Sich wohlfühlen als Nationalsozialist

Das muss ein schönes Gefühl sein, als Nationalsozialist geschützt zu sein unter dem Schirm der bundesrepublikanischen Verfassung. Also seine Meinung, seine poltitischen Ansichten frei äußern zu dürfen und mit Springerstiefeln fest aufzutreten, wie man es möchte. Im Zweifelsfall unter Polizeischutz.

„Wie viele Nazis gibt es hier?“ Es gibt Orte in Deutschland, in denen diese Frage berechtigt ist – im idyllischen Ort Fürstenzell zum Beispiel, wo der Passauer Polizeichef fast totgestochen worden ist.

So fragt Heribert Prantl aktuell in der Süddeutschen. Und kommt zu dem Schluß:

Verfassungsschutz ist nicht nur und nicht in erster Linie das, was sich in der Bundes- oder Landesbehörde dieses Namens etabliert hat.

Der wahre Verfassungsschutz besteht aus mutigen Lehrern und Polizisten; er besteht aus Studenten und Hausfrauen, die den Opfern rechtsextremer Gewalt helfen, sie zur Polizei begleiten; er besteht aus Bürgern, die es sich nicht gefallen lassen, dass sich ihre Kneipe in einen braunen Treffpunkt verwandelt.

Einem Alois Mannichl darf es nicht länger so ergehen wie im Film „Allein gegen die Mafia“.

Zivilgesellschaft ist gebündelte Zivilcourage.

Das ist ein aufmunterndes Plädoyer und gewiß nicht falsch in der Intention. Im übrigen schätze ich Prantl sehr. Nur fürchte ich, dass er weniger oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist oder sich nächtens an U-Bahn-Stationen aufhalten muss, als gut tun würde, um seine Empfehlungen anders zu akzentuieren.

Stiernacken, Bierflasche und Runentätowierung

Heute abend saß ich in der S-Bahn einem Neonazi gegenüber. Lebendgewicht geschätzte 110 kg. Davon dürften zwanzig Prozent auf seinen Stiernacken entfallen sein. Kahlgeschoren. Bulldoggenschädel. Runen-Tatoos vom Ohr bis zu den Fingerspitzen. Hochglanzlackierte Springerstiefel mit weißen Schnürbändern. Ein Flasche „Hell“ in der Hand. Dumpfer, aber lauernder Blick.

Hätte sich irgendeine brenzlige Situation ergeben, so wäre ich eher nicht derjenige gewesen, der hier großartige Zivilcourage gezeigt hätte.

Man formuliert seine Überzeugungen vom demokratischen Staat vorzugsweise mit intakten Schneidezähnen.

Sagt nicht eine der grundlegenden Staatstheorien: Die Bürger geben ihre Gewaltoption ab an den Staat, um selbst gewaltfrei leben zu können, aber die Staatsmacht übt die Gewalt aus im Auftrag der Bürger?

Gerne hätte ich das Gefühl gehabt, der Stiernacken hätte denken müssen „Ich darf hier keine falsche Bewegung machen, sonst bekomme ich ein Problem“.

So aber sah der ganz entspannt-angespannt aus und ich dachte mir „Ich darf hier keine falsche Bewegung machen, sonst bekomme ich ein Problem.“

Wann hatten sich Rechtsradikale zuletzt eingeschüchtert vorkommen müssen in unserem Land?
Nein, eher beschützt werden sie sich vorkommen, und insofern dürfte ihnen recht wohl zumute sein.

Prantl hat seine Frage „Wieviel Nazis gibt es hier?“ dieser Tage nicht zum ersten mal gestellt. Er hat für die mit dieser Frage verbundenen Rede im Jahr 2004 den Preis für die rhetorisch beste Rede des Jahres erhalten.

In den vier Jahren, die seither vergangen sind, hat sich die rechte Szene fleissig entwickelt. Wir waren offenbar schwer, vielleicht zu schwer damit beschäftigt, den vermeintlichen muslimischen Bombenbauern nachzusetzen, als die überaus naheliegende und äußerst gegenwärtige Gefahr auf der Rechten wirksam zu bekämpfen. Die muss man nicht suchen. Sie sind ja nicht zu übersehen.

Rhetorik und abstrakte Staatstheorie sind leider nicht geeignet, Stiernacken zu beeindrucken.

Ich scheue mich nicht, hier nach dem starken Staat zu rufen. Gewisse Dinge lassen sich nicht im demokratischen Diskurs lösen.

Immerhin – wir haben es mit Menschen zu tun.

— Schlesinger