Wenn Eitelkeit Vernunft besiegt – Robert Kagan

Robert Kagan ist Neokonservativer.
Er ist einer der bekanntesten politischen Vordenker der USA.
Er war Berater in der Regierung Ronald Reagans.
Er ist Bestsellerautor mehrerer Bücher, von denen sein kleines, aber imposantes Werk „Of Paradise and Power“ besondere Erwähnung verdient.

Wenn ich imposant sage meine ich damit nicht, dass man seinen Thesen zustimmen muss. Die Thesen sind allerdings so klar und substanzreich formuliert, dass man kaum umhin kommt, sich ihnen zu stellen.

Amerikanischer Unilateralismus nichts Neues

Grob skizziert lautet die Argumentationslinie Kagans: Der Unilateralismus Amerikas ist keine Erfindung der Regierung George W. Bush. Seit sich die Vereinigten Staaten als faktische Großmacht etabliert haben, hätten sie – wie jede tatsächliche Großmacht in allen historischen Zeiten – mehr oder weniger unilateral gehandelt, sobald es opportun oder erforderlich erschien.

Das habe zum Beispiel auch zu Zeiten von Bill Clinton gegolten (Kosovo-Krieg, Bombardierungen Bagdads, Bombardierung von Tripolis als Vergeltung der ).

New World Order

In diesem Werk, in dem es um nichts Geringeres geht als um eine von den USA dominierte neue Weltordnung, hatte Kagan im Jahr 2003 (im März hatte jenen Jahres hatte der Irakkrieg begonnen) die berühmte These aufgestellt: Amerikaner kommen vom Mars, Europäer von der Venus.

Mit diesem Bild beschrieb Kagan die Differenz zwischen den Vereinigten Staaten, die aufgrund enormer Stärke in einer hobbesianischen Welt ( = Jeder ist des nächsten Wolf ) eigenverantwortlich und durchsetzungswillig handeln würden, und einem allzu vernunftbetonten und friedensverwöhnten Europa.

Auf der einen Seite gebe es also eine potente und handlungswillige Großmacht namens USA, die nicht zögere, ihre aus ihrer Sicht legitimen Interessen durchzusetzen. Auf der anderen Seite gebe es ein Europa, das zwar in früheren und nicht allzu lange vergangenen Zeiten in klassischer Großmachtmanier aufgetreten sei, das aber seit einigen Jahren gewissermaßen unter historischem Gedächtnisverlust leide und die relative eigenen Schwäche durch Moralansprüche zu kaschieren versuche.

Darauf basierend stellte Kagan die provozierende Frage, ob die lange Zeit beschworene amerikanische-europäische Partnerschaft noch auf einem gemeinsamen Fundament beruhe.

Trotz einiger verbaler Zugeständnisse wird man nicht zu weit gehen zu sagen, Kagan bevorzugte tendentiell ein „Nein“ als Antwort.

Scheinheiliges Europa

In einem Nachwort, das Kagan in der weiteren Folge des Irakkriegs verfasste, hat er diese Position bekräftigt.

Dabei erhob er insbesondere den Vorwurf, Europa verhalte sich scheinheilig, wenn es den USA Unilateralismus vorwerfe. Im Fall des Kosovo-Kriegs habe sich Europa ebenfalls nicht um einseitige Maßnahmen gekümmert.

Hätten die USA lediglich Peking oder Moskau ignoriert, wäre aus Europa keine oder kaum Kritik zu vernehmen gewesen. Da aber Paris und Berlin ignoriert wurden, hätten sich diese übergangen Länder in die Anklage geflüchtet, die USA hätten unilateral gehandelt.

Das sei nicht nur scheinheilig gewesen, sondern zugleich Indiz für die faktische Machtlosigkeit Europas. Die größte Furcht Europas habe darin bestanden (und bestünde darin), sich seine eigene Machtlosigkeit eingestehen zu müssen. Daher würde in zunehmendem Maß die Moralkeule geschwungen: Nichts dürfe ohne Zustimmung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen unternommen werden. Damit aber – so Kagan – würde vorsätzlich ignoriert, dass der Sicherheitsrat in der längsten Zeit seines Bestehens seit ’45 durch die russisch-amerikanische Pattsituation ohnehin handlungsunfähig gewesen sei.

Kagan hat seinen Finger damit in eine europäische Wunde gelegt. Man stelle sich nur die Frage, unter welchen Umständen sich Europa wirklich massiv machtpolitisch engagieren wollte? Was immer diese Umstände sein mögen: Europa würde sich äußerst schwer tun, autark und kraftvoll zu reagieren, weil ihm schlicht die Mittel (und wahrscheinlich der einheitliche Wille) fehlen.

Wem aber immer nur Worte bleiben, kommt schnell in den Ruch, ein Hanswurst zu sein. Das gilt unter Pennälern auf dem Pausenhof ebenso wie in der Internationalen Politik.

Vielen Aspekten seiner Vorwürfe in Richtung des „Alten Europa“ Europa kann daher schwerlich widersprochen werden.

Zum Kardinalfehler Kagans

Das ist eine vertretbare Interpretation, wenngleich ich mich schwer tue, die Außenpolitiken eines Bush senior oder eines Bush junior in eine auch nur ansatzweise gleiche Kategorie einzuordnen.

Läßt man sich auf dieses Argumentationsmuster ein, könnte man tatsächlich zum selben Schluß wie Kagan kommen.