Jung, blond, hübsch, reaktionär

Intoleranz liegt im Blut. Ist Veranlagung. Durch die Gene bestimmt. Nicht zu 100 Prozent, aber zu einem hohen Anteil.

Gestern war ich mit meinem Mann auf einer Feier seiner Redaktion. Familienangehörige waren mit eingeladen und zahlreich dabei.

So habe ich zum ersten mal die 23jährige Tochter eines gemeinsamen Bekannten getroffen. Er hat schon oft über Claire, so ihr Name, erzählt. Sie ist sein ganzer Stolz. Eine nach allgemeinen Maßstäben attraktiv anzusehende junge blonde Frau mit guter Figur. Sie ist im vierten Semester ihres Jurastudiums. Edle Kleidung.

Design muss sein

Nicht wie Rainer, der Papa. Der ist zwar immer solide gekleidet, aber nichts Auffälliges. Die Tochter dagegen trägt Designerklamotten, wie man so sagt. Das hat sie später auch betont.

Ich bin so ein furchtbares Logo-Girl, hat sie kokett und gar nicht verlegen gesagt.

Überhaupt fiel auf, dass sie einen recht selbstsicheren Eindruck machte. Wobei nicht ganz klar war, ob es Selbstsicherheit war oder doch eher jung-frauenhafte Arroganz.

Zu Beginn des Abends hat sie überwiegend zugehört. War halt nicht ihre Altersgruppe. Verständlich. Rainer, ein mehr vom Wesen als von der politischen Einstellung her sehr liberaler Mensch, erzählte fleissig über dies und jenes und war immer darauf bedacht, Frau und Tochter durch Blickkontakt mit einzubeziehen beziehungsweise sich Zustimmung zu seinen Darlegungen zu holen.

Dieser schreckliche Wohlstand

Irgendwann taute auch Claire auf und trug zu den Gelegenheiten, die ihr thematisch passten, einige Dinge bei. Etwas Abitur-Goethe-Wissen hier, ein wenig angelesene Theaterkritik dort, und dazwischen ethisch korrekte Kurzkommentare, wie man sich in unserer ‚Wohlstandsgesellschaft, mit der teuren Kleidung‚ und den ’schicken Porsche Cayennes‘ seiner Privilege immer bewußt sein müsse angesichts der Vielen, denen es ’so viel schlechter‚ gehe.

Angesehen ist mehr als ansehen

Viele ihrer Kommilitonen hätten von zuhause aus so viel Geld, tadelte Claire, dass sie ‚jeden Maßstab verloren‚ hätten. Sie hingegen müsse sich ihr Geld einteilen. Der Eintritt in den ‚angesehendsten Clubs‚ sei nun mal nicht billig, und mit einer ‚einfachen Edel-Jeans‚ brauche man gar nicht versuchen, dort hineinzukommen. Obwohl sie das gar nicht sei, der Anzug-Typ. Sie sei eher der legere Typ. Das habe aber nichts damit zu tun, dass sie es sich nicht leisten könne.
Kurzer Prüf-Blick zum Papa, dass der es nicht missverstehen möge im Sinne von Ich gebe ihr doch nicht zu viel Geld? Aber nein, keine Gefahr. Rainer schaut mit Wohlgefallen auf seine Tochter und freut sich an unserem vermeintlichen und bisweilen echtem Interesse, das ihren Beiträgen entgegen gebracht wird.

BaföG für Unterschichten

Außerdem ‚verdiene‘ sie sich ihr Geld, da sie ‚zum Glück‘ nicht zu denen gehöre, die BaföG beziehen müssten. Sie müsse sich jetzt um eine Verlängerung ihres Modell-Vertrags kümmern. Für ein ‚kurzes Lächeln‘ vor dem Photografen, zum Beispiel für das neue Club-Poster der super-coolen Lackfabrik (das war wohl der Name eines Clubs), erhalte man eine schöne Stange Geld.
Wer sei denn schon so blöd und laufe als Bedienung durch die Gegend. Das sei viel zu anstrengend. Das sagte sie: blöd und anstrengend.
Papa legte erstmals seine Stirn ansatzweise in Falten. Papa nämlich muss für sein Geld ganz schön viele Über- und Wochenendstunden machen. Hart arbeiten, könnte man auch sagen. Rainer wird das seiner geliebten Tochter aber so nie sagen, denn die Kinder sollen es ja einmal besser haben.

