Was Barack Obama von Papst Benedikt unterscheidet

arras.jpgDer vollständige Blog-Titel lautet:

Eine Messe für die Stadt Arras

oder

was Barack Obama von Papst Benedikt unterscheidet

oder

warum sich die Kirche gerne um Sünder kümmert.

Hoffnung.

Was Benedikt von Obama unterscheidet, ist die Art, wie sie mit Hoffnung umgehen.

Beginnen wir mit der „Messe für die Stadt Arras“. Dieses monumentale Werk von kleinem Umfang stammt aus der Feder von Andrzej Szczypiorski, dem großen polnischen Autoren.
Vordergründig geht es in der „Messe“ um Ketzerprozesse, Hexenjagden, Judenverfolgungen und die Inquisition. Das aber dient nur als Rahmenhandlung. Es geht Szczypiorski um nichts weniger als um die Schilderung der Natur des Menschen. Darin war dieser Pole einer der größten.

DIE ZEIT wertete:

„Ein großartiger Roman. Dieses Buch ist erstmals 1979 erschienen und hätte schon damals von uns gelesen werden können. Wir haben es versäumt. Wir sollten vorsichtiger sein, wenn wir uns über die „besten Bücher“ und „die wichtigsten Autoren“ äußern, denn es ist allzeit wahrscheinlich, daß wir die gar nicht kennen. Zum Beispiel den Roman „Eine Messe für die Stadt Arras.“

[Auszug ]

Wie komisch ist doch die menschliche Natur! Als man jene Frau verurteilte, dünkte allen, daß Arras die tiefsten Tiefen seines Unglücks und Elends erreicht habe.

Kurze Zeit später erinnerten sich die Menschen an den Prozeß der Kindesmörderin als an ein Zeugnis für eine längst dahingeschwundene Idylle.

In Arras, wo, wie man später errechnete, jeder Dritte von Pest oder Hunger dahingerafft wurde, gab es nichts Göttliches mehr. Wir blieben allein mit unserem Menschsein, unseren Leibern, mit unserer Vorstellungskraft, die lediglich vom Magen genährt wurde.

Ich behaupte nicht, daß in jenen schaurigen Tagen des Hungers und der Seuche der Bauer sich seinem Herrn gleich fühlte! Es waren vielmehr die Herren, von denen er Schutz und Rettung erwartete.

Als er dann einsehen mußte, daß selbst die Höchstgeborenen machtlos waren, wußte er, daß er verloren war.

Und gerade die Machtlosigkeit derer, die höher gestellt schienen als er, war es, die ihn zunächst in Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit stürzte, doch allmählich zum Quell einer eigenartigen Kraft wurde.

Sofern der Schutz der Mächtigen den Erfordernissen des Augenblicks nicht mehr gerecht wurde, verlor dieser seinen Wert. Der verwaiste Ackersmann wurde dadurch selbständig.

Und so sagten sich die Bürger von Arras in der Stunde des Verendens, unter schrecklicher Qual und mit Sinnenlust gepaarter Verzweiflung, im Flüsterton:

„Ich bin der Menschensohn! Ich bin der Menschensohn, und nichts und niemand steht darüber!“

Ich nehme an, daß jeder Mensch irgendwelche Lasten trägt und sie nicht allzusehr spürt.
Aber es kommt einmal der Augenblick, da ein Strohhalm auf seinen Schultern den Körper zur Erde beugt;
sein Atem wird flach, Schweißtropfen rinnen ihm in die Augen, und alle seine Wünsche münden in den einen kreatürlichen Wunsch nach Ruhe.

Nur endlich diese Last abwerfen, sich aus dem Joch befreien.

Wir besinnen uns dann nicht, daß es ein Strohhalm ist, der uns drückt, sondern uns dünkt, die ganze Erde, ja sogar der ganze Himmel ruhe auf unseren Schultern.

Ein jeder schaut dann furchtsam um sich, wo er diese Last abwerfen könne,

und da erspäht er den Nachbarn und

zermalmt ihn reinen Herzens!

Szczypiorski liefert das präzise Bild des im Grunde labilen, ängstlichen, ungewissen Menschen, wie man es ähnlich einsichtsreich nur noch bei Nietzsche und den französischen Skeptikern wie La Rochefoucauld antrifft.
Die Erkenntnisse Szczypiorskis stammen dabei nicht wie bei Nietzsche aus Intuition, Reflektion und Beobachtung – aus dessen Zeit als Kriegssanitäter -, sondern zum größeren Teil aus persönlich erlittenem Leid im nationalsozialistischen Konzentrationslager und in kommunistischen Gefängnissen.

