Tollwut-Berichterstattung in der WELT über Barack Obama

Man hat sich im Internet längst an Blogger gewöhnt, die ihre höchst privaten und allzuoft possierlichen Weltanschauungen über jeden möglichen Sachverhalt stülpen, um daraus das werden zu lassen, was es ihrer Meinung nach schon immer war.

Das ist in Ordnung, tut fast niemandem weh und unterminiert die demokratische Meinungsfreiheit nur wenig.

Wenn dasselbe allerdings von einer namhaften Tageszeitung wie der WELT geboten wird, tut es schon ein bisschen mehr weh.

Kritisiert wird nicht die normale politischen Tendenz, die jeder an seiner um Faktenwiedergabe bemühten FAZ, SZ, taz, ZEIT, Spiegel, Focus etc.pp. kennt und auch aus diesem Grund schätzt.

Jeder aufgeweckte, kritische Leser wird erkennen oder ahnen, wenn seine Zeitung den Boden der Tatsachen um der Weltanschauung willen verlässt. Das mag er eher nicht.

Nun bin ich nicht Leser der WELT und war es abgesehen von einem abschreckenden Probeabonnement nie, aber diese Zeitung übertrifft sich inzwischen immer wieder selbst im Negativen.

Zur Obama-Berichterstattung, die uns naturgemäß interessiert, hat die „Journalistin“ Bettina Röhl einen Artikel verfasst, der irgendwo im Land der Phantasie anzusiedeln ist und der nur dem politischen Weltanschauungs-Ego der Verfasserin und geistig gleichgeschalteter Leser dient, wie man es ansonsten nur von FOX News her kennt.

Der Titel des Beitrags lautet:

Barack Obama und die Restauration der amerikanischen Weltherrschaft

und darf vom Stil her als BILD-Aufmacher, allerdings für den rechten Kleinst-Bildungsspießbürger bezeichnet werden.

„Restauration der amerikanischen Weltherrschaft“?

Gewiß, das Internet strotzt vor platten Beiträgen, die Washington als den Quell aller Übel und Moskau (oder wahlweise Teheran) als Ursprung aller Freiheit sehen.

Eine „wertkonservative“ und ehedem respektable Zeitung wie die WELT lässt auf ihren Seiten einen derart dröge-provozierenden Aufhänger platzieren? Sie muss es arg nötig haben, um nach dem Publikum zu fischen, das derartige Phantasien teilt.

Lawrow: Krankhafte Phantasien

Wie sagte der russische Außenminister Lawrow dieser Tage gegenüber der völlig unsinnigen Behauptung eines westlichen Diplomaten, Moskau greife nach Georgien nun wohl auch nach Polen, der Ukraine oder Litauen: „krankhafte Phantasien!„.

Dasselbe gilt für Schnellsprecher und Knappdenker, die Washington im Allgemeinen – Bush / Cheney sind ein Spezialthema – und Obama (!) im Besonderen ein Streben nach amerikanischer Weltherrschaft andichten wollen: Sie unterliegen krankhaften Phantasien.

Frau R. wiegelte über den Parteitag der Demokraten herablassend ab – und das, nachdem bereits Ted Kennedy das Publikum zu Begeisterungsstürmen und Ovationen hingerissen hatte – :

„Doch der ganz große Funke sprang auf diesem Parteitag bisher nicht über.“

Bitte?

Man darf von Journalisten nicht erwarten, dass sie politische Positionen teilen. Man muss aber von ihnen erwarten, dass sie die objektiven Sachverhalte korrekt wiedergeben. Es geht hier nicht um ein Beethoven-Konzert, über das ein Kritiker kraft Amtes dieser oder jener Meinung sein darf. Es geht um die trockene Wiedergabe dessen, wie der Parteitag der Demokraten bei den Demokraten ankam. Und er kam gut, sehr gut an. Oder meinte Frau R., der Funke des Demokratenparteitags sei bei den Republikanern nicht übergesprungen? Na denn…

Da der Funke nicht gesprungen sei, weder über noch sonst wo hin, mussten der Interpretation Frau R.’s zufolge die Demokraten einen „Rechtsruck“ vollziehen (während des Parteitags? Hört sich so an).

Deshalb habe Clinton – gewissermaßen im Namen Obamas – angekündigt, der werde laut Frau R. die „verloren gegangene Weltführungsrolle der USA alsbald wiederherstellen“.

Das sei das „imperiale Moment“, das Obama doch eigentlich „weg-changen“ wolle, aber nun – so fällt der Schleier des Harmlosen – gebe sich der US-Imperialismus auch bei den Demokraten zu erkennen.

Potzblitz, Frau R., da haben Sie mit kreativen Formulierungen einen imperialen Hasen aus dem Hut gezaubert!
Das war jetzt nett formuliert. Was ich sagen möchte ist dies. Das ist eine

Lügenhafte Verdrehung der Tatsachen

Clinton sagte wörtlich: „And our position in the world has been weakened by too much unilateralism and too little cooperation“ … and „by a failure to consistently use the power of diplomacy“

Die Position Amerikas in der Welt wurde geschwächt durch zu viel einseitige Politik und zuwenig Kooperation …. und durch den Fehler, zu wenig Gebrauch von Diplomatie gemacht zu haben.

