Ein Land am Rande des Nervenzusammenbruchs

Der SPIEGELFECHTER zur Krisenstimmung:

„Nur verbohrte Marktliberale können glauben, dass die Menschen sich nicht irgendwann gegen diesen Trend auflehnen werden. Wenn genügend Leute glauben, dass die krasse ökonomische Vernunft sie ihrer Lebenschancen beraubt, werden sie sich erheben. Jedenfalls kann selbst in unserem Teil der Welt niemand die Hand dafür ins Feuer legen, dass es künftig keine Revolution mehr geben wird. Man sollte die Geschichte nicht durch einen Mangel an Phantasie beleidigen. Der Notschrei der Gräfin Dönhoff hat nichts von seiner Aktualität verloren: Zivilisiert den Kapitalismus!“

[…]

Was nun?

„Es muss keine Revolution stattfinden, um den Kitt zu stärken, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Ein demokratisches System besitzt die nötigen Selbstheilungskräfte. Um diese zu mobilisieren, bedarf es allerdings des Drucks der Straße. Die Bonner Republik war ein Zweiparteiensystem mit einer liberalen Partei als Korrektiv. Das Zweiparteiensystem war ein systemimmanentes Korrektiv – bewegte sich eine der zwei Volksparteien zu weit von einem gesellschaftlichen Konsens weg, wurde sie vom Wähler abgestraft und das andere Lager bekam den Regierungsauftrag. Dieses wichtige Korrektiv ist heute weggefallen. Die Berliner Republik ist ein Einparteiensystem – die Große Koalition erdrückt die Demokratie. Der Unterschied zwischen SPD und CDU ist so groß wie der Unterschied zwischen Visa- und Mastercard, und die kleinen Parteien haben sich aus der Rolle des Korrektivs entfernt, um koalitionsfähig zu sein. […]“

Lesen Sie den ganzen Beitrag von Jens Berger hier.

Sehr schön passend dazu das aktuelle Interview mit Erhard Eppler in der Wochendausgabe der Süddeutschen:

SZ: Wie schwer empfinden Sie die jetzige Wirtschaftskrise?

Eppler: Seit Gründung der Bundesrepublik ist dies jetzt die ernsthafteste Krise. Wenn ich jetzt sehe, wie mit Hunderten von Milliarden jongliert wird, dann wird mir schwummrig. Ich finde überhaupt, dass die Relationen total durcheinandergeraten sind. Als ich Minister war, war es einigermaßen klar, ein Minister verdient das Fünffache eines Arbeiters. Und ein Vorstandsvorsitzender verdient wiederum das Fünffache eines Bundesministers, also das 25-Fache eines Arbeiters. Das war unter Adenauer so, das war unter Brandt so.

SZ: Wann fing es Ihrer Meinung nach an, ungerecht zu werden?

Eppler: Ich unterscheide nicht zwischen gerecht und ungerecht.

SZ: Sondern?

Eppler: Zwischen einer hinnehmbaren Ungerechtigkeit und einer nicht mehr hinnehmbaren. Dass der Junggeselle einen Porsche fährt und der Vater von fünf Kindern einen Golf, das ist zwar vielleicht ungerecht, aber es ist hinnehmbar. Und dann gibt es eine Ungerechtigkeit, die politisch relevant wird, weil die Menschen sagen: In so einer Gesellschaft wollen wir nicht leben. Zum Beispiel, wenn ein Bankchef das 200-Fache seiner Angestellten verdient. Und dann 2000 Menschen entlässt.

SZ: Sie meinen Josef Ackermann, den Chef der Deutschen Bank.

Eppler: Ja.

— Schlesinger

(Grafik: Aktuelles Titelblatt des "The Atlantic")