Wie man aus einem Schweineohr ein Seidentäschchen macht

Oder: Wie John McCain gewinnen kann

silk_purse.jpgRichard Cohen erläuterte neulich in der Washington Post unter Verweis auf einen seiner früheren Beiträge:

„that the Republican Party would promote national security as the salient issue of the campaign, making a silk purse (victory in November) out of a sow’s ear (the quagmire in Iraq), and keep the White House for four more years.“
[ salient issue – Kernfrage ; silk purse – seidenes Täschchen ; sow’s ear – Schweineohr ; quagmire – Schlamassel ]

Cohen fügt hinzu, dass er immer stärker davon überzeugt sei, dass genau dies zuträfe.

Die Formel für den Erfolg bekam John McCain von Mitt Romney, gewissermaßen als Abschiedsgeschenk, als jener aus dem Rennen um die Kandidatur ausschied: retreat and defeat, also Rückzug und Niederlage.

Selbst Kriegsgegner fürchten diese Worte. Amerikaner kennen das nicht. Vietnam muss der einzige Kampf bleiben, bei dem Rückzug und Niederlage hingenommen werden mussten.

Zur Erfolgsformel könnte noch hinzufügen: in vain. So viel Kampf, so viel Tote, Verwundete und Versehrte können, dürfen nicht umsonst gewesen sein. Man muss es durchstehen bis zum Erfolg. Daher wurde die Rede John McCains, in der er von 100 Jahren amerikanischer Präsenz im Irak sprach, keineswegs mit der Verwunderung wie bei uns aufgenommen. Wäre der Erfolg nur absehbar oder garantiert, würde die Mehrheit der amerikanischen Bürger ihn sicherlich durchfechten wollen. Das weiß McCain, und das macht ihn stark gegen jeden Oppenenten der Demokraten.


Kein Mißverständnis: Die geplanten Maßnahmen von allen drei Kandidaten hinsichtlich des Irakkriegs dürften sich nicht so sehr voneinander unterscheiden. Ein überhasteter Rückzug, der nur Chaos hinterliesse, kommt alleine aus politischem Selbsterhaltungstrieb nicht in Frage. Das Seidentäschchen liegt an anderer Stelle.

McCain spricht fortdauernd vom islamischen Extremismus als der größten Gefahr für die Zukunft Amerikas.

Es steht außer Frage, dass der existierende Extremismus eine bedeutende Gefahr ist, der man angemessen begegnen muß. Mit Gesundbeten, Hoffen, Bitten der Beschwichtigen ist da wenig zu machen. Außer Frage steht aber auch, dass die Ausdrucksweise McCains keinesfalls dazu geeignet ist, moderate Kräfte außerhalb der USA moderat zu belassen. Dafür hört es sich viel zu sehr nach Bush reloaded an. Er scheint die islamische Mentalität nicht besonders gut zu kennen. So wie er die Gefahr des Extremismus beschreibt, werden sich viele direkt angesprochen fühlen und eine mentale Wagenburg bilden. Damit wird Amerika nie „Hirn und Herz“ der Muslime gewinnen. Nur Hohn, Spott – und Schlimmeres. Aber vielleicht gehört das dazu: Eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Im übrigen deuten solche Äußerungen McCains darauf hin, dass er daran interessiert ist, den von Bush eingeführten inneren Belagerungszustand der USA auf unabsehbare Zeit weiter zu führen. Das ist das Seidentäschchen.

Obama und Clinton sollten schon heute überlegen, wie sie das Schweineohr rechtzeitig zu Hundefutter machen, bevor es McCain zum Täschchen umfabriziert.

— Schlesinger

(Photo: Silk Purse, Linda Ronstadt Label)