Sondersendung Thomas Mann 1942: Deutsche Hörer!

Thomas Mann, der aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflohen war, sprach für die britische BBC Sendungen, in denen er gegen das Hitler-Regime opponierte und die während des Kriegs unter dem Titel „Deutsche Hörer!“ nach Deutschland ausgestrahlt wurden.

Im April 1942 sprach er die folgende Sondersendung:

Deutsche Hörer!

Zum ersten Mal jährt sich der Tag der Zerstörung von Co­ventry durch Görings Flieger (1), – einer der schauderhaftesten Leistungen, mit denen Hitler-Deutschland die Welt be­lehrte, was der totale Krieg ist und wie man sich in ihm aufführt.

In Spanien fing’s an, wo die Maschinisten des Todes diese nationalsozialistisch erzogene Rasse mit den leeren, entmenschten Gesichtern, sich vorübten für den Tiefflug in flüchtende Zivilistenmassen hineinzupfeffern, frisch und fröhlich! (2)

Das Gedenken an die Massakers in Polen ist auch unsterblich,– genau das, was man ein Ruhmes­blatt nennt.

Und Rotterdam, wo in zwanzig Minuten drei­ßigtausend Menschen den Tod fanden dank einer Bravour, die von moralischem Irresein zu unterscheiden nicht leicht­fällt.

Der Edle von Ribbentrop (3) verhüllte sein Angesicht und schluchzte: »Das haben wir nicht gewollt!« Es waren gute Zeiten, wo es nur zu schluchzen gab über das, was man andern zufügte.

Die Zeit kommt und ist schon da, wo Deutschland zu schluchzen hat auch über das, was es erlei­det, und dieses Rührungsmotiv wird überhandnehmen in dem Maß, wie eine Welt, die von solcher Art Dienst an der Menschheit nichts hatte wissen wollen und nicht darauf vorbereitet war, in ihre Verteidigungsaufgabe hineinwächst und den Lehrling abgibt, der den Meister überflügelt.

Hat Deutschland geglaubt, es werde für die Untaten, die sein Vorsprung in der Barbarei ihm gestattete, niemals zu zah­len haben? Es hat kaum zu zahlen begonnen – über dem Kanal und in Rußland. Auch was die Royal Air Force in Köln, Düsseldorf, Essen, Hamburg und andern Städten bis heute zuwege gebracht hat, ist nur ein Anfang.

Hitler prahlt, sein Reich sei bereit zu einem zehn-, ja zwanzigjäh­rigen Kriege. Ich nehme an, daß ihr Deutsche euch euer Teil dabei denkt – zum Beispiel, daß in Deutschland nach einem Bruchteil dieser Zeit kein Stein mehr auf dem andern wäre.

Beim jüngsten britischen Raid über Hitlerland hat das alte Lübeck zu leiden gehabt. Das geht mich an, es ist meine Vaterstadt. Die Angriffe galten dem Hafen, den kriegsindu­striellen Anlagen, aber es hat Brände gegeben in der Stadt, und lieb ist es mir nicht, […]

Sogar könnte es sein, daß mein Sinn für Gerechtigkeit durch dies Bombardement noch auf eine besondere Probe gestellt wäre. Schwedische Blätter melden, und amerikanische fragen mich danach aus, daß das Haus meiner Großeltern, das sogenannte Buddenbrook-Haus in der Mengstraße, bei dem Raid zerstört sein soll. Ich weiß nicht, ob die Nachricht wahr ist. Für viele draußen ist durch meinen Jugendroman der Name Lübecks nun einmal mit dem Gedanken an dies Haus verbunden, und leicht kommt es ihnen in den Sinn, wenn Bomben auf Lübeck fallen.

An Ort und Stelle freilich heißt es schon längst nicht mehr das Buddenbrook-Haus. Die Nazis, verärgert darüber, daß immer die Fremden noch danach fragten, hatten es umgetauft in Wullenweber-Haus. Das dumme Gesindel weiß nicht einmal, daß ein Haus, das den Stempel des achtzehnten Jahrhunderts an seinem Rokoko-Giebel trägt, nicht gut mit dem verwegenen Bürgermeister des sechzehnten etwas zu tun haben kann. Jürgen Wullenweber hat seiner Stadt durch den Krieg mit Dänemark viel Schaden zugefügt, und die Lübecker haben mit ihm getan, was die Deutschen denn doch vielleicht eines Tages mit denen tun werden, die sie in diesen Krieg geführt haben: sie haben ihn hingerichtet.

Von den Bewohnern des Hauses, das man, um meinen Namen auszulöschen, nach dem seinen benannt hat, ist zu sagen, daß sie der Stadt immer nur Gutes getan haben, und auf meine Art bin sogar ich noch ihrem Beispiel gefolgt. Auf eigene Art einem Beispiel folgen, das ist Tradition. Das alte Bürgerhaus, von dem man nun sagt, daß es in Trümmern liege, war mir das Symbol der Überlieferung, aus der ich wirkte. Aber solche Trümmer schrecken nicht denjenigen, der nicht nur aus der Sympathie für die Vergangenheit, sondern auch aus der für die Zukunft lebt.

Der Untergang eines Zeitalters braucht nicht der Untergang dessen zu sein, der in ihm wurzelt und der ihm entwuchs, indem er es schilderte.

Hitler-Deutschland hat weder Tradition noch Zukunft.

Es kann nur zerstören, und Zerstörung wird es erleiden.