Der Mensch ist potentiell eine Bestie.

Die Alltagswahrnehmung spricht eine andere Sprache, keine Frage. Dem Schein nach sind wir alle höchst zivilisiert. Die Brandstifter von Hoyerswerda vorgestern, die U-Bahn-Schläger von gestern, das Amstetten von heute, die Wirtschaftsverbrecher in den Konzernen, die CIA-waterboarding-Spezialisten, sie alle scheinen nicht normal zu sein.

Das ist absurd. Nichts könnte normaler sein.

Die Bestie tritt in Abhängigkeit der äußeren Rahmenbedingungen in unterschiedlichen Formen zutage. Das kann im Alltag sein – beim Mobben des Kollegen – und das kann im Krieg sein. Im Krieg tritt das Bestialische nur besonders deutlich zutage. Diese Abstufungen an Bestialität zwischen Alltag und Krieg sind nur optischer, nicht qualitativer Art.

Die US-Gefreitin Lynndie England war das ganz normale Mädchen aus der Nachbarschaft, bis sie im irakischen Militärgefängnis Abu Ghraib zum Folterknecht wurde. Ein Strohhalm hatte die Sünderin gedrückt. Sie warf ihn ab, auf die wehrlosen irakischen Insassen.

War Lynndie England zuerst normal und dann eine Bestie? Unsinn. Sie war immer die, die sie war. Andere Umstände zeigten andere Wesensanteile von ihr.

Ist Lynndie England eine „Sünderin“? Gewiß. Wer möchte daran zweifeln?

Nein. Das war eine Fangfrage. Sie ist keine Sünderin. Sie ist eine Schwerverbrecherin. Sünder gibt es keine. Sünder gibt es nur in der sedierenden Sprachwelt der Kirche.

Hast Du gelogen? Das tut man nicht. Das ist Sünde. Hast bei der Steuererklärung geschummelt? Das ist Betrug. Betrug ist Sünde. Hast Du Ehebruch begangen? Sünde! Hattest Du vor- oder außerehelichen Geschlechtsverkehr? S-ü-n-d-e!

Dr. Rascher, der seine Praxis in Dachau hatte, war auch ein Sünder. Der ließ seine Patienten mit Wasser übergossen nackt bei Minustemperaturen im Hof stehen, um zu sehen, wann der Tod eintreten würde.
Die Gepeinigten „brüllten aus Leibeskräften“, wie Rascher an den Reichsführer SS Heinrich Himmler schrieb. Der Doktor erbat daher die Verlegung seiner Versuche nach Auschwitz. Dort seien die Bedingungen günstiger.
War Rascher auch ein Sünder? Rascher dürfte kein Katholik gewesen sein. Denn dann wäre er kraft Glaubens weitgehend immun gegen die Versuchungen des Nationalsozialismus gewesen. Das jedenfalls war die zentrale Aussage des Hirtenbriefs der Katholischen Kirche, verfasst in Fulda im August 1945:

„Katholisches Volk, wir freuen uns, dass du dich in so weitem Ausmaße von dem Götzendienst der brutalen Macht freigehalten hast. Wir freuen uns, dass so viele unseres Glaubens nie und nimmer ihr Knie vor Baal gebeugt haben. Wir freuen uns, dass diese gottlosen und unmenschlichen Lehren auch weit über den Kreis unserer katholischen Glaubensbrüder hinaus abgelehnt wurden“.

Die Bedeutung der Sünde in der kirchlichen Welt hat etwas Kindliches, etwas Harmloses. Wir alle sind kleine Sünder. Der Rest ist – Schweigen.

Um den Kreis zu schliessen:

Die USA-Reise von Papst Benedikt hat gezeigt, dass er und seine Kirche keineswegs gewillt ist, gegen die Härten unserer Tage offen anzugehen. Sie beschäftigt sich lieber mit den kleinen Sünden.

Benedikt meinte, er schäme sich zutiefst für die Entgleisungen der pädophilen katholischen Priester in den USA.

Ist Guantanamo für das heutige Rom ein Problem? Höchstens dem vagen Schein, der Rhetorik nach, denn offen angesprochen wurde es von Benedikt nicht.
Der Irakkrieg, Guantanamo waren ein wirkliches Problem unter Johannes Paul II. Das ist eine Ewigkeit her.

Benedikt sprach kein klares Wort über den Irakkrieg, zu Tibet, zu Dharfour. Nur Verklausuliertes, das jeder interpretieren mag, wie es ihm beliebt. So lässt es sich mit allen gut leben.