Sarah Palin ist tough

Einer aus der Runde brachte das Thema auf den laufenden US Wahlkampf. Meinungen und Kommentare pro und contra der verschiedenen Kandidaten und Problemfelder machten die Runde, reichlich bissige Bemerkungen fielen über Bush. Jemand richtete die Frage an Claire, wen sie bevorzuge. Da war ein Anflug von Unsicherheit an ihr, weniger wegen des „politischen“ Themas, sondern wegen der Grundstimmung, die offenbar nicht ganz ihrer Einstellung entsprach.
‚Obama hat glaube ich etwas wenig Erfahrung
‚, tastete sie vorsichtig. ‚Reden kann er ja, … und seine Anhänger sind begeistert‚. Das Mädchen hat das Zeug zum Politprofi. Das war kein Zufall, dass sie sagte „seine Anhänger“ seien begeistert. Sie sagte nicht, Amerikaner seien zu soundsoviel Prozent begeistert. Nein, das war eine messerscharfe Abkanzelung der Demokraten ganz im Sinne McCains, der über Obama von „dem da“ sprach.
Sarah Palin, so Claire, sei eine ‚taffe‘, gestandene Frau, die sich aufgrund ihrer ‚Werte‚ gegen den Widerstand des ‚Establishments‚ durchgesetzt habe. In der Betonung des Wortes Establishments war interessanterweise gar nichts von Verachtung, sondern nur Bewunderung heraus zu hören.

Obamas ‚male educacion‘

‚Spielt nicht auch die Erziehung eine große Rolle?‚ flötete sie in Richtung Papa, der im Affekt nickte.
Obama ist doch jahrelang auf einer islamischen Schule gewesen, das hat sich doch bestimmt irgendwie ausgewirkt.‘

Die Antennen dieses Anti-Obama-Girl liessen sie in diesem Moment zwar wissen, dass sie sich nun weit aus dem Fenster lehnte, aber ihr Geltungsbedürfnis war eindeutig stärker.

‚Ist doch verständlich, dass die Amerikaner damit Probleme haben‚,
fährt sie fort und setzt drauf
‚Was dabei rauskommt, wenn man es übertreibt mit der Toleranz sieht man doch auch bei uns mit den ganzen Moscheen und den kopftuchtragenden
…‘

Da sah Claire die düster zusammengezogenen Augenbrauen ihres Papas, dessen Lächeln sich jäh verflüchtigt hatte und hielt mit einem abrupten ‚Naja, was solls‘ inne, um mädchenhaft-fröhlich nachzuschieben ‚Wählen können wir ja eh nicht in den USA, nicht wahr ?‘, und lächelte süß dabei.
Rainer war damit sogleich versöhnt und schob diplomatisch nach, ‚man sei aus dem eigenen Viertel schon einiges gewohnt von bestimmten Bevölkerungsanteilen, das dürfe man nicht unterschätzen. Damit würde aber niemand Toleranz an sich in Frage stellen‚.

Konstanter Charakter des Menschen

Schopenhauer merkte zurecht an, dass Erziehung den Handlungshorizont eines Menschen in Hinsicht auf dessen Vernunft beeinflusse. Bezogen auf konkrete Handlungen, auf die Lebenseinstellung selbst jedoch komme es nur auf den Charakter an. In dieser Richtung bewirke Erziehung gar nichts.

Der Charakter des Menschen ist konstant.

Er bleibt derselbe, das ganze Leben hindurch. Unter der unveränderlichen Hülle seiner Jahre, seiner Verhältnisse, selbst seiner Kenntnisse und Ansichten, wie ein Krebs in seiner Schale, der identische und eigentlich Mensch.

Das Unterfangen, den Charakter eines Menschen durch Reden und Moralisieren … umschaffen zu wollen, ist ganz gleich dem Vorhaben, Blei durch äußere Einwirkung in Gold umwandeln zu wollen.

Artur Schopenhauer

Daher konnte Claire so brav die Ethikreden äußern, die sie äußerte. Es waren äußerlich angeeignete Vernunft-Reden, nur eine Art sozialer Wimperntusche, um sich gesellschatskompatibel darzustellen. Ihr Charakter hingegen zeigte sich in ihren „Versprechern“. Ihre kaum merklichen Ausrutscher zeigten ihre ganze zutiefst reaktionäre Wesensart. Vom Alter ist das völlig unabhängig.

