Humanitäre Lage in Gaza dramatisch

Israel wird eine humanitäre Notlage in Gaza nicht zulassen

erklärte Premier Ehud Olmert gestern:

Olmert further stated that Israel will not allow a humanitarian crisis to occur in Gaza.

„We will aid with food and medical supplies as any moral and enlightened country must.“

Die Worte scheinen Worte zu bleiben, denn seit dem Einmarsch der Landstreitkräfte nimmt die Lage in Gaza täglich, ja stündlich dramatischere Formen an.

Immerhin passieren heute weitere 80 LKW mit Hilfsgütern den Grenzübergang Shalom Crossing.

Ägypten verweigert Hilfe

Unverändert bleibt Ägypten passiv und hat enorme Anstrengungen unternommen, um die Grenze zu Gaza mit Polizei- und Armeekräften abzusichern, wie die Süddeutsche oder das ZDF heute berichten. Lediglich kleinere Mengen an Medikamenten können den Übergang Rafah nach Gaza hinein und wenige Schwerverletzte aus Gaza heraus passieren.

Auch Hilfskonvois, internationale Ärzteteams oder private Hilfslieferungen gelangen von Ägypten aus nicht nach Gaza:

“ […] weigert sich Ägypten nach wie vor, über seinen Grenzübergang in Rafah neben Medikamenten auch Lebensmittel durchzulassen. Mehr als 300 Tonnen Mehl, Zucker, Dosenfleisch und Fisch aus Russland, Qatar, Saudi-Arabien, Libyen, Jordanien, Iran und Algerien lagern inzwischen im Fußballstadion der 40 Kilometer von der Grenze entfernten Stadt El Arish.

Am Samstag wurde ein russischer Konvoi, der