Eine Brandschrift zur aktuellen Energiediskussion

BMW-Debakel, Steuererleichterungen auf Energie und US Offshore-Bohrungen

Das Allensbach-Institut für Meinungsforschung brachte zutage, was zu erwarten war wie der Speichelfluß des Pavlov’schen Hundes beim Glockenschlag:

75% der Bundesbürger wollen Steuerentlastungen
aufgrund der hohen Energiepreise.

Was sonst? Deutschland ist hinsichtlich des Informationsflusses vergleichbar mit der Pazifikrepublik Tonga. Daher kam diese Entwicklung der Energiepreise über die Deutschen wie der Überfall der Hunnen auf Zentraleuropa. Gänzlich unvorhersehbar.

Während meines BWL-Studiums Mitte der Achtziger hingen zwei Plakate an der Tür eines unserer Professoren.
Das eine zeigte einen verknoteten Zapfschlauch, während aus dem Zapfhahn vorne nur noch ein kümmerlicher Tropfen Öl tropfte.
Das andere zeigte einen überdimensioniert gezeichneten runden Touristen, bepackt mit Rucksack, Kamera, Schlapphut, Sonnenbrille, der in seinen Birkenstock-Sandalen fröhlich auf dem Planeten Erde herumtrampelt. Der Untertitel lautete:

Der Globetrottel

Sowohl in den Ökonomie-Vorlesungen wie auch in der Presse jener Zeit war des Öfteren von der absehbaren Ölknappheit die Rede. Immerhin: Der große Ölschock im Zuge des Yom-Kippur-Kriegs von 1973, als die OPEC dem Westen einigermaßen den Ölhahn zudrehte, war gerade mal zehn Jahre vorbei.

Eine Krise unvergleichlichen Ausmaßes

Nein, dieser Satz stammt nicht aus dem Mund von Al Gore, sondern reicht ins Jahr 1973 zurück:

Während der Mensch einen Höhepunkt an Wissen und Macht erreicht hat, wird die Gesellschaft zunehmend von einem tiefen Unbehagen erfasst. Angesichts eines immer komplexeren und sich ständig ändernden Gewirrs miteinander verflochtener Probleme, von denen manche über alle politischen, kulturellen und geographischen Trennungslinien hinwegreichen, droht der Menschheit eine Krise unvergleichlichen Ausmaßes.

Aurelio Peccei
Gründer und Vorsitzendes des
Club of Rome

Der Club of Rome hatte seinen Bericht zu den „Grenzen des Wachstums“ vorgelegt. Auf der Grundlage intensiver Studien wurden Empfehlungen ausgesprochen, anhand derer die Menscheit in der Lage sein sollte, durch „einen vernünftigeren Kurs“ einen „neuen Humanismus“ zu verfolgen.

Bei BMW und den anderen Herstellern, so war damals oft zu hören und zu lesen, lägen die Pläne für 3-Liter-Motoren bereits in der Schublade. Der Markt verlange aber noch nicht danach.

Denn: Weder BMW noch die Käufer hatten im Sinn, einen vernünftigeren Kurs zu verfolgen.

Im Sinn hatte man auf Autobauerseite monetären Gewinn, der mit großen Autos selbstverständlich eher zu realisieren ist als mit kleinen, und auf Autofahrerseite Lustgewinn, für den hinsichtlich der Automobilgröße offenbar dasselbe gilt wier in der Gewinnfrage.

Ernst Bloch meinte in Das Prinzip Hoffnung:

„Die Gier nach Profit überschattet hier sämtliche menschlichen Regungen, hat sie doch nicht einmal, wie die Mordlust, Pausen.“

Profit darf getrost ergänzt werden um shoppen.

Was aber sollten BMW und all die anderen auch machen? Wenn die Käufer nicht nachfragen? Bemerkenswert ist nur, dass die Marketingabteilungen ansonsten perfekt funktionieren, um den Käufern einen 200 PS starken Wagen mit 280 km/h und 15 Litern Verbrauch höchst erfolgreich anzupreisen und damit zum Beispiel die „Faszination BMW“ Wirklichkeit werden zu lassen.

Surfen Sie mit Ihrem BMW durch Zeit und Raum.

… lautet ein aktueller Slogan, der nicht nur irgendwie idiotisch ist, sondern unfreiwillig grotesk: Die Macher der Automobile, diese Strategen, diese Planer mit Weitsicht, haben die sich seit Jahrzehnten abzeichnende Krise völlig verschlafen. Sie sind durch Raum und Zeit gesurft und haben dabei geträumt (aber jahrelang größte Rendite eingefahren).

