US Finanzminister möchte Autoriesen sterben lassen

Finanzminister Hank Paulson spielt mit dem Feuer.

Als waschechter Republikaner geht er in altbewährter Manier an das Thema „schlechte Bilanz“ heran: Der Markt soll es regeln und der Staat sich so weit wie möglich heraushalten:

US Treasury Secretary Henry Paulson warned there was no immediate relief in sight for the American economy, but ruled out using a giant Wall Street bailout package to help automakers.

GM boss Rick Wagoner warned the US economy faces „catastrophic collapse“ if the government does not step in, while Chrysler’s chief said the firm could run out of cash without „immediate“ help.

Abgesehen davon, dass das republikanische Credo schon beim Versicherungsgiganten AIG oder diversen US Großbanken nicht eingehalten wurde, wäre es im Fall der sogenannten Big 3, also General Motors, Ford und Chrysler fatal, da es mit großer Wahrscheinlichkeit eine Kettenreaktion auslösen könnte. Das wäre der Kollaps mit Ansage.

Wie hierzulande hängt auch in den Staaten ein beachtlicher Teil der Wirtschaftsleistung von der Automobilindustrie ab. Das mag man verteufeln, aber man kann es nicht ungestraft ignorieren.

Die Umsätze der Autohersteller sind massiv eingebrochen:

GM -45% im Vergleich zum Vorjahr (das auch nicht rosig war), aber auch die der asiatischen Hersteller:
Nissan -33%
Honda -25%
Toyota -23% (Toyota produzierte in 2007 mehr Fahrzeuge als GM)

In Produktionszahlen ausgedrückt sank die Quote innerhalb eines Jahres von insgesamt 16,1 Millionen Fahrzeuge (alle Hersteller auf dem US Markt) auf unter 11 Millionen.

GM verliert derzeit monatlich 2 Milliarden US Dollar. Allerdings sind die Zahlen widersprüchlich: Laut dem letzten Quartalsbericht machte GM  2,5 Mrd. Verlust.
Rechnerisch könnte der Konzern zu Beginn des nächsten Jahres zahlungsunfähig sein, wenn man die schlechteren Zahlen zugrunde legt. Auch deswegen hat GM einen Teil seiner Verluste nach Europa verschoben, so dass Opel das letzte Quartal mit einer Milliarde Verlust abschliessen mußte (Nach einem Gewinn von 20 Millionen im zweiten Quartal des Jahres).

Unerwünschte Sterbehilfe

Die naive Vorstellung der Auto-Sterbehilfe-Befürworter lautet: Lasst sie in den vorschriftmäßigen, geregelten Bankrott gehen, dann können sie bei Null beginnen. Sie können ihre Verträge mit den Zulieferern neu aushandeln. Sie können die dann ungültigen Tarifverträge neu – und natürlich günstiger – verhandeln. Sie können die Betriebsrenten ganz oder in Teilen einbehalten, was die Finanzkraft enorm steigern würde.

Das könnte funktionieren, wenn es sich um einen Einzelfall handeln würde. Derzeit ist die Situation allerdings so labil, dass jede weitere Erschütterung das ganze Gefüge endgültig zum Absturz bringen könnte.

Die großen Hersteller haben unter anderem gemeinsame Zulieferer. Kollabieren einige davon, weil einer ihrer Hauptabnehmer nichts mehr abnehmen kann, kommen die anderen in Produktions- und Gewährleistungsverzug (etwa bei Ersatzteilen).

Vor dieser Situation fürchten sich auch die asiatischen Produzenten, deren Einbußen zwar ebenfalls hoch sind, aber immer noch niedriger ausfallen als die der amerikanischen Konkurrenz. So stellt der Sprecher von Toyota fest:

Seventy-five percent of the vehicles we build in North America are sourced in North America, and many of those suppliers are shared with the Big Three

Die Chefs der Autokonzerne hoffen darauf, vorzeitig aus dem 25-Milliarden-Topf bedient zu werden, der fürs kommende Jahr für die Förderung umweltverträglicher Techniken vorgesehen war. Dazu meinte die Sprecherin der Demokraten im Repräsentantenhaus Nancy Pelosi „Show us the plan, no plan, no money.“

GM-CEO Rick Wagoner sagte, sein Konzern würde zwischen 10 Mrd und 12 Mrd USD des zusätzlichen Kapitals beantragen. Sein Pendant bei Ford, Alan Mulally, kündigte an, dass Ford 7 Mrd bis 8 Mrd USD anfordern würde, während Chrysler-CEO Robert Nardelli sich 7 Mrd USD aus dem Fonds erhofft.

President-elect Obama hat in der Sendung 60 Minutes den Kongress aufgefordert, zu einer Übereinkunft zur Rettung der großen Drei zu gelangen. Es dürfe kein Blanko-Scheck ausgestellt werden, aber Bankrott sei kein akzeptabler Weg.

Derweil zittern nicht nur die deutschen Mitarbeiter bei GM-Tochter OPEL um ihre Arbeitsplätze, sondern auch 5000 Angehörige der englischen GM-Tochter Vauxhall.

Möge die Macht nicht mit Paulson sein.

— Schlesinger

Ergänzende Leseempfehlung: Zur Lage von OPEL siehe Beitrag des Spiegelfechter.

(Photo: Hank Paulson)
(Photos: sky.com)