Amerika im Krieg mit sich selbst

Ein Gastbeitrag von Dr. Jürgen Todenhöfer

Der Krieg im Irak ist nicht der Antiterrorkrieg, als der er von Washington ausgegeben wird.

Durch ihn geht die weltweite Terrorgefahr nicht zurück.

Im Gegenteil: Mit jedem irakischen Kind, das durch die Waffe eines Soldatens aus dem Westen getötet wird, erhält Al Quaida außerhalb Iraks mehr Zulauf.

Der Irakkrieg hat der Glaubwürdigkeit des Westens und seiner Werte großen Schaden zugefügt.

Seitens Washington wird unverdrossen bekundet, dass sich die Sicherheitslage im Land „deutlich verbessert“ habe.

Dieser Sprachregelung hat sich nun auch Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) angeschlossen, der kürzlich unter scharfen Sicherheitsvorkerhungen zu einem Blitzbesuch in Bagdad war, um deutsche Wirtschaftsinteressen zu vertreten.

Die Lage vor Ort wird von Betroffenen allerdings ganz anders eingeschätzt. Vor einem Jahr habe ich im Irak den sunnitischen Studenten Zaid kennengelernt.

Nachdem Zaids jüngere Brüder Haroun und Karim kurz nacheinander von amerikanischen Scharfschützen auf offener Straße erschossen wurden, schloß er sich dem Widerstand an.

Er kämpft sowohl gegen die Besatzungsmächte aus dem Westen, wie auch gegen die Terroristen der Al Quaida. Der westlichen Berichterstattung mit seinen wiederkehrenden Siegmeldungen kann Zaid nichts abgewinnen.

Diese Einschätzung kann ich aus eigener Anschauung weitgehend teilen.

Das Pentagon hat weitreichenden Einfluss in Bezug auf die Berichterstattung, indem es Journalisten in der Regel nur das sehen lässt, was sie sehen sollen.

Ungeachtet der Erfolgsmeldungen halten die Kämpfe in der Region Anbar weiter an, obwohl viele der sunnitischen Stämme mit Millionen von Dollar gekauft wurden.

Der irakische Widerstand hat es dort zustande gebracht, Al Quaida aus ihrer früheren Hochburg fast vollständig zu vertreiben. In Umkehrung dieses Umstandes wird der amerikanische Kampf gegen den irakischen Widerstand wohlkalkuliert als Kampf gegen die Al Quaida bezeichnet.

Während all dem ist die Situation in Anbar trostlos: Strom gibt es für zwei Stunden am Tag. Sauberer Wasser ist rar, das Telefonnetz zusammengebrochen, Müllabfuhr gibt es keine mehr. Krankenhäusern mangelt es am Nötigsten und viele Ärzte sind in der riskanten Lage weggegangen. Die Kindersterblichkeit hat drastisch zugenommen.Schulen gibt es nur noch wenige und neue wurden keine gebaut.

Es ist daher höchste Zeit für ein Ende der Kampfhandlungen und die Aufnahme fairer Verhandlungen, die zu einer Befriedung im Irak führen.

Der Westen muss die arabischen Parteien als gleichwertige Partner zulassen und darf sie nicht von oben herab behandeln.

Die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die in hartnäckigen Verhandlungen das Ende des Kalten Krieges zwischen Ost und West herbeiführte, könnte sehr wohl ein Modell zur Erreichung von Frieden im Nahen Osten sein.

(c) courtesy Dr. Jürgen Todenhöfer

Dr. Jürgen Todenhöfer ist Jurist der Rechts- und Staatswissenschaften, war von 1972 bis 1990 Mitglied des Bundestages (CDU) und dabei Sprecher der Fraktion für die Belange der Entwicklungs- und Abrüstungspolitik.

Aufsehen erregten seine Angriffe gegen die südafrikanische Widerstandsbewegung ANC und sein früher Afghanistan-Besuch im Jahr 1980, als er während der sowjetischen Besatzung auf die Lage der afghanischen Flüchtlingen aufmerksam machte. Seit 1987 ist Jürgen Todenhöfer stellvertretender Vorstandschef von Burda.

Mit den Erlösen seiner Bücher über den Irak und Afghanistan finanziert er Hilfsprojekte in Afghanistan, im Kongo und im Nahen Osten.

— Schlesinger

(Photo: Jürgen Todenhöfer)