Guter Zeitpunkt für einen Ausstieg von Hillary Clinton

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Einen anderen Kandidaten hätte der Tumult, der sich um die Äußerungen des Predigers Jeremiah Wright entwickelt hat, schwer getroffen.

Obama hat es nicht deswegen weniger schwer getroffen, weil er zu glatt wäre.

Nein, sondern weil er in der Lage war, fast aus dem Stegreif eine Rede zu halten, die nationalen Beifall gefunden hat und von vielen zurecht als historisch bezeichnet wird.

Wen die Zahl derjenigen, die Obamas Rede nachträglich auf dem Videoportal Youtube angesehen haben, nicht beeindruckt – es waren bislang 2,6 Millionen – den mag überzeugen, dass die sonst zu jeder Attacke bereitstehende ultrakonservative Rechte sich auffallend zahm verhält.

Nach einem vorübergehenden Einbruch Obamas in der Wählergunst während der Tage unmittelbar nach Bekanntwerden der Wright-Äußerungen haben sich seine Umfragewerte verblüffend schnell erholt.

Man darf daher die Frage stellen: Wenn ihn so etwas nicht aus der Bahn werfen kann, was dann?

Diese Frage dürfte sich inzwischen auch Hillary Clinton stellen.

Die Situation stellt sich für Clinton indessen noch mißlicher dar.

Was für ein Vergleich: Auf der einen Seite ein Obama mit einer überaus beeindruckenden Rede, und auf der anderen Seite eine Hillary Clinton, die – zurückhaltend formuliert – beim Flunkern in einer Sache ertappt wurde, die kein Flunkern zulässt: Ihre überaus gefährliche Bosnienreise in 1996 hat sich als überaus harmlose Visite herausgestellt.

Ihr bisheriges Pochen auf eine behauptete respektable politische Erfahrung gerät zunehmend zu einem bloßen knock-on-wood in eigener Sache.

Nach Zahlen jedenfalls kann Hillary Clinton nur noch durch ein Wunder gewinnen.

Die Demokratische Partei fürchtet sich längst vor einem aufreibenden Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Obama und Clinton, das zwangsläufig immer härter zu werden droht. al08de

nancy_pelosi.jpgDie in der Partei einflussreiche Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi bezog daher kürzlich eindeutig Stellung:

If the votes of the superdelegates overturn what happened in the elections,
it would be harmful to the Democratic Party

Das war nichts anderes als ein Warnhinweis an die unabhängigen „Superdelegierten„, nicht entgegen der „popular vote“ zu stimmen, da dies der Partei Schaden zufügen würde.

Man darf davon ausgehen, dass die Superdelegierten – von Einzelnen abgesehen – sich nicht gegen diese nachdrückliche Empfehlung von Pelosi stellen werden.

Da aber die Superdelegierten der letzte verbleibende Trumph Hillary Clintons waren, stellt sich mit Fug und Recht die Frage, auf welcher Basis sie ihren Wahlkampf weiterführen will.

Die Erklärung ist so einfach wie unbefriedigend: Auf der Basis ihres schieren politischen Instinkts, genauer genommen ihres Willens zur Behauptung.

Zu lange stand sie in der Zweiten Reihe und spürt, dass dies ihre letzte Chance sein dürfte.

Einer ehemaligen First Lady, die eine damals groß angekündigte Gesundheitsreform nicht umsetzen konnte, in ihrer verbleibenden Zeit im Weissen Haus recht unscheinbar blieb und die schließlich einen Präsidentschaftswahlkampf verliert, gewährt man keinen weiteren Versuch ins Oval Office zu gelangen.

Diese Aussicht mag bitter sein, ändert jedoch nichts an ihren inzwischen dürftigen Chancen.

Möchte sich Hillary Clinton für ihr weiteres politisches Wirken den Respekt der Partei erhalten, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, aus dem Wahlkampf auszusteigen. al08de

Groß wäre es, würde sie ihren Wahlkampf nicht nur aus eigenen Stücken beenden, sondern sich nachdrücklich für einen Sieg Barack Obamas gegen John McCain einsetzen.

— Schlesinger

Ein Gastbeitrag legt Widerspruch ein!

UPDATE 1: Die Zustimmungsrate für Hillary Clinton ist im Sinkflug:

As expected, one of the two major Democratic candidates saw a downturn in the latest NBC/WSJ poll, but it’s not the candidate that you think. Hillary Clinton is sporting the lowest personal ratings of the campaign. Moreover, her 37 percent positive rating is the lowest the NBC/WSJ poll has recorded since March 2001, two months after she was elected to the U.S. Senate from New York.

UPDATE 2: Obama „gewinnt“ wieder gegen John McCain. Nachdem bei den „virtuellen Wahlen“ John McCain kurzfristig kurzfristig sowohl gegen Hillary Clinton, als auch gegen Barack Obama gewonnen hat, gewinnt er aktuell zwar immer noch gegen Hillary, unterliegt aber gegen Obama:

„Bei der Präsidentenwahl selbst würde sich Obama gegen den republikanischen Kandidaten John McCain mit 44 zu 42 Prozent durchsetzen. Clinton würde dagegen McCain mit dem gleichen Abstand unterliegen.“

UPDATE 3: REUTERS meldet (27.03.), Clinton müsse ihre Niederlage einsehen, Obama habe gewonnen…

UPDATE 4: Der einflußreiche Senator Patrick Leahy, Vorsitzender des Justizausschusses im Senat, forderte Hillary Clinton gestern dazu auf, ihren Wahlkampf zu beenden (28.03.):

„There is no way that Senator Clinton is going to win enough delegates to get the nomination. She ought to withdraw and she ought to be backing Senator Obama. Now, obviously that’s a decision that only she can make frankly I feel that she would have a tremendous career in the Senate.“

„I am very concerned,“ he said. „John McCain, who has been making one gaffe after another, is getting a free ride on it because Senator Obama and Senator Clinton have to fight with each other. I think that her criticism is hurting him more than anything John McCain has said. I think that’s unfortunate.“

Die nächste Vorwahl ist am 22. April im Bundesstaat Pennsylvania, die Präsidentenwahl ist am 4. November.

Derzeitiger Stand der Delegierten: 1406 für Obama, 1249 für Clinton.
(Sowie knapp 800 ungebundene Superdelegierten)

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Hier geht es zur Rede Obamas zur Rassenfrage (mit Übersetzungshilfe).
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Buchempfehlung: Eine überaus aufschlussreiche Darstellung des Wirtschaftsprofessors und New York Times Op-Ed Kolumnisten Paul Krugman


(Photo 1: © Fotolia - Charlie Hutton)
(Photo 2: Nancy Pelosi)