Hillary Clinton ist ein kalter Fisch

Sicher. Der Politikbetrieb bringt es mit sich, dass sich die Akteure eine dicke Haut zulegen. Manch einer hat sie von vornherein – wie Helmut Kohl -, andere müssen sie sich mühsam und unter wenig erfreulichen Erfahrungen aneignen. Letzteres erzählte zum Beispiel Andrea Nahles über sich.

Ein dickes Fell bedeutet allerdings nicht, emotional völlig verschlossen zu sein und unnahbar. Die Wähler von heute wollen weder das eine, noch das andere Extrem. Kein Sensibelchen und keinen Eisblock. Insofern gehörten Ludwig Erhard, Willy Brandt, Kurt Georg Kiesinger oder – gerade noch – Helmut Schmid „Schnauze“ und eben auch Gerhard Schröder zu denen, die man menschlich annehmen konnte und wollte. Bei Adenauer war das etwas anders gelagert. Er gehörte noch zur Generation der Partriarchen, wollte nicht anders wahrgenommen werden und wurde in dieser Form respektiert (in gewissem Sinn könnte man daher viel eher Helmut Schmid anstelle von Helmut Kohl als den politischen Sohn Adenauers bezeichnen).

Hillary Clinton tut sich schwer mit dem persönlichen Wort.

Oh, nicht dass es mangelte an Persönlichem. Spätestens seit der Lewinsky-Affäre gibt es mehr als genügend Privates über sie. Aber nicht von ihr.

Wird Clinton wie in der letzten Debatte mit Barack Obama vom Moderator aufgefordert, etwas Persönliches über sich selbst zu sagen, weicht sie binnen weniger Halbsätze aus ins Vage, um schließlich so rasch als möglich den Seitenausgang zu nutzen. „Oh, Sie wissen ja, dass ich einige stürmische Momente in meinem Leben und in meiner Ehe hatte“, so begann sie.

Dann rettet sie sich rasch in mitfühlende Beschreibungen anderer Menschen. Meist sind die anderen die Wähler, um die sie sich kümmern möchte und von denen sie weiß, dass es ihnen viel schlechter geht als ihr selbst.

Es bleibt der Mißtrauen erweckende Eindruck, dass da jemand nichts zu sich sagen kann.

Dass sie Furcht davor haben könnte, zu viel über sich zu sagen, oder etwas zu sagen, das ihr Ansehen schädigen, oder zu viele Narben bloßlegen könnte.

Und wenn es so wäre? Vorsicht. Ja, wenn es so wäre, wäre das keinesfalls „menschlich“ und würde keinesfalls „dazu gehören“. Nicht in dieser Liga.

George W. Bush hat damals, im Wahlkampf 2000, seinen Mann fürs Grobe ausgesandt, dem allzu stark auftretenden Konkurrenten John McCain (ja, derselbe McCain) seelische Zerrüttung nachzusagen. Wie stets war Karl Rove sehr erfolgreich. McCain brach seinen Wahlkampf ab. Was wäre, wenn Hillary tatsächlich Probleme hätte, irgend etwas über sich heraus zu lassen? Es geht in dieser Frage nicht um Befindlichkeitsstudien, sondern um möglicherweise mühsam kaschierte Schwächen, die wenn nicht Obama, dann spätestens die republikanische Wahlkampfmaschine gründlich ausloten wird.

Hillary Clinton bemüht sich sehr, im Auftreten die Härte und Souveränität einer Margaret Thatcher zu mimen.

Der Unterschied ist: Thatcher war schon seit jeher ein harter Brocken, während Hillary weniger hart war, als im Laufe der Zeit und durch bittere Erfahrungen zu verhärmen. Ein gewaltiger Unterschied.

Das muss kein k.o.-Kriterium sein für das Amt des Präsidenten. Sie dürfte sich im Erfolgsfall vielmehr mit Furor auf die anstehenden Aufgaben stürzen und völlig darin aufgehen. Worin sonst?

Sie wäre – wie Angela Merkel – ein emotionales Neutrum. Merkel warm-neutral, Clinton kalt-neutral. Aber Clinton hätte mehr Biss, gerade aufgrund ihrer Scharten.

Nochmals: Solange es ihre Gegner zulassen.

Ach ja. Und was erzählte Obama, als er nach persönlichen Erlebnissen befargt wurde? Er sprach über seine Kindheit in Hawaii. Wie sein Vater, ein Gaststudent aus Kenia, die junge Familie verließ, als er erst zwei war. Von seinen Identitätsproblemen als junger Schwarzer in der High School. Auch dass er mit Drogen in Kontakt kam. Und über die Zeit als Sozialarbeiter in einem Armeniertel von Chicago.

Da gibt es also einige Dinge im Leben Obamas, die nicht zur Kategorie „persönliche Ruhmesblätter“ zählen. Aber sie gehören dazu und runden ab, weil sie keine Narben hinterlassen haben.
Felix Obama. Der glückliche Obama. Er ist stark, und muss seine Stärke nicht auch noch gegen sich selbst beweisen. Ein Vorteil, zweifelsohne.

— Schlesinger