Chin up, Oberleutnant Elizabeth Whiteside

UPDATE 29.01.2008: Elizabeth Whiteside hat versucht, sich mit einer Übderdosis Medikamenten das Leben zu nehmen.

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( Photo: Washington Post )

Ihren Dienst im Walter Reed Militärkrankenhaus in Washington empfand sie als nicht mehr angemessen, da andere Soldaten im Irak dienen mussten.

Im Herbst 2006 also hatte sich Sanitätsoffizier 1st Lieutenant Elizabeth Whiteside freiwillig zum Dienst in den Irak gemeldet. Zuvor hatte sie beste Beurteilungen erhalten. Die weitere militärische Karriere schien vorgezeichnet.

Die guten Tage im Irak waren rasch vorbei. Im Lager „Camp Cropper“ waren 4000 Gefangene interniert, unter ihnen Saddam Hussein und der als „Chemie-Ali“ bekannt gewordene Ali Hassan Majeed, der seinerzeit im irakischen Kurdistan Tausende mit Senfgas umbringen ließ.

Lieutenant Whiteside war unter anderem mit Diensteinteilung ihrer Mannschaft, der Organisation von Verwundetentransporten und der Medikamentenversorgung beauftragt. Whiteside sagte, dass sie ihren Job mag, weil er das Beste der amerikanischen Mission zeige: Den Menschen ungeachtet ihrer Herkunft oder Taten zu helfen.

Whiteside wurde offenbar von Anfang an durch ihren Vorgesetzten unter psychologischen Druck gesetzt. Dies und extreme dienstliche Belastung führte dazu, dass sie anfing verschiedene Medikamente von Wachmachern bis zu Beruhigungstabletten zu nehmen.

Die Situation spitzte sich nach dem 30. Dezember 2006 zu, als Saddam Hussein aus seiner Zelle zur Exekution gebracht wurde. Im Lager brach eine Revolte aus, die mit teils harschen Methoden unterdrückt wurde. Während der Tumulte bewahrte sie mit klaren Befehlen die Übersicht.

Ihre eigene Situation kippte jedoch erst am nächsten Tag. Sie hatte einmal mehr eine Auseinandersetzung mit ihrem Vorgesetzten. Unmittelbar darauf erlitt sie einen psychischen Zusammenbruch, der sich vor allem in aggressiven Reden über ihren Vorgesetzten äußerte. Eine Sanitätssoldatin hatte Whiteside im Flur angetroffen und Blut an Händen und Nacken gesehen. Zur Versorgung begaben sich beide in einem Raum, als Whiteside ihre Waffe zog und zunehmend stärker außer Kontrolle geriet. Schließlich gab sie zwei Schüsse in die Decke ab. Kurz danach trafen Soldaten ein, die in den Raum gelangen wollten. Whiteside schoss sich selbst in den Bauch.

In der US Army stellt Selbstmord und der Versuch dazu eine schwere Straftat ähnlich der Fahnenflucht dar, da damit die Moral der Truppe geschwächt und das Ansehen unterminiert werde. Erschwerend für Whiteside kommt hinzu, dass sich zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Suizidversuchs eine andere Soldatin im Raum befand und Whiteside mit ihrer Waffe gestikulierte. Dies wird ihr als Bedrohung eines Kameraden mit geladener Waffe angelastet.

Die Anklagevertreter der Army haben sich inzwischen die Behauptung mindestens eines Vorgesetzten im Walter Reed Hospital zu eigen gemacht, wonach First Lieutenant Whiteside den Nervenzusammenbruch als Ausrede benutze, um nicht verantwortlich gemacht werden zu können.

Dahingegen bezieht General Schoomaker, damals Leiter von Walter Reed und heutiger Sanitäts-Inspekteur der Army, klar Stellung: „This officer [Whiteside] has a demonstrably severe depression which manifested itself [. . .] as a psychotic, self-destructive episode“.

Die Vertretung der Anklage scheint sich bislang nicht davon beeindrucken zu lassen.

Schließlich geht es um die Diziplin und die Wahrung des Scheins, im Irak stehe alles zum Besten. Nervenzusammenbrüche von Soldaten infolge Überlastung und möglicherweise nicht korrekter Vorgesetzter fügen sich nicht in dieses Bild.

Präsident Bush weint viel wegen seiner Soldaten im Irak: So hat er sich selbst mehrfach geäußert. Sofern davon auch nur eine Silbe wahr ist: Nur über die weint er, die er als Helden ansehen kann, als Helden in seiner grausam beschränkten Vorstellung vom heldenhaften Krieg. Die psychisch Verkrüppelten, die Gebrochenen, die Zusammengebrochenen haben in der Vorstellungswelt des Möchtegern im Weissen Haus keinen Platz. Sie verdienen eher lebenslanges Gefängnis, denn das ist es, das Whiteside droht.

Die ehemaligen Kameraden von First Lieutenant Elizabeth Whiteside haben ihr längst einen Gruß ins Walter Reed kommen lassen: Einen Talismann und die Zeilen „Know that you are always loved by us. Never be forgotten and dearly missed.“

Kopf hoch, Oberleutnant Whiteside, vielleicht waltet Menschlichkeit – wider Erwarten.

— Schlesinger

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