Möge aus seinem Fall ein Deutschland erstehen, das gedenken und hoffen kann, dem Liebe gegeben ist rückwärts zum Gewesenen und vorwärts in die Zukunft der Menschheit hinaus.

So wird es, statt tödlichen Hasses, die Liebe der Völker gewinnen.

Welch Anspruch: Die Liebe der Völker gewinnen.

Für uns Heutige hört sich dieser Satz beinahe schwülstig, ja fast peinlich an. Und doch war er ganz sicher ernst gemeint. Kultur war für die wahren Bürger der damaligen Zeit wie Thomas Mann – ja, es gab noch Bürger, nicht nur Verbraucher – keine Bildungsattitüde, sondern eine überaus ernste private und nationale Aufgabe. Kultur mit all seinen Facetten galt als oberstes Ziel der Zivilisation schlechthin.

Der Kultur-Mensch Thomas Mann, und das beinhaltet sein Werk, stellt implizit immer die Frage nach dem kulturellen Status Deutschlands. Umso schärfer musste sich diese Frage stellen, nachdem sich Deutschland während der Hitlerjahre unfaßlich weit von allen kulturellen und moralischen Standards entfernt hatte.

Nach dem Wiederaufbau, dem wir-sind-wieder-wer, der Fresswelle brauten sich am kulturellen Himmel dunkle Wolkenzusammen. Die sogenannten 68er argwöhnten in der Folge der Auschwitz-Prozesse zurecht, dass allzu vieles unter den Teppich gekehrt worden war. Deren selbstgerechte Haltung schmälert nichts am damals sicherlich gerechtfertigten Befund, dass etwas nicht stimmte in der deutschen Geistes-Landschaft.

Kalter Krieg und Wiedervereinigung wurden in der Folge zu Meta-Themen, die die deutsche Agenda lange Zeit besetzen.

Schließlich kamen die saturierten Kohl-Jahre, die ein wenig an die stockende Biedermeierzeit erinnerten.

Die links-liberale Phase Schröder-Fischer brachte frischen Wind in die längst muffig gewordene Stube, aber ein sogenanntes „Stoßlüften“ genügt sicherlich nicht, eine neue Atmosphäre zu schaffen.

Wirtschaftskrise und Klimawandel tun nun das ihre, den deutschen Blick einmal mehr nach außen zu richten.

Daher kommt von Zeit zu Zeit das ungute Gefühl auf, Deutschland ist stecken geblieben in seinem Versuch, erneut Kulturnation zu werden.

Statt dessen scheint es auf staatlicher Ebene – sicher nicht ausschliesslich – nur noch die Summe seiner administrativ-technischen Versuche zur jeweiligen Aufgabenbewältigung. Auf kultur- und bildungspolitischem Gebiet scheint der Effizienz- und Spargedanke – dazu gehört auch Pisa – das Äquivalent zur konsumoptimierten Haltung der Verbraucher zu sein.

Die kulturelle Unsicherheit, die der Literat Wolfgang Borchert nach Kriegsende zum Ausdruck gebracht hat, war nicht unbegründet:

„Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist der Abgrund. Wir sind die Generation ohne Glück, ohne Heimat und ohne Abschied. Unsere Sonne ist schmal, unsere Liebe grausam und unsere Jugend ist ohne Jugend.

Und wir sind die Generation ohne Grenze, ohne Hemmung und Behütung – ausgestoßen aus dem Laufgitter des Kind-seins in eine Welt, die die uns bereitet, die uns darum verachten….

Wir sind eine Generation ohne Abschied, die sich davonstiehlt wie Diebe, weil sie Angst hat vor dem Schrei ihres Herzens.

Wir sind eine Generation ohne Heimkehr, denn wir haben nichts, zu dem wir heimkehren könnten, und wir haben keinen, bei dem unser Herz aufgehoben wäre – so sind wir eine Generation ohne Abschied geworden und ohne Heimkehr.

Aber wir sind eine Generation der Ankunft. Vielleicht sind wir eine Generation voller Ankunft auf einem neuen Stern, in einem neuen Leben.

Voller Ankunft unter einer neuen Sonne, zu neuen Herzen.

Vielleicht sind wir voller Ankunft zu einem neuen Lieben, zu einem neuen Lachen, zu einem neuen Gott.

Wir sind eine Generation ohne Abschied, aber wir wissen, daß alle Ankunft uns gehört„.

Dieser Schluß ähnelt dem Schlußsatz von Mann’s BBC-Rede, nur dass ihm das kulturelle Selbstvertrauen eines Thomas Mann fehlt.

Würde Borchardt heute noch leben, würde er wohl staunen über die ehemalige Kulturnation, die en masse nur noch aus Verbrauchern besteht. Ein Mann, so darf vermutet werden, würde ganz dazu schweigen.

— Schlesinger

(1) Nach einem ersten schweren Angriff gegen die britische Stadt Coventry im November 1940, der angeblich dem Industriezentrum dienen sollte, de facto aber die Innenstadt weitgehend zerstörte, folgte ein weiterer im April 1941

(2) Spanischer Bürgerkrieg ab 1936-39, in dem Hitler die faschistischen Truppen des General Franco mit der „Legion Condor“ unterstützte, die u.a. den verheerenden Angriff gegen die Stadt Guernica flog.

(3) Reichsaußenminister (1938-45) Joachim von Ribbentrop. In Nürnberg zum Tod durch den Strang verurteilt.

(Photo: Coventry, Holocaust-Referenz.de)