Zur Lage der palästinensischen Flüchtlinge im Libanon – Teil 2

Glaubensbrüder als Feinde

Im Verlauf des Bürgerkrieges sahen sich die Palästinenser nicht nur den Angriffen der christlichen Maroniten und der israelischen Armee ausgesetzt, sondern auch Angriffen ihrer muslimischen Glaubensbrüder.

Zur Lage der palästinensischen Flüchtlinge im Libanon – 1948 bis heute
Ein Gastbeitrag von Ingrid Rumpf
(Teil 2)

So wurden sie in der ersten Phase des Bürgerkrieges von der syrischen Armee bekämpft, die den Einfluss der PLO im Libanon übelmächtig werden sah, und in der zweiten Hälfte der 80er Jahre wurden die palästinensischen Flüchtlingslager von der schiitischen Amal-Miliz monatelang belagert und beschossen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die PLO mit der Mehrzahl der palästinensischen Kämpfer den Libanon bereits verlassen müssen.

Israelischer Einmarsch in 1982

Die Invasion der israelischen Armee in den Libanon im Jahr 1982, die mit der massiven Bombardierung Beiruts endete, hatte zur Zerschlagung der politischen und militärischen Struktur der PLO im Libanon geführt.

Jassir Arafat und seine Kämpfer mussten nach Tunesien ins Exil gehen.

Massaker von Sabra und Schatila

Unter den Augen der israelischen Armee, deren Verteidigungs­minister damals Ariel Sharon war, verübte die maronitische Phalange-Miliz ein ein Massaker an den zurückgebliebenen palästinensischen Flüchtlingen in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila in Beirut, dem ca. 700 Menschen zum Opfer fielen, überwiegend Kinder, Frauen und alte Männer.

Die Lage der palästinensischen Flüchtlinge ist seit dem Bürgerkriegsende katastrophal.

30.000 Palästinenser haben während des Bürgerkrieges den Tod gefunden, es gab 13.000 Witwen und Tausende von Halb- und Vollwaisen.

Von den ehemals 15 Flüchtlingslagern waren nach Kriegsende 3 Lager vollständig, die anderen teilweise zerstört. 6.000 Familien waren obdachlos. Dies entspricht einer Zahl von 40-50.000 Menschen, die zum Teil zusätzlich in die zerstörten Lager drängten. In den verbleibenden 12 Lagern untersagte und behinderte die libanesische Regierung den Wiederaufbau.

Das weitgehende Arbeitsverbot außerhalb der Flüchtlingslager zwingt auch früher „draußen” lebende Palästinenser aus Existenznöten zurück in die Lager. Dies führt zu extremer Raumnot und zusätzlichen sozialen Spannungen unter den Flüchtlingen. Die Trink- und Abwassersysteme sind in schlechtem Zustand und gesundheitsgefährdend.

„Friedens“-Abkommen von Taif

Die sozialen Einrichtungen der PLO waren nach Kriegsende größtenteils zerstört, die Beschäftigungsmöglichkeiten geschwunden, die finanzielle Unterstützung schrumpfte. Die politischen und konfessionellen Gruppierungen des Libanon einigten sich 1989 im Friedensabkommen von Taif darauf, die Palästinenser als die in ihren Augen Hauptverantwortlichen für den Ausbruch des Bürgerkrieges aus dem politischen, sozialen und wirtschaftlichen Leben des Landes auszuschließen.

Da Syrien nach dem Krieg die politische und militärische Kontrolle im Libanon übernahm, konnten darüber hinaus Hunderttausende von syrischen Arbeitssuchenden ins Land strömen. Sie arbeiten zu Niedrigstlöhnen in der Baubranche, in der Landwirtschaft und als fliegende Händler. Damit gingen den Palästinensern ihre wichtigsten Arbeitsbereiche verloren.

Einen weiteren gravierenden wirtschaftlichen Einbruch erlitten die palästinensischen Flüchtlinge während des ersten Golfkrieges. Die PLO hatte sich auf die Seite Saddam Husseins gestellt. Die Golfstaaten revanchierten sich daraufhin mit dem Hinauswurf Hunderttausender palästinensischer Arbeiter, Techniker und Akademiker, die bis dahin ihre Angehörigen in den Flüchtlingslagern unterstützt hatten und mit der Einstellung der Zahlungen an die PLO.

Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich dramatisch. Heute dürfen die palästinensischen Flüchtlinge außerhalb der Flüchtlingslager in vielen, vor allem akademischen Berufen gar nicht, in anderen nur mit kostspieliger und aufwendiger Arbeitserlaubnis arbeiten.

Bedingt durch die soziale, wirtschaftliche und politische Benachteiligung der palästinen­sischen Flüchtlinge im Libanon ist deren Überleben vollkommen von Hilfe von außen abhängig.

Vereinte Nationen als letzte Rettung

Hauptversorgungspfeiler ist die seit mehr als 50 Jahren bestehende United Nations Relief and Works Agency (UNRWA). Neben der materiellen Unterstützung der Hardship­Cases (Familien, die über keinerlei Einkommen verfügen) ist sie für die schulische und medizinische Versorgung und für die Infrastruktur in den Lagern zuständig.

Die pro Kopf der Flüchtlinge vorhandenen Gelder gehen ständig zurück, während die Bedürftigkeit gleichzeitig wächst. Mehr als 45.000 Menschen, das sind über 11% der registrierten Flüchtlinge, gehören zu den Hardship-Cases. Dies ist bei weitem die höchste Zahl verglichen mit allen anderen arabischen Regionen.

Für die 40.000 palästinensischen SchülerInnen stehen neben Elementar- und Mittelschulen, nur 5 Gymnasien und eine Berufsschule der UNRWA zur Verfügung. Staatliche libanesische oder private Berufsschulen und Universitäten sind ihnen vor allem aus finanziellen Gründen verschlossen. Besonders im Grundschulbereich sind die Klassen hoffnungslos überfüllt.

Schülerzahlen von bis zu 50 je Klasse sind keine Seltenheit. Es fehlt an Platz, genügender Ausstattung, an Labors und Büchereien. Die Hälfte der Schulen arbeitet schichtweise, was mit geringerer Stundenzahl verbunden ist. Die UNRWA bietet keinerlei Vorschulerziehung an. Kindergärten werden ausschließlich von den verschiedenen Nichtregierungsorganisationen getragen.

(Teil 3 folgt)

Bitte ziehen Sie eine Mitgliedschaft oder Einzelspende für die „Flüchtlingskinder in Libanon e.V.“ in Erwägung und besuchen Sie die Webseite (PS: sie wird demnächst überarbeitet). Schirmfrau des Vereins ist die israelische Menschenrechtsanwältin Felicia Langer, die 1990 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

– MK

(Photo: pattiane)
(Photo: pattiane)