Der Papa wird davon wahrscheinlich nie erfahren. Das verhindert die väterliche Zuneigung.

Eine nicht ganz harmlose Variante des All you need is love.

— Marion / Bigdaddy

Der Kommentar des Lesers Martin Pöttner lohnt hier im Text aufgenommen zu werden:

M.P.:

„Ein schönes, auch sprachlich subtiles Sittengemälde.
Nur was soll die Schopenhauerinterpretation?

Auch nach Schopenhauer gibt es jedenfalls in transzendentaler Betrachtung Freiheit, also Selbstbestimmung, wenn auch empirisch jener “Charakter” im Vordergrund zu stehen scheint.

Ein Artikel wie dieser ist doch irgendwie sinnlos, höchstens geschmäcklerisch, wenn nicht unterstellt wird, Claire könne sich ändern…“

RE TAB:

(a) Zu Schopenhauer

Zur Freiheit des Willens, des Menschen

Schopenhauer legte in einer auch heute noch äußerst instruktiven Abhandlungen zur menschlichen Freiheit (= des Willens, in der Nomenklatur Schopenhauers), seiner von der Preussisch-Königlichen Akademie der Wissenschaften 1839 gekrönten „Preisschrift über die Freiheit des Willens„, den Trugschluss über die Freiheit dar.

S. unterschied 3 Freiheiten: Eine „intellektuelle“ (das dürfte der von Ihnen als „transzendental“ bezeichneten entsprechen), eine physische und eine moralische.
Die intellektuelle Freiheit erörterte S. nur am Rande, weil sie mit Blick auf die menschliche Praxis vernachlässigbar sei. Umgangssprachlich könnte man sagen, es handelt sich um Gedankenspielerei.
Die physische Freiheit als das Fehlen jeglicher Beschränkungen ist außerordentlich wichtig, da sie Voraussetzung für menschliche Aktion schlechterdings ist.
Die bedeutsamste und zugleich kritikwürdigste ist die moralische Freiheit. Schopenhauer stellte sie in Abrede. Hier stellte er sich klar gegen Kants Ethik.

„Frei“, so weist Schopenhauer darauf hin, wäre „das in keiner Beziehung Nothwendige, welches heißt von keinem Grunde Abhängige.“

Der freie Wille wäre demnach ein Wille „ohne vorhergegangene Ursache“, „ohne Nothwendigkeit“, mithin etwas das „nicht durch Gründe“, ja das damit „durch gar nichts bestimmt würde“.

Mit anderen Worten: Der Wille ist eine Ursache für Wirkungen, die selbst keine Ursachen hat.

Schopenhauer weist darauf hin, dass damit das jeglichem Denkprozess zugrundeliegende Kausalitätsprinzip aufgehoben würde.

„Unter Voraussetzung der Willensfreiheit wäre jede menschliche Handlung ein unerklärliches Wunder, – eine Wirkung ohne Ursache. Und wenn man den Versuch wagt, ein solches liberum arbitrium indifferentiae sich vorstellig zu machen; so wird man bald inne werden, dass dabei recht eigentlich der Verstand stille steht; er hat keine Form so etwas zu denken.“

Wer demnach für die klassische Idee der Freiheit (des Willens) eintritt verlässt den Bereich der Logik.

Warum der Mensch dennoch zur Idee von absoluter Freiheit gelangt? Weil er es nach Schopenhauer aus seiner subjektiven „Erfahrung“ heraus so einschätzt. Mit Nietzsche könnte man nachschieben: Weil es ein lebensdienlicher Selbstbetrug ist.

(b) Der Blogbeitrag sei „irgendwie sinnlos, geschmäcklerisch“?

Damit kann ich zugegebenermaßen wenig anfangen. Was ist sinnlos?

Definition Sinn

Sinn ist, wohinein man Sinn legt, indem man die Eigenschaften eines beliebigen Phänomens mit den eigenen „mitgebrachten“ Eigenschaften auf eine verarbeitbare Weise verbindet (= umgangssprachliche Version der Luhmann’schen Definition von Sinn, die verkürzt lautet: Sinn ergibt sich aus der subjektiven Reduktion der Verweisungsüberschüsse eines Objekts zum Zweck der Anschlussfähigkeit an eigene vorhandene Erkennungsmuster).