Das ist offenkundig das Gegenteil dessen, was Frau R. Ihren Lesern weis machen will.

Sodann empfehle ich Frau R. dringend zur Englisch-Nachhilfe bzw. zur Aufklärung hinsichtlich des Gebrauchs bestimmter Redewendungen.

Wenn Clinton sagte:

„Clearly, the job of the next president is to rebuild the American dream and to restore American leadership in the world.“

kann nur ein böswilliger Übersetzer wie die Autorin das „Wiederherstellen“ (des amerikanischen Traums und ) der „amerikanischen Führung“ als „imperiales Anstreben von Weltherrschaft“ darstellen.

Frau R. haut auf den Sack

Der „Bericht“ der Frau R. zieht sich sodann auf dieser These aufbauend stetig wüster werdend dahin, gewürzt mit halb-ordinären und überaus billigen anbiedernden Einlassungen wie der, die Demokraten hätten die „superreichen Hollywood-Spieler“ „eh im Sack“ und reicht bis zu dem substanzlosen Wiederkäuen der objektiv gegenstandslosen Phrase, Obama fehle „die politische Erfahrung“.

Die Reporterin von „Welt“ urteilt als Zwischenresümee, mit der ganzen bisherigen Strategie könnten die Demokraten McCain gar nichts anhaben.

Man werde sehen, welche/n Vizepräsident/in McCain präsentiere.

Wie wäre es mit Condoleezza Rice, meint Frau R. allen Ernstes.

Begründung: „Sie ist Bush-loyal, aber unbelastet, weil völlig unabhängig. Und ähnlich wie Laura Bush erfreut sie sich einer eigenständigen Wahrnehmung und Beliebtheit.“

Unbelastet? Sie hat rein gar nichts zu tun mit einem Krieg im Irak?

Unabhängig? Sie führt nicht wie alle Welt weiß nur ein einziges Leben, und das ist jenes 24 Stunden an der Seite von G.W.B., wie sie selbst einmal sagte?

Beliebtheit wie Laura Bush? Die beliebte Laura Bush, die während ihres New Orleans-Besuchs in die laufende Kamera sagte, die Leute hier in den Notunterkünften sollten nicht klagen, weil sie es hier besser und sauberer hätten als in ihren ärmlichen Hütten?

Verzeihung. Könnte es sein, dass „Bettina Röhl“ ein Pseudonym ist für Dick Cheney oder Karl Rove oder ein klitzekleines Stipendium bekommt von Rupert Murdoch?

Das alles hat weder mit Journalismus, noch mit Informationsvermittlung – der vornehmsten Aufgabe des Journalismus – zu tun.

In einem derben Republikaner-Blog (es gibt auch gute pro-Republikaner-Blogs) würde ich es überlesen. In einer „großen“ deutschen Tageszeitung nicht.

Es ist nur grobe Meinungsmache. Nein. Es ist ein Fall von Tollwut.

Möglicherweise ist diese Kritik von vornherein insofern deplatziert, als sie einen Artikel ernst nimmt, der unter einem solchen optischen Aufmacher erscheint:

Daher der unsererseits vergebene Aufdruck: Empfohlen für Politik-interessierte Praline-Leser.

— Schlesinger

PS 1.: Fast noch schlechter: Dieser Beitrag von R.

PS. 2: Manche Blogs sind sich nicht zu schade, diesen R.-Bericht zu referenzieren. Nun ja: Auch das ein alter Hut. Solange es den eigenen Interessen / Weltanschauungen entspricht, geht man gerne mal Zweck-Bündnisse solcher Art ein. Das ist wie im richtigen großen politischen Leben, das man ansonsten so abgrundtief verteufelt. Nicht wahr?
Daher schließe ich heute mit August Strindberg, der alle Briefe an seine Freunde beendete mit „Lest Nietzsche!„. Ihr werdet viel über Euch erfahren. Schmerzlich viel.

P.S. 3: Man kann nicht alle unwichtigen Leute kennen. Nun weiß ich auch mit dem Namen Röhl etwas anzufangen (SPIEGEL-Bericht):

„Röhl hatte die Fotos [von Joschka Fischer als Demonstrant, Anm. MK] ins Internet gestellt und dem „Stern“ und der „Bild“-Zeitung verkauft, obwohl die Urheber- und Nutzungsrechte der Bilder bei Kleinhans und der „FAZ“ liegen, deren Fotograf er von 1959 bis 1994 war. Einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zufolge hatte der Fotograf Röhl die Aufnahmen gegen eine Archivgebühr lediglich überlassen, damit sie in einem von ihr geplanten Buch erscheinen können. Röhl habe die Bilder aber „zu horrenden Preisen“ der Presse angeboten, schrieb die „FAZ“ unter Berufung auf die Chefredakteure von „Stern“ und „Bild“-Zeitung.“

Frau R. ist die Tochter von Ulrike Meinhof.