Der Verbraucher trägt diesen Titel völlig zurecht

billig: Die Flüge oder wir?Dasselbe gilt für den „Verbraucher“, der diesen wenig ehrenwerten Titel völlig zu Recht trägt. Wäre der Verbraucher nicht primär Verbraucher, sondern Bürger, hätte er die Zeichen der Zeit erkennen und rechtzeitig vorsorgen können. Seit langen Jahren.

Die Bürger wurden nicht gezwungen, sich große Fahrzeuge zuzulegen, niemand zwingt den Bürger, seinen Urlaub mit (noch) Billig-Flügen auf fernen Inseln zu verbringen, niemand zwingt den Bürger, seine Tomaten und Erdbeeren aus Südspanien zu beziehen, wohl wissend, dass dort das Grundwasser dramatisch sinkt und ganze Regionen austrocknen, vom Spritverbrauch über Tausende von Kilometern bis zu uns ganz zu schweigen. Diese Liste ist unendlich lang, was die Sache nicht besser macht.

Da Europäer aber nicht auf Tonga leben, sondern tagtäglich mit allen notwendigen Informationen versorgt werden, um in dieser Hinsicht klug vorbauen zu können, und dies alles trotzdem verbohrt ignoriert haben, haben sie sich zurecht degradiert zum bloßen Verbraucher.

Als Verbraucher geht man in der Masse auf und genießt den scheinbaren Vorzug, selbst nichts bewirken zu können.

Wie sagte Ulrich Beck in seiner Risikogesellschaft: „Man kann etwas tun und weitertun, ohne es persönlich verantworten zu müssen. […] Dies ist die zivilisatorische Sklavenmoral.“

Nun wird den Anbietern der Verbrauchsgüter und den Verbrauchern der Verbrauchsgüter die Rechung präsentiert. Gestern stürzte der Aktienkurs von BMW nach einer dramatischen Gewinnwarnung um unerhörte zehn Prozent ab:

Dasselbe hatte vor kurzem Daimler zu erleiden, und bei deren Kollegen auf dem US Markt sieht es noch wesentlich dramatischer aus.

Die ganze Hilf- und Orientierungslosigkeit hüben und drüben zeigt sich in so aberwitzigen Aktionen wie dem Auto-Käufer Benzingutscheine für ein oder zwei Jahre oder Spritpreisgarantien anzubieten.

In umfangreichen Werbekampagnen versucht zurzeit Opel mit diesem Bauerntrick noch den einen oder anderen Tölpel zu fangen.

Kopflosigkeit als Grundzug

Dieselbe Kopflosigkeit zeigt sich auf breiter Basis beim Verbraucher. Er möchte eigentlich weiter machen wie bisher. Daher: Runter mit der Steuer auf Benzin! Geld zurück vom Staat!

In Bayern stehen Wahlen an. Umfragen deuten darauf hin, dass die CSU bis zu zehn Prozent gegenüber den letzten Wahlen einbüßen könnte. Deshalb hat die CSU die panisch klingende Parole ausgegeben, dass es mit Bayern steil bergab ginge, würde die CSU nicht die absolute Mehrheit erreichen.

Als populistische Sofortmaßnahme möchte die CSU die Pendlerpauschale wieder einführen (die sie zuvor mit abgeschafft hat).

Rainer Brüderle von der FDP gibt sich noch stammtischnäher, mithin wirklich anbiedernd-dümlich:

„Die wirklichen Ölscheichs sitzen in Berlin“, sagte der stellvertretende FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle der „Frankfurter Rundschau“.

Er forderte deshalb die Abschaffung von Öko- und Kfz-Steuer.

Der jovial wirkende Dicke, Gemütliche und Schwabe Brüderle – für mich ein eiskalter Populist – scheint ganz Anhänger des alten Slogans „Freie Fahrt für freie Bürger“ zu sein . Damit hat er die Zeichen der Zeit völlig (ver-) erkannt. Das Land braucht nicht „mehr Brüderles“. Sonst ist es gänzlich vorbei mit der Sicherheit unserer Energiezukunft.

Klar ist, dass die Politik in genau demselben Umfang versäumt hat, den Staat auf eine verläßliche und zukunftsichere Energiebasis zu stellen. In gewissem Sinne haben wir es mit kollektivem Versagen zu tun.

