Bush lässt sich von Achmadinedschad bluffen

Sinnlose Spekulationen:

Ist Irans Präsident Achmadinedschad gemeingefährlich?

Eine Erweiterung der „Achse des Bösen“?

Ein notorischer Judenhasser, der Israel von der Landkarte fegen will?

Ich räume erstens ein: Ich weiß es nicht. Und zweitens behaupte ich, dass niemand es weiß, weil auf das fortwährende Schwadronieren des Iraners bislang keine konkreten Schritte folgten.

Achmadinedschad wird bisweilen mit Hitler verglichen. Abgesehen davon, dass solche Vergleiche meist mehr schaden als nützen, scheitert die Ähnlichkeit sofort daran, dass Hitler leider kein Schwätzer war, sondern alle kleinen und großen Verbrechen unbeirrbar umsetzte.

Beleuchtet man die iranischen Drohungen und die amerikanisch-israelischen Reaktionen aber hinsichtlich ihrer Funktionen, kommt man möglicherweise zu ganz anderen als den bisherigen Schlüssen.

Der große Bluff

Zuerst die erkennbaren Tatsachen. Achmadinedschad ist ein mäßiger bis schlechter Politiker, was die Führung seines Landes in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Hinsicht anbelangt.

Das Land ist nicht arm, weil es seine Öl- und Gasreserven inzwischen besser vermarkten kann als etwa zu Khomeinis Zeiten. Aber im Großen und Ganzen dümpelt es vor sich hin. Die Iraner sehnen sich nach Fortschritt, Produktivität, Offenheit. Das kennt man aus verlässlichen Medien, und ich bekomme es bestätigt von hier lebenden Exiliranern.

Für Achmadinedschad, den ehemaligen Oberbürgermeister von Teheran, ist die Reformierung und Modernisierung eines so großen Landes wie Iran offenkundig eine Nummer zu groß.

Dem Land fehlt trotz riesiger Ölvorkommen eine leistungsfähige Petrochemie, so dass rund 40% des Benzinbedarfs importiert werden muß. Im Land herrscht eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und die Inflation liegt bei rund 20 Prozent.
Daher ist die Position Achmadinedschads nicht unangefochten. Er hat Widersacher, die seine schmale Erfolgsbilanz beobachten und auf ihre Stunde warten.

Also greift der gerissene Teppichhändler Achmadindschad – denn das ist er zweifellos – auf dieselbe Methode zurück, mit der schon seit Urzeiten von inneren Problemen abgelenkt wurde: Eine Krise im Äußeren. Man könnte auch sagen: Er hat von George W. Bush gelernt.

Also stellt er sich auf die Tribünen, die ihm die Welt bietet, und posaunt möglichst markige Sprüche.

Mit größtem Erfolg, wie man sieht.

Der Iraner konnte von Anfang an felsenfest damit rechnen, dass sich die Bushs, Cheneys, Olmerts, Tzipis dieser Welt begierig auf ihn stürzen stürzen würden. Da seht! Noch einer von diesen Staatsterroristen! Die Reaktion dieser Fraktionen war mindestens so vorhersehbar wie die des Pavlov’schen Hundes.

Warum er damit rechnen konnte? Weil Bush und Olmert letztlich genau in derselben Misere stecken wie er selbst: Zuhause versagen sie, in der Welt geben sie den großen Zampano. Alle zusammen haben sie kaum mehr zu bieten als großspurige Weltanschauungen.

Und schon beginnt das schönste Ringelpietz (bislang ohne Anfassen), das man sich vorstellen kann.

Ein amerikanischer Kolumnist meinte vor einiger Zeit, Dick Cheney und Mahmud Achmadinedschad seien Zwillinge, die bei der Geburt getrennt wurden. Da steckt viel Wahres drin.

Stumpfe Klinge Wirtschaftssanktionen

Warum kann sich der iranische Präsident auf dieses nicht ganz ungefährliche Spiel einlassen? Weil sein Land im Gegensatz zu vor zehn Jahren, als Clinton weitgehend ergebnislos Sanktionen verhängte, finanziell weitaus besser dasteht.

Man geht von rund 75 Milliarden Dollar Devisenreserven aus.

