taz reibt sich an Obama: Er ist kein Heiliger

Die Welt könnte ein Paradies sein, gäbe es nur perfekte Menschen. Scheint Bernd Pickert von der taz anzunehmen, womit er seine Oberstufen-Strickpullover-Gutmenschen-Weltanschauung in die Journalistik übernommen haben dürfte.

Sein Beitrag „Der intellektuelle Populist„, dessen Aufhänger Obamas Stellungnahme zur Todesstrafe ist, gibt sich zwar bissig und überlegen-distanziert.
Zwischen den Zeilen aber spürt man die Enttäuscherung, nein: die Verbitterung des Verfassers, dass Obama doch nicht der engelsgleiche Heiland ist, der es durch schiere Güte schlafwandlerisch ins Weisse Haus schafft.

Die Grundhaltungd es Autors kommt gleich im Untertitel zum Ausdruck. Der Leser erfährt als Grund dafür, warum Obama so handelt, wie er handelt:

„Er will die Wahl gewinnen.“

Ist das ein Scherz? Nein, man muss befürchten, dass der Autor meint, was er schreibt und ihn schon angesichts des Umstandes, dass Obama tatsächlich an die Macht will, ein flaues Gefühl des Mißtrauens beschleicht.

Pickert zitiert aus einem Beitrag in der New York Times einen Absatz, mit dem er seine eigene Meinung unterstreichen möchte:

„Er [Obama] spricht so ruhig und vielsilbig, dass die Menschen den machiavellistischen Ehrgeiz in seinem Innern gar nicht bemerken.“

Nun kommt es heraus: Obama wird von „macchiavellistischem Ehrgeiz“ getrieben.
Dieser Hinweis wird nicht dadurch besser, dass er aus der ehrwürdigen Times entnommen wurde.

Wer als Jounalist nicht von der Prämisse ausgeht, dass schon jeder Landrat, ja jedes einfache Mitglied eines mittelständischen Betriebsrats auch von Machtgefühlen motiviert wird, der sollte Walldorf-Pädagogik unterrichten, sich aber von Berichterstattung über Politik fernhalten.

Wie so viele von der Realität enttäuschte Gutmenschen schütten sie das Kind allzuoft mit dem Bade aus. Obama nicht der strahlende Engel, der zugleich den weißen Ritter abgibt?

Na denn, so wird uns dann gesagt: Pfui, DER IST AUCH NICHT ANDERS ALS ALLE ANDEREN.

Damit ist natürlich nicht nur niemandem genützt, sondern potentiell großer Schaden angerichtet:

„Dabei ist zumindest von seinen [Obamas] Versprechen, mit ihm werde ein völlig neuer Politikstil in Washington Einzug halten, schon jetzt nicht viel übrig geblieben.“

Wer würde abstreiten, dass mit John F. Kennedy ein neuer Politikstil Einzug ins Weisse Haus hielt?
Wer wollte abstreiten, dass sich dieser Stil sehr unterschied vom Stil eines Nixon oder eines George-Bush-Dick-Cheney?
Wer aber wäre so töricht dabei anzunehmen, dass John F. Kennedy keine kalte Machtpoliti betrieben hätte?

Sodann erregt Obama den größten Argwohn Pickerts, weil er Geld in unerhörtem Ausmaß sammelt und daher auf die öffentliche Wahlkampfhilfe verzichten kann. Aus Sicht des Autors ist das ein „Coup“, der allerdings einen Stich ins Saure aufweist:

„Der jüngste Coup des Obama-Lagers: In der vergangenen Woche erklärte Obama, er ziehe sich für die Wahlen im November aus der öffentlichen Wahlkampffinanzierung zurück.“

Pickerts Beitrag, der bislang nur ein wenig moralinsauer war, wird dann allerdings schlecht:

„Je näher der Wahltermin rückt, desto mehr muss Obama inhaltlich Position beziehen.“

Als hätte er das nicht getan. Man muss seine Positionen aber auch lesen (oder hören) und nicht nur bedeutungsschwangeren Hinweise in Richtung Leserschaft werfen.

Schlecht recherchiert ist schließlich der Abschluß des taz-Beitrags.
Obama habe vor dem amerikanisch-jüdischen Lobbyverband AIPAC zugesagt, dass Jerusalem die ungeteilte Hauptstadt Israels bleiben müsse. Das hat Obama zwar gesagt, ließ aber anschließend ergänzen:

“it has to be negotiated between the two parties” as part of “an agreement that they both can live with.”

(Da seht: Schon wieder ein politischer Winkelzug. Obama ist einfach kein Engel.)

Fazit: Tatsächlich ist die Art von jounalistischer Politikkritik à la Pickert keine kritische Auseinandersetzung, sondern ein an die mediale Öffentlichkeit getragenes Leiden an der Welt aufgrund unrealistischer Weltanschauungen.

Dadurch liefert Pickert ein Zerrbild von Obama, das letztlich nur zu einem gut ist: Wahlkampfhilfe für McCain. Vielleicht schreibt Hr. Pickert bald eine Lobeshymne auf den Gutmenschen Ralph Nader.

— Schlesinger

PS.: Dass es im taz-Artikel auch um die Haltung Obamas zur Todesstrafe geht, ist de facto nebensächlich. Das Thema ist für Bernd Pickert nur ein „Aufhänger“.

(Bild: screenshot taz)