Der Stellvertreter des Herrn greift ein

Eine gute Gelegenheit übrigens für die Kirche sich moralisch zu positionieren. Damit macht man nie etwas falsch. PRADA-Fan Papst Benedikt geißelte kürzlich bei seinem Besuch in down-under den „unersättlichen Konsumismus“. Daher spendete er seine sündteuren Schuhe und Hermelin-besatzten Hüte einer karitativen Einrichtung und gelobte, seine prahlerischen Gewänder künftig durch eine Mönchskutte zu ersetzen (Scherz).

Die Kirche bleibt sich dabei insofern treu, als sie seit Jahrzehnten vehement gegen die Verbrauchs-Orientierung unserer Gesellschaften zu Felde zieht. Man erinnert sich lebhaft an die scharfen Kanzelpredigten, die nicht etwa vorsätzlich vage blieben, um nur niemandem auf die Füße treten zu müssen, sondern die ganz konkrete Verhaltens-, also Verbrauchsweisen scharf verurteilte. Sie erinnern sich doch lebhaft, nicht wahr?

Zwang zum Populismus

Die Bürger Verbraucher schimpfen gerne über „die Politik“. Sie ignorieren dabei geflissentlich, dass allzuoft sie es sind, die die Politik zu irrationalen Maßnahmen zwingen. Wie heute in der Frage nach Energiepreis-Subventionen. 75% verlangen Steuererleichterungen? Wie könnte die Politik das gänzlich ignorieren.

Der Zwang zum Populismus wird in der einen oder anderen Form seinen Niederschlag finden, zumal in (nahenden) Wahlkampfzeiten.

Barack Obama nun doch für Offshore-Bohrungen

Denselben Zwängen ist auch Barack Obama unterworfen. Man kann sich sicher sein, dass er von der Linken für seinen jüngsten Schwenk in Sachen küstennahe Ölförderung schwer getadelt wird. Und doch hat er kaum eine andere Wahl. Die SUV-verwöhnten Amerikaner leiden ebenso wie wir unter astronomischen Spritpreisen und fordern inzwischen lauthals Erleichterungen durch die Politik.

Vor diesem Hintergrund kam gut an, dass John McCain längst von seiner ursprünglichen Haltung abgewichen ist und sich mit George W. Bush für die Aufnahme von sogenannten Offshore-Bohrungen ausgesprochen hat. Die Wähler danken es ihm in Form besserer Umfragewerte.

Das dürfte ein gewichtiger Grund für die in letzter Zeit nicht so rosigen Umfragewerte für Obama sein. Obama hat ein ökologisch schärferes Profil als McCain. Um der Gefahr eines weiteren Stimmenverlusts zu entgehen hat Obama nun den Schwenk vollzogen und sich für offshore-drillings ausgesprochen.

Auch das ist Demokratie: Sich vom Verbraucher-Volk zu irrationalem Handeln zwingen zu lassen.

Und Bürger gibt es doch

Kürzlich unterhielt ich mich vor einer Wanderung am Tegernsee im Zug (Lob an die Bayerische Oberlandbahn BOB !) mit den Eltern einer mehrköpfigen Familie.
Die Familie, wurde erzählt, lebte berufsbedingt in Kanada und ist erst vor wenigen Jahren zurück nach Bayern gekommen. Wir kamen auf die Vorzüge der BOB zu sprechen, mit der man relativ preiswert und vor allem staufrei von München zum Beispiel an den Tegernsee gelangt. Das Thema Auto – ich habe seit langem keins, wozu auch in einer Großstadt? – wollte ich nicht ansprechen, da ich mutmaßte, die „amerikanischen Gepflogenheiten“ würden nur eine einzige Einstellung zulassen. Weit gefehlt. Die Mutter von vier Kindern berichtete, die Familie hätte aus Vernunfterwägungen schon lange kein Fahrzeug mehr – nein, schien sie anmerken zu müssen, sie seien keine Ökos.
Nein, sie würden auch nicht in der Stadt, sondern auf dem Land leben.
Nein, die ganzen Verweise, man brauche auf dem Land unbedingt ein Auto wären doch alles Ausreden.
Es sei alles eine Frage der Organisation.

Gewiß: Das trifft nicht uneingeschränkt zu und seitens der Autobesitzer sind nicht alles Ausreden.

Sicher ist aber dies: Mit vernünftiger Überlegung und pragmatischem Handeln wäre unendlich mehr möglich als das Bisherige, gleichviel ob es um Autos oder spanische Tomaten oder Flugreisen geht.

Dazu allerdings müßte man Bürger sein. Das sind wir Verbraucher nun einmal nicht (mehr).

Zumindest zu etwa 75% nicht.

— Schlesinger

(Photo: Random Dude)
(Photo: lynac)
(Photo: screenshot Google-Anzeigen)
(Grafik: Finanzen.net)