Rekordverlust für den Dow Jones – und für McCain

Der historisch tiefste Sturz des Dow Jones Index von 778 Punkten an einem Tag brachte auch einen schweren Ansehensverlust für John McCain mit sich.

McCain hatte sich mit theatralischer Geste aus dem Wahlkampf verabschiedet, um als Retter der Nation in Washington mitzuwirken.

Leider spielten gerade seine eigenen Parteikollegen nicht mit und stimmten entgegen den Demokraten mehrheitlich gegen den „bailout„-Plan. Die führende Rolle spielte dabei wider Willen der Fraktionsvorsitzende der Republikaner im Repräsentantenhaus, John Boehner. Der Grund war eher ein prinzipieller als ein technischer: Staatsinterventionismus und Regulierung passen nicht in das ökonomische Weltbild der Republikaner. Im Gegensatz zu Präsident Bush stehen ihnen ebenfalls Wahlen ins Haus. Ihre Wähler haben in den Wahlkreisen massenhaft gegen die beabsichtigte staatliche Stützung von Wall Street protestiert. Boehner und seine Kollegen befanden sich in einer mißlichen Lage. Einerseits wollten sie sich nicht gegen ihren präsidenten stellen, andererseits müssen sie sich in den anstehenden Wahlen vor ihren Wählern rechtfertigen. Je ärmer der Wahlkreis, desto größer das Unverständnis für eine Rettungsaktion zugunsten der großen Geldinstitute.

Ergebnis: 133 Republikaner und 95 Demokraten verweigerten sich dem Lösungsvorschlag von Präsident Bush und dessen Finanzminister Hank Paulson.

Interessenkonflikt bei Finanzminister Paulson?

Pikanterweise wirft der einflußreiche frühere Sprecher der Republikaner im Repräsentantenhaus, Newt Gingrich, dem Finanzminister einen Interessenkonflikt vor. Paulson sei immerhin Vorstand von Goldman-Sachs gewesen und würde unmittelbar vom bailout profitieren. Im übrigen sei die Forderung nach 700 Milliarden Dollar, die einfach so verteilt werden sollten, völlig „unamerikanisch“. Paulson müsse zurücktreten.

Mit dem gescheiterten bailout-Plan war auch McCain brüskiert. Niemand schien sich für dessen edlen Rettungseinsatz zu interessieren. So saß er als zur Untätigkeit verurteilter Beobachter in der Hauptstadt. Sein einziger Gewinn in der Angelegenheit war der Adrenalin-Schub, den der verärgerte McCain in die erste Debatte gegen Obama mitbrachte.

Dort konnte er zwar leidlich punkten, aber das Debakel entging der Öffentlichkeit nicht.

Associated Press (AP) kommentiert dazu, McCain habe sich in eine Sackgasse manövriert und habe nur noch 5 Wochen Zeit, dort wieder herauszukommen:

McCain maneuvered himself into a political dead end and has five weeks to find his way out.

In den Umfragen konnte Barack Obama weiter zulegen. Im Mittel aller wichtigen Umfragen liegt er nun etwas mehr als 5 Prozentpunkte vor seinem Konkurrenten:

Dennoch muss man feststellen, dass Obama weniger stark vom Straucheln McCains profitiert, als man es erwarten würde. Das mag an dem Dilemma liegen, dass sich Obama davor hüten muss, denselben Fehler wie McCain zu begehen. Er darf keine konkreten Lösungsvorschläge unterbreiten oder allzu großen Aktivitäten entwickeln. Denn nach wie vor sind sowohl McCain als auch Obama „nur“ Senatoren und sitzen nicht an den entscheidenden Stellen im Machtgefüge. Würde sich Obama zu weit aus dem Fenster lehnen, müßte er gegebenenfalls dieselbe Erfahrung machen wie sein Konkurrent. Eine relative Untätigkeit wiederum erweckt bei den Wählern den Eindruck, Obama könnte keine Lösung anbieten. Eine knifflige Lage.

Gäbe es 1 Jahr für jede Lüge, müsste McCain lebenslänglich bekommen

Dass McCain längst mit allen unerlaubten Tricks arbeitet, zeigte sich auch in dieser Lage. Selbst nachdem ihm bekannt war, wie die Abstimmung ausging, ließ er über seinen politischen Chefberater Doug Holtz-Eakin Obama und den Demokraten die Schuld geben. Sie hätten sich einer Lösung verweigert:

„This bill failed because Barack Obama and the Democrats put politics ahead of country“

Obwohl der Rettungsplan fürs erste gescheitert ist, konnte sich der Dow Jones gestern um satte 4,7 Prozent erholen und hat damit einiges vom Sturz des Vortages wieder wettgemacht.

Weltwirtschaft am Abgrund?

Medien: Hauptsache Panik

Selbst renommierte Zeitungen wie die Süddeutsche (heutiger Leitartikel „Weltwirtschaft am Abgrund“ von Alexander Hagelücken) können sich offenbar nicht zurückhalten und malen um jeden Preis den Teufel an die Wand. Immer frei nach dem Motto „nur eine große Nachricht ist eine gute Nachricht!“. Da wird dann auch schon mal die Lage in Deutschland überspitzt dargestellt und so getan, als würden morgen unsere Sparkassen zusammenbrechen.

Wenn dann noch wenig hilfreiche Vorschläge wie diese dazukommen:

„Wenn die Regierungen den Banken helfen, müssen die Bürger das Gefühl bekommen, dass die Branche und ihre Aktionäre dafür bezahlen.“

dient so ein Beitrag lediglich der zusätzlichen Verwirrung. Eine Bank, die solide gewirtschaftet hat, soll kraft Zugehörigkeit zu einer Branche in Sippenhaft genommen werden? Die Aktionäre, die ihre Altersvorsorge in Aktien deponiert haben, sollen für das Mismanagement der Bankmanager bezahlen? Das ist doch Unfug.

Wenn alle Bürger derart geimpft werden, fangen die Rentner wirklich bald an, zur Bank zu laufen und ihr Erspartes abzuholen. Das aber liegt dann weniger an den Realitäten auf dem Markt, die schlimm genug sind, sondern an der Panikmache in den Medien.

Bush

Was schließlich George W. Bush anbelangt: Für das letzte halbe Jahr seiner Amtszeit hatte man ihm die Wirksamkeit der berüchtigten lame duck prognostiziert. Das trifft es nicht ganz. Bush scheint vielmehr Herbert Hoover den Rang streitig machen zu wollen. Hoover war Präsident zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise von 1929. Allerdings war dessen negativer Beitrag zur Krise bei weitem nicht der von Bush. Hoover brach auch keinen milliardenteuren ungerechtfertigten Krieg vom Zaun.

— Schlesinger

(Grafik: RealClearPolitics)