Die Beziehungen zu den Nachbarn wurden deutlich verstärkt, was durch den Irakkrieg sicherlich befördert wurde.

Der wichtigste Schachzug der Iraner liegt allerdings auf dem Energiesektor:

Iran baut eigene Ölbörse auf

Iran versucht mit einigem Erfolg, sich von den euopäischen und amerikanischen Ölbörsen unabhängig zu machen, indem es im Frühjahr diesen Jahres eine eigene Öl-Börse IOB eröffnete. Auf dieser Börse wird vorwiegend mit Warenkörben oder in Euro, nicht oder kaum in Dollar gehandelt.

An dieser Börse haben bedeutende Schwellenländer wie China, Indien oder die zentralasiatischen Prouduzenten ebenfalls größtes Interesse, um sich von den bislang westlich dominierten Handelsplätzen lösen zu können.

Im Frühjahr sorgte der gleichzeitige Ausfall mehrerer unterseeischer Internet-Breitbandverbindungen vor Ägypten für großes Aufsehen. Der Internetverkehr in mehreren arabischen Ländern und bis nach China wurde stark beeinträchigt, der im Iran kam zwischenzeitlich ganz zum Erliegen. Zufällig fand die Unterbrechung von vier Verbindungen just vor der Eröffnung der IOB statt. Sollten die Spekulationen zutreffen, es habe sich dabei um eine gezielte Störaktion gehandelt, wäre das eine äußerst unbeholfene Aktion gewesen.

Aktuell fordert John McCain schärfste wirtschaftliche Sanktionen gegen den Iran und richtete eine entsprechende Ermahnung an die seiner Meinung nach zu nachgiebigen Europäer.

Wie McCain wohl die Auswirkungen auf den ohnehin äußerst angespannten Ölmarkt einschätzt? Offenbar weniger akkurat als es der Iraner tut. Der kann sich sagen: Brüllt nur, Ihr Papiertiger. Ihr steht wirtschaftlich mehr mit dem Rücken an der Wand als wir es tun. Ihr könnt Euch Eure Sanktionen gar nicht leisten. Wir momentan schon.

Hinsichtlich eines Militärschlags wird er mit einiger Berechtigung darauf spekulieren, dass die USA neben dem Irak- und Afghanistankrieg über keine militärischen (und psychologischen) Reserven mehr verfügen, um einen größeren Schlag gegen das Land zu führen.
Das sieht bei Israel zwar anders aus, aber hier dürfte der Teheraner Einfluss via Hizbollah und Hamas eine Rolle spielen. Israel mußte beim letzten Schlagabtausch mit der Hizbollah im Südlibanon zuviel Federn lassen, als dass es sich auf einen weiteren einlassen sollte.

Ein israelischer oder amerikanischer Angriff etwa auf die Atomanlage in Natanz könnte aus propagandistischen Gründen in Teheran fast schon willkommen sein.

Alle drei maßgeblichen Akteure: Iran, Israel und die USA scheinen sich bislang mehr davon versprechen, das Säbelrasseln fortzusetzen, als in ernsthafte Dialoge einzutreten.

Aber: Das iranische Fintieren und das Mitspielen des Westens birgt für Washington und Jerusalem weitaus größere Gefahren als für Teheran. Schon vergessen: Teheran hatte keine Mühe, Millionen seiner Bürger im irakisch-iranischen Krieg zu verheizen.

Der Dialog also müsste von westlicher Seite dadurch vorbereitet werden, dass man sich zunächst auf das verbale Getöse Achmadinedschads nicht mehr einläßt, sondern monoton antwortet: Liebe Iraner, Euer Präsident lenkt nur von den hausgemachten Problemen ab. Wir werden ihm den Gefallen nicht tun, länger auf sein Gerede einzugehen!

Bei dieser Strategie der Beruhigung müsste Berlin ein gewichtiges Wörtchen mitreden.

Aber man scheint so zu tun, als wäre dieser Konflikt eine Art Privatfehde zwischen Teheran, Jerusalem und Washington.

Hoppla: Man müsste neben Washington auch auf Jerusalem einwirken, der Heiligsten aller Deutschen Kühe. Geht nicht.

Fazit: Zuschauen beim Säbelrasseln.

— Schlesinger

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