Wenn Sie allerdings eine „traditionelle“ Definition von Sinn meinen im Sinne von „was ist etwas wert“ / „was ist der tiefere Zweck“ muss ich Sie zwangsläufig enttäuschen. Diese Erwartung kann ich leider nicht bedienen. Oder mit dem Pianisten Alfred Brendel gesagt, der vorgestern Hebbel zitierte, man möge doch die ganze verkommene Welt dem lieben Herrgott mitten ins Gesicht schiessen. Kein „tieferer“ Sinn, weit und breit nicht. Das hört sich allerdings grimmiger an, als es in Wirklichkeit ist. Brendel hat viel Sinn für Humor.

(c) Claire könne sich ändern?

Ja, hinsichtlich ihres Verhaltens. Das wird sie im Lauf ihres Lebens. Wie wir alle. Manche tun das häufiger, manche seltener. Ist wie der Kleiderwechsel wegen Wetterveränderung. Darunter bleibt derselbe Mensch (wenn man als Kern des Menschen dessen Charakter und nicht dessen Worte oder Verhalten ansieht).

Ja, hinsichtlich ihre Charakters, etwa unter Einwirkung traumatischer Erfahrungen. Oder ja, falls sie in eine bestimmte Strafabteilung des US Marine Corps geht, und dort einer Gehirnwäsche unterzogen wird. Ansonsten: Nein.

Dank an M.P. für den anregenden Blog-Kommentar!

Zum Beitrag von Draculette (war das ein Doppelpost unter zwei Namen?):

„Stört sich da eine Midlife-Crislerin an der durchaus häufig anzutreffenen Arroganz und Selbstüberschätzung der Jugend? Was kann man denn überhaupt von jemandem, der aus einem guten Elternhaus kommt, keinerlei finanziellen Einschränkungen unterworfen, erwarten, wenn es in Richtung Politik, gesellschaftliches Leben etc. geht? Ich weiß nicht, ob ich das als reaktionär bezeichnen würde. Kann sein, muss nicht. Eher in Richtung: elitäre Scheuklappen, keine Lebenserfahrung, und darauf bedacht, den Status Quo – zumindest in Bezug auf die eigenen Lebensbereiche- aufrechtzuerhalten. Konservativ fände ich passender.“

RE TAB:
Das unterstützt die von einem anderen Kommentar geäußerte Marx-Ansicht zu 100% (das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewußtsein). Salopp formuliert: Zeige mir Deine (ökonomische) Umgebung und ich sage Dir wer Du bist.

Es gibt aber ungeachtet dessen eine große Bandbreite an Persönlichkeits-Ausprägungen, die innerhalb ein und derselben Rahmenbedingung denkbar und de facto beobachtbar sind. Wie sich die Persönlichkeit konkret darstellt, wird daher in einem hohen Maß vom wenig wandelbaren Charakter vorgegeben.

Man verwechselt oft die äußere Wandlung eines Menschen mit der Wandelbarkeit des Menschen. Äußerer Wandel steht der charakterlichen Kontinuität nicht im Wege.
Wenn man zurecht annehmen darf, dass der Charakter von klein auf kontinuierlich ist, fällt aber die Berechtigung für eine Verniedlichung weg im Sinne von „da es sich um eine junge Frau handelt, ist es nur eine Form von (vielleicht überheblicher) Unbedarftheit“. Daher kurz formuliert: Sie mag jung und unbedarft sein, ist aber kraft Charakter (plus alles bisher genannte in gewissem Umfang) schon „immer“ reaktionär. Wenn man so will, schon in den Windeln.
„Konservativ“ würde ich deshalb nicht als Bezeichnung wählen, da es zu sehr politisch gefärbt ist. „Reaktionär“ trifft es m.E. deshalb besser, weil das präziser als Attribut der Charaktereigenschaft „Offenheit“ des Big Five Konzepts verwendet werden kann (reaktionär = nicht offen in Hinsicht auf fremde Lebenswelten).

Was die midlife-crislerin anbelangt: Hier hat „Marion“ noch gute zehn Jahre Puffer 😉

Vom zornigen Altmeister der Philosophie:

Sehr empfehlenswert,
vom spanischen Kultregisseur Almodovar:

(Photo: © Amir Kaljikovic - Fotolia.com)
(Photomontage: TAB)
(Hinweis: Das Photo ist fiktiv)
(Namen, Orte, Umstände, Personen sind verändert.
 Die Geschichte selbst ist echt.)