Die Gläubigen, so das offenkundige Hauptinteresse der Kirche damals wie heute, dürfen nicht verzagen. Daher – wie beim Fuldaer Hirtenbrief – die frohe Botschaft: Euer Glaube rettet Euch. Schon immer. Es sei da geschehen, was geschehen sein wolle. Es möge da kommen, was kommen wolle. Euer Glaube, Eure Hoffnung bewahrt Euch.

Nur: In was bewahrt Euch Euer Glaube? An erster Stelle nur in einem: Im Glauben.

Darin unterscheidet sich die Hoffnung in der Lesart des Papstes von der Hoffnung in der Lesart Barack Obamas (und darin unterscheidet sich der Papst so wenig vom fundamental gläubigen George W. Bush).

Obamas yes-we-can Kampagne oder dessen Ansprache zur Rassenfrage oder dessen Haltung zum Irakkrieg (und dessen „falschen“ Gründen) beinhalten stets auch viel Rede über Hoffnung.

Diese Hoffnung und das damit verbundene „Wir“ sind jedoch nicht Selbstzweck.

Die Menge kann die Probleme angehen, weil die Probleme klar benannt wurden und weil aus der erzeugten Hoffnung ein handlungs-starkes „Wir“ entsteht.

Die Chance auf Problemlösungen großen Stils kann überhaupt erst durch diese Kombination erreicht werden: Transparente Information durch klare Sprache einerseits und Motivation auf ein gemeinsames Ziel hin andererseits.

Bei Papst Benedikt wird nur der Glauben an und für sich klar benannt und gefordert. Für den ehemaligen Vorsitzenden der Glaubenskongregation Kardinal Ratzinger ist das Problem der Welt – wie im christlichen Mittelalter, wie im fundamentalistischen Islam, wie für den fundamentalen Laien Bush jr. – noch immer nur ein Problem des rechten Glaubens.

Diese Natur des Menschen lässt sich nicht ändern. Er wird durch Glauben nicht besser. Er mag sich besser fühlen. Das wußten Schopenhauer und Nietzsche, das wußte Szczypiorski und andere mehr. Dir Kirche weiß es auch. Nur geht sie mit diesem Wissen anders um.

Die einen wollen erklären und hinsehen machen, die andere will verklären und nach oben blicken lassen.

Papst Benedikt, um eine Stelle aus der Messe für die Stadt Arras geringfügig abzuwandeln, verlagert damit alle Probleme der Welt auf den Herrgott. Um den Preis der Erniedrigung des Menschen:

Man gibt sich Schändlichkeiten hin, aber man bleibt sündlos, darin sieht man ja seine Auflösung.
Auf diese Weise bürdet ihr Gott all eure Sünden auf. Wie bequem das ist, Jean [Benedikt]! Bald wird nichts mehr in euch [Menschen] sein, weil ihr alles an den Himmel abgetreten habt.

rote Prada SchuheDer Papst scheint im Blick auf die Gläubigen die Position des Fürsten David im Szczypiorski-Roman eingenommen zu haben:

Was kümmern mich ihr Glaube und ihr Zweifel! Wichtig ist, daß sie überlebt haben!

Überlebt, um als Kirchengemeinde zu dienen.

So viele demütige Gläubige, geschart um einen schalen Hirten in feinstem Tuch, mit roten PRADA-Schuhen, Sonnenbrille von GUCCI und Hermelin-Häubchen auf dem gesalbten Haupt.

An dieser Stelle könnte man ein neues Thema eröffnen: „Was ist Gotteslästerung?“

— Schlesinger

PS. 1: Bedeutet die „Obama-Variante“ oder ein anderer „pragmatischer“ Ansatz die Rettung der Welt? Nein. Sie ist nur aufrichtiger. Das ist schon viel wert.

PS 2.: Eine weltliche Version der Benedikt’schen Handhabung des Sündenbegriffs wird in der Süddeutschen Zeitung in der Rubrik „Die Gewissensfrage“ abgehandelt. Dort beantwortet ein zweifacher Doktor der Geisteswissenschaft die Fragen der von schwerer Morallast bedrückten Leser. Darf man an der Kasse drängeln, wenn es einen eilt? Kommt darauf an. Hören wir, was der Heilige Augustinus dazu sagt.
Benedikt und der doppelte Doktor haben eins gemeinsam: Sie werfen Ihrem Klientel einen Moralknochen hin, auf dem sie herumkauen dürfen. Damit ist es vollends beschäftigt. Nebenan wird derweil blutspritzend der Heiland (= die Würde des Menschen) ans Kreuz genagelt. Das aber stört das business der Kirche, das business des Ethik-Kolumnisten. Also werfen sie den Knochen. Dann brauchen beide nicht hinschauen.

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