McCains Einstellung zu Viagra und andere Ausrutscher

In dieser Woche erlebte man einen hyper-potenten John McCain.

Der Nachteil von McCains, nun ja, mental-erektiler Hyperfunktion: Seine Äußerungen von dieser Woche sind dazu geeignet, seinen gesamten Wahlkampf in den Keller zu fahren.

Sozialsystem ist eine große Schande

In Denver bezeichnete er das in den Dreissiger Jahren der „Großen Depression“ begründete Sozialsystem, in dem Steuerzahler für soziale Zuwendungen von Pensionären aufkommen, als „zutiefst schändlich„:

Americans have got to understand that we are paying present-day retirees with the taxes paid by young workers in America today.

And that’s a disgrace. It’s an absolute disgrace, and it’s got to be fixed.

Die Washington Post beobachtet, wie diese Bemerkung, die McCain kurz darauf noch einmal auf CNN wiederholte, zunächst wenig bemerkt wurde, nun aber zunehmend an Brisanz gewinnt.

In 2004 trat McCain noch für eine Privatisierung der Sozialversicherung ein. Im laufenden Wahlkampf versucht er tunlichst, den Begriff „Privatisierung“ zu vermeiden. Das nimmt zuweilen unfreiwillig komische Formen an:

But my friends, I will not privatize Social Security, and it’s not true when I’m accused of that, but I would like for younger workers — younger workers, only — to have an opportunity to take a few of their tax dollars, a few of theirs, and maybe put it into an account with their name on it. That’s their money. That’s their money.

Er möchte also, dass junge Arbeiter „ein paar ihrer eigenen Steuerdollars, oder ihres eigenen Geldes“ dazu verwenden, es in einem „eigenen Konto mit ihrem Namen drauf anzulegen“. Eine wortreiche Umformulierung dessen, was man üblicherweise als Privatisierung bezeichnet.

Mit solchen Wortverdrehungen bewegt sich McCain meilenweit von seinem Wahlkampfmotto „Straight Talk“ (~ geradeheraus gesprochen) weg.

Den nächsten Fehltritt begann McCain während der Fahrt in seinem Kampagnenbus.

Haltung zu Viagra vergessen

Von NBC Reporter Matthew Berger wurde er zu seiner Haltung hinsichtlich einer aktuellen Äußerung von Carly Fiorina befragt.
Fiorina, die ehemalige Chefin von Hewlett-Packard (HP), gehört inzwischen zum Beraterteam McCains. Anfang der Woche meinte sie, sie fände es unfair, dass die Krankenkassen Viagra auf Rezept bezahlten, nicht aber Aufwendungen für Geburtenkontrolle.

Die Frage brachte McCain nach Beobachtung der anwesenden Journalisten offenbar ins Straucheln. Er wollte sie zunächst gar nicht beantworten, und ergänzte dann, er könne sich nicht erinnern, wie er seinerzeit bei der entsprechenden Gesetzesvorlage abgestimmt habe:

I certainly do not want to discuss that issue,“ McCain said to nervous laughter.

He went on to say he did not know what he voted for on the issue.

„I’ll look at my voting record on it,“ he said, before an extended pause.

„I don’t recall the vote right now. But I’ll be glad to look at it and get back to you as to why.“

Amerikaner sind „Jammerlappen“

Anfang der Woche bezeichnete McCain-Berater Phil Gramm seine Landsleute als Jammerlappen, weil sie ständig über die Wirtschaft jammern würden, obwohl es der doch gut gehe:

„We have sort of become a nation of whiners“

„You just hear this constant whining, complaining about a loss of competitiveness, America in decline“ despite a major export boom that is the primary reason that growth continues in the economy

Darin unterlief Gramm wohl ein Freud’scher Versprecher: Es stimmt, dass es (abgesehen von der Immobilien- und Automobilbranche) einem Teil der US Wirtschaft noch immer gut geht. Das trifft aber nicht auf den immer stärker wachsenden Teil der Bevölkerung zu, die unter explodierenden Preisen und Rationalisierungsmaßnahmen in den Betrieben zu leiden haben. Übrigens: Gramm hatte und hat engste Beziehungen zu Firmen wie Enron (man erinnere sich: Die Megapleite aus dem Jahr 2001) oder dem schwer gebeutelten Immobiliengiganten UBS.

McCain ignoriert Iraks Wunsch nach Zeitplan für Truppenabzug

Der irakische Ministerpräsident Nouri al-Maliki forderte zu Beginn der Woche erstmals einen Zeitplan für den amerikanischen Truppenabzug. McCain ignorierte das am nächsten Tag, indem er der irakischen Forderung seine bisherige Meinung gegenüberstellte und jeglichen Zeitplan in Abrede stellte:

„Since we are succeeding, then I am convinced, as I have said before, we can withdraw and withdraw with honor, not according to a set timetable

Im Jahr 2004 hörte sich das vor dem Senatsausschuss für Auswärtige Beziehungen noch ganz anders an. Nachdem McCain umfänglich darlegte, warum er von einer starken und auch länger anhaltenden US Präsenz im Irak überzeugt sei, wurde er gefragt, ob die USA abziehen sollten, wenn sie von einer souveränen irakischen Regierung dazu aufgefordert würden:

Question: What would or should we do if a […] sovereign Iraqi government asks us to leave, even if we are unhappy about the security situation there?

McCAIN: Well, if that scenario evolves, then I think it’s obvious that we would have to leave.

US Zigaretten sollen Iraner töten

Ach, und dann war da noch dieser völlig verunglückte Witz. McCain wurde zum steigenden Export von US Zigaretten in den Iran befragt. Dazu meinte er, dass dies vielleicht ein Weg sei, um Iraner umzubringen:

Responding to a question about a survey that shows increased exports to Iran, mainly from cigarettes, McCain said,

Maybe thats a way of killing them.”

He quickly caught himself, saying “I meant that as a joke” as his wife, Cindy, poked him in the back.

Haha. Da bleibt einem ein bisschen das Lachen im Halse stecken.

Eine schwere Woche für McCain. Sie dürfte noch Nebenwirkungen haben.

— Schlesinger

(Photo: Wikipedia / (c) Pfitzer)