Wie der Papst die Welt schön redet und schlecht macht

Lourdes ist wie ein Licht in der Dunkelheit, in der wir uns suchend zu Gott hintasten. Maria hat dort eine Tür zum Jenseits geöffnet…

sprach Papst Benedikt zum Abschluß seiner Messe in Lourdes.

Ich wünschte, der Papst spräche nicht vom Licht in der Dunkelheit, sondern würde seine Augen öffnen und gegen die meilenweit und am hellichten Tage erkennbaren Mißstände und Gefahren angehen.

Auf Wunder bräuchte man dabei gar nicht zu warten, auch wenn die ein großes Thema sind am Wallfahrtsort und für den Papst:

Im Wallfahrtszentrum gibt es eigens ein Büro, das die unerklärbaren Heilungen untersucht. Bisher wurden über 7.000 davon gemeldet, berichtet der Leiter des medizinischen Büros, Patrick Theillier. Allerdings hat die Kirche bisher nur 67 Wunder offiziell anerkannt […]

Man wünschte, es gäbe 7.000 Meldungen darüber, wie der Papst mit all seiner Kraft in die Geschehnisse der Welt eingriffe. Wenigstens in die wichtigen.

Johannes Paul II. hatte Mut

Wie ein Ereignis aus besseren Tagen mutet an, wie Papst Johannes Paul II. gegen den Krieg des George W. Bush zu Felde zog, denselben Bush, der von Benedikt geherzt wird und der in rührender Manier sagte, er habe bei Benedikt in die Augen Gottes geschaut.

Johannes Paul II. wetterte in Richtung des Obersten Kriegsherrn in Washington, der Irakkrieg sei „gegen den Willen Gottes“, wohingegen Sarah Palin kürzlich meinte, es sei gerade der Wille Gottes.

Der Wille des Herrn aber, so wird stets betont, sei unergründlich. Und Rom – zumindest das Rom unter Benedikt – zeigt ein ums andere mal, wie wörtlich es diesen Satz zu nehmen pflegt, wenn es darum geht, es sich nicht mit den anderen Mächtigen der Welt zu verscherzen.

Da mag das schönste weltpolitische Gewitter aufziehen – Rom geniesst herrlichen Sonnenschein. Einer der möglicherweise Mächtigen der Welt könnte bald der republikanische Anwärter auf das Präsidentenamt sein, wenn es nach den furchteinflössenden letzten Umfragen geht.

Der Papst schweigt zum Konflikt,
schweigt zur Haltung John McCains

Da mag ein John McCain sich nicht nur als Ignorant und in außenpolitischen Dingen denkbar schlecht informiert zeigen – allein das wäre schon eine heikle Ausgangslage für einen künftigen Präsidenten. Nein, er verdreht die aktuellen sicherheitspolitischen Vorgänge im Kaukasus so ins Lügenhafte, dass er eine schöne Krise daraus konstruieren kann.

Er spricht von seinem demokratischen Freund Saakaschwili und der Aggression Rußlands gegen diesen treuen Freund, während just dieser Saakaschwili von seinem eigenen Generalstab vor einem Angriff gegen Rußland gewarnt wurde, ihn aber vier Stunden später trotzdem befohlen hat.

Zufällig wird der Georgier unter anderem von Leuten beraten, die aus dem unmittelbaren Umfeld Bushs und McCains kommen. Uneingeschränkte Unterstützung bekommt McCain von Dick Cheney, dem seit langem gefährlichsten Mann auf diesem Planeten:

Russian aggression must not go unanswered

Es ist klar, dass McCain der große Profiteur der aktuellen Krisen ist und sie nach Kräften antreibt (das wird sich auch noch im aktuellen Fall mit Pakistan zeigen):

We should immediately call a meeting of the North Atlantic Council to assess Georgia’s security and review measures NATO can take

Der Mann will die Wahlen gewinnen. Um jeden Preis.

Es geht aber beileibe nicht nur um den Wahlsieg. Es ist nicht so, dass dies alles nur Taktik ist und sich McCain zum Gemäßigten wandelt, sobald er erst einmal im Weissen Haus Platz genommen hat. Nein. McCain will die konservative, die erzkonservative Umgestaltung Amerikas weiter vorantreiben. Nur zu diesem Preis lässt ihn die Garde um den spiritus rector Dick Cheney gewähren.

Angesichts all dessen hört man vom Heiligen Stuhl – nichts.

Nun ja, nicht nichts, sondern dies: „Bitter müssen wir feststellen, dass das Klima des Vertrauens und der Zusammenarbeit zwischen den Nationen sich zu verschlechtern droht.“

Das ist weniger als nichts. Es ist eine Art lästiges Abwimmeln, in sorgenvolle Worte gehüllt.

Benedikt konkurriert seit Amtsantritt einzig und alleine mit dem „Großen Musikantenstadl“. Alles ist heimelig und eine große Freude. Das eine oder andere Problemchen hieniden ist auf ein bisschen zu wenig Glauben zurückzuführen.

Oh nein. Es fehlt Rom der Mut, die Kraft und der Wille.

World Under Fire, Rome at rest

Nick Nolte spielt in dem hervorragenden Filmklassiker „Under Fire“ den Journalisten Price, der ins bürgerkriegumkämpfte Nicaragua kommt. Dort wird er kurzzeitig in eine Gefängnis geworfen. Von einem gefangen genommenen Priester wird er gefragt, auf wessen Seite er stehe.

Auf keiner, antwortet Price.

Dann geh nach Hause, sagt der Priester mit Abscheu.

Ob Maria in Lourdes eine Tür zum Jenseits geöffnet hat, weiß ich nicht. Die Chancen allerdings stehen nicht schlecht, dass Kriegstreiber McCain in zutiefst christlichem Einvernehmen mit hockey-mom Palin im Falle eines Wahlsiegs die schönste Konfrontation mit Rußland vom Zaun bricht. Dann werden sich einmal mehr für sehr, sehr viele die Türen ins Jenseits öffnen. Benedikt wird dann seine Fürbitten sprechen für die Seelen der von uns Gegangenen, und um Frieden bitten.

Auf welcher Seite stehst Du, Benedikt? Auf jeder? Das heißt: Auf keiner.

Geh nach Hause!

— Schlesinger

PS.: Benedikt macht die Welt vielleicht nicht schlecht, aber belässt sie schlecht. Whats the difference?

PS2.: Zur Ergänzung empfehle ich diesen Beitrag.

(Photo: elkit)
(Photo: HuffingtonPost)
(Photo: Reichskonkordat)