Erstes Fernsehduell Obama – McCain unentschieden

Schlagfertig und aggressiv“ – so bewertet die BBC den Auftritt John McCains. Allerdings sei er empfindlich und in einer spitzen Art aggressiv gewesen. Dagegen sei Obama zwar ebenfalls angriffslustig aufgetreten, aber beherrscht und geschäftsmännisch.

„The Mac is back“ titelt Roger Simon von Politico und urteilt:

he gave one of his strongest debate performances ever.

McCain konnte tatsächlich in der Außenpolitik punkten, wo es ihm mit simplen Sätzen und Darlegungen vermutlich gelungen sein dürfte, den Wähler für sich einzuvernehmen. So hat er zum Beispiel die alte Geschichte erzählt, wie er Wladimir Putin in die Augen gesehen habe und dort das Kürzel „K – G – B“ lesen konnte. Das ist ein einprägsames Bild und bedient reichlich die amerikanische Aversion gegen Rußland. Dass McCains bisherige Bekundungen zu den Ereignissen in Georgien reichlich propagandistisch verfälscht waren, dürfte den durchschnittlichen Wähler im Mittleren Westen kaum interessieren, da Gegendarstellungen weitgehend fehlen.

McCain als leidlich erfolgreicher Rattenfänger

Ohnehin scheint es McCain viel zu gut zu gelingen, das Publikum mit unscheinbaren Ködern erfolgreich zu locken. So einer zum Beispiel:

You know, we spent $3 million to study the DNA of bears in Montana.

I don’t know if that was a criminal issue or a paternal issue, but the fact is that it was $3 million of our taxpayers‘ money.

And it has got to be brought under control.

Man habe also (unsinnigerweise) 3 Millionen Dollar für die Erforschung von Bären-DNA ausgegeben. So etwas müsse aufhören.

Taktisch bedeutet das nichts anderes als: Seht her, ich bin gegen Verschwendung von Steuergeldern, denn ich will nicht zulassen, dass Geld für so unsinniges Zeug ausgegeben wird. Dabei vertraut McCain auf den Umstand, dass niemand einschätzen kann, was es mit DNA-Forschungen bei oder für Bären auf sich hat. Es hört sich hinreichend „weltfremd“ an, um sich mit dem Steuerzahler solidarisieren zu können.

Weiterhin vertraut McCain darauf, dass niemand in den Sinn kommt ihm entgegen zu schleudern, wie zur Hölle er über ein völlig irrelevantes 3-Millionen-Forschungsprojekt reden könne – über das er ebensowenig Bescheid weiß wie der Durschnittswähler – wo wir gerade über eine 700 Milliarden Steuerpaket reden? Ob er jemanden für dumm verkaufen wolle?

Das ist mit anderen Worten kalt berechnete und inhaltslose Rhetorik, die so lange gut geht, wie es ihm abgekauft wird. Für dieses mal ist es ihm gelungen.

McCain warf Obama Naivität in Sachen Rußland vor und zeigte sich entschlossen, mit dem nötigen Stehvermögen gegen jede russische Aggression vorgehen zu wollen.

Natürlich hatte es da Obama schwerer, wenn er dem Wähler erst Details zur Rußlandfrage darlegen muß, um den eigenen differenzierten Ansatz schmackhaft machen zu können. Obama hat sich dabei etwas weitschweifig und dozentenhaft geäußert, was bei den Zuschauern erfahrungsgemäß weniger gut ankommt.

Mehr Punkte konnte wiederum Obama beim heiklen Thema Irak sammeln. Taktisch gelungen waren seine regelmäßigen Satzabschlüsse mit „You were wrong!„. Eine derartige gebetsmühlenhafte Formulierung, sofern sie denn plausibel daherkommt, bleibt bei den Wählern am ehesten haften.

Auszug aus der Debatte zum Thema Irak & Afghanistan
(gut zu verstehen, da beide deutlich sprechen)

Gut zu erkennen der gegensätzliche Ansatz: McCain versucht den Erfolg der „surge“ (Truppenverstärkung) hervorzuheben, während Obama darauf besteht, den Krieg und damit die damalige Unterstützung durch McCain insgesamt als Fehler darzulegen:

https://de.youtube.com/watch?v=rbyFL6hQ4sc

Beim heißen Thema Finanzkrise bewegten sich beide Kandidaten äußerst vorsichtig und ließen sich auch durch den in diesem Punkt frustrierten Moderator Jim Lehrer nicht zu eindeutigen Aussagen zur Krisenbewältigung drängen.

Natürlich haben beide Lager den Sieg für sich proklamiert. Aber das ist ein Reflex und ohne Aussagekraft.

Unmittelbar nach der Debatte durchgeführte Umfragen wiesen einen leichten Vorteil für Obama aus:

An immediate telephone poll by CNN and Opinion Research Corp found 51% said Mr Obama had won, to 38% for Mr McCain.

A poll of uncommitted voters by CBS News found that 39% gave Mr Obama victory, 25% thought John McCain had won, and 36% thought it was a draw.

Das ist mit Sicherheit auch auf die unterschiedliche Körpersprache und Ausdruck der beiden Kandidaten zurück zu führen, wie clarionledger.com aus Mississippi präzise schildert:

McCain often shuffled his feet between answers [mit den Füßen hin und her rutschen]

Obama took few notes and watched McCain as he answered. [Obama machte sich nur wenig Notizen und beocbachtete McCain, wenn der antwortete]

McCain often appeared to be scribbling notes and focusing on the moderator. [McCain kritzelte of Notizen und konzentrierte sich auf den Moderator]

und Politico ergänzt, McCain habe zuversichtlich gelächelt, es habe allerdings blöde aufgesetzt gewirkt:

[McCain] smiled a lot, mostly when Obama was talking, though his smile was really more like a smirk.

Die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright jedenfalls meint in Obama den klaren Sieger zu erkennen:

Tonight was a breakthrough for Senator Obama, who showed himself truly ready to be president.

He responded knowledgeably, thoughtfully and confidently to the toughest questions on the economy, Iraq, and terror.

Meanwhile, Senator McCain spent so much time attacking his opponent, he neglected to show how a McCain-Palin administration would differ from Bush-Cheney.

Bei Fernsehduellen gilt die alte Regel: Der bislang in Umfragen Führende gewinnt die Debatte, wenn er sie nicht ausdrücklich verliert. Das ist in dem Fall Obama.

Die letzten Untersuchungen vor dem Duell zeigten hinsichlich der Wahlmänner einen deutlichen Vorspung Obamas:

— Schlesinger

Das Transcript zur Debatte finden Sie bei der New York Times.

(Photo: ClarionLedger.com)
(Grafik: Politico.com)