölkerung und allen damit verbundenen Aushöhlungen der amerikanischen Zivilgesellschaft liegt der Wesensunterschied zwischen der Regierung George W. Bush / Richard Cheney und allen übrigen US Regierungen. Nicht in ein paar Prozentpunkten Unterschied beim Bruttosozialprodukt oder einigen vielen Milliarden Dollar mehr an Staatsverschuldung.

Um es klar zu formulieren:

Der Wesenskern der Regierung Bush lag

– jenseits aller großen Parolen, Worte und Gesten –

in ihrer Inhumanität.

Katrina als Sinnbild der Bush-Moral

Als Sinnbild dafür mag man die Katastrophe von New Orleans nehmen. Präsident Bush wurde wenigstens einen Tag zuvor von den drohenden Gefahren unterrichtet. Als die Dämme unter dem Ansturm von Katrina brachen, begab sich der Präsident nicht etwa nach New Orleans, sondern flog zu einer Veranstaltung an die Westküste.*** Und dennoch sagte Bush kurz darauf, niemand hätte vorhersehen können, dass die Dämme brechen würden:

„I don’t think anybody anticipated the breach of the levees.“

Präsidenten-Mutter Barbara, Frau des vormaligen Präsidenten George H.W. Bush, besuchte den Dome in New Orleans, in dem Tausende unter jämmerlichen Bedingungen untergebracht waren.
Ihr Kommentar: „And so many of the people in the arena here, you know, were underprivileged anyway, so this is working very well for them.

Mit nichts anderem liesse sich die Gesinnung von George W. Bush und Dick Cheney besser umschreiben als mit diesem unfreiwillig ehrlichen Satz. In dieser Haltung schauten sie letztlich auf das ganze Volk herab. Es ging ihnen nie darum, ob irgendwelche Dämme brechen. Die Energie, die man in solche Dinge hätte stecken müssen, hätte gefehlt in den zahllosen Bemühungen, die eigentliche Agenda voranzutreiben.

Andere Präsidenten mögen im Vergleich zu G.W.B mehr oder minder große Fehler begangen haben, strategische Fehlentscheidungen, aber es bleibt der Regierung Bush vorbehalten, ihre besonderen Politiken in bewußt zynischem Gegensatz zu ihren Beteuerungen aus genuin niederen Motiven heraus begangen zu haben.

Der spiritus rector: Richard „Dick“ Cheney.

Und die Amerikaner, wir, die Welt? Sind Zuschauer der großen Taten Cheneys. In seiner unangreifbaren Hybris gab er genau das freimütig zu Protokoll:

Wir sind nun ein Imperium, und wenn wir handeln, schaffen wir unsere eigene Realtität. Und während Ihr diese Realität studiert, wohlüberlegt, wenn man so will, handeln wir schon wieder, schaffen neue Tatsachen, die Ihr dann auch wieder studieren könnt, und so unterscheiden sich die Welten.

„We’re an empire now, and when we act, we create our own reality. And while you’re studying that reality — judiciously, as you will — we’ll act again, creating other new realities, which you can study too, and that’s how things will sort out.“

Gewiß: Es bedurfte Heerscharen großer und kleiner Helfer, Karrieristen, Mitläufer und Claqueure, um das mit Leben zu füllen. Cheney war nicht irgend einer. Er blieb nur bei uns etwas blass, weil sich die Presse wenig um ihn gekümmert hat. Hinter der Kulisse aber, in Washington, war er zweifelsfrei der mächtigste Mann. Keiner hatte seinen unstillbaren Hunger, den eigenen Willen durchzusetzen.

Die amerikanische Demokratie hat Stärke bewiesen

Es ist ein Verdienst der festen politischen und gesellschaftlichen Strukturen Amerikas, dass es im Gegensatz zu Deutschland vor 1933 die Umkehr vollziehen konnte.

Während die demokratischen Strukturen Weimars insgesamt zu schwach ausgebildet waren, um dem vehementen Ansturm der Nationalsozialisten stand zu halten, zeigte sich Amerika dem Versuch einer reaktionären Aushöhlung letzten Endes gewachsen.

Es hat zwei Amtszeiten gebraucht, das mag wahr sein. Man sollte sich jedoch vor Augen halten, dass drei Jahre – nach 9/11 bis zum Ende der ersten Amtsperiode – keine lange Zeit sind, um sich in einer so großen Gesellschaft des schier unvorstellbaren Umstandes bewußt zu werden, dass man es nicht nur mit einem furchtbaren Terrorangriff zu tun hatte, sondern auch mit einem nicht vorhersehbaren „Angriff“ der Regierung auf einen selbst.

Amerika hat seine wohl bedrohlichste Feuerprobe im Innern seit dem Bürgerkrieg bestanden. Das ist eine beachtliche Leistung.

Das nun Folgende wird nicht ausschließlich gut sein, aber es wird normal erscheinen im Gefüge üblicher Großmachtpolitik. Das ist angesichts des soeben Vergangenen ein großer, ein wichtiger Schritt.

— Schlesinger

Haffner, zitiert aus „Geschichte eines Deutschen“, Erinnerungen 1914-1933, dtv, S.135f.

Le Bon, zitiert aus „Psychologie der Massen, Ausgabe Kröner, S. 20

PS.: Teil 4 des Essays voraussichtlich erst kommendes Wochenende.

PS 2: Teil 2 des Essays finden Sie hier. Teil 1 hier.

(Photo: screenshot meet the press)
(Photo: Washington Post, freigegeben)
(Photo: Spiritwood Images)

* Vgl. den unsäglichen Beitrag in der FAZ.
** Siehe dazu die schockierende Dokumentation „Taxi zur Hölle“ (SZ-Edition, s. Seite rechts oben).
*** Al Gore mietete privat zwei Flugzeuge, um Verwundete aus New Orleans ausfliegen zu lassen. Die Presse erfuhr erst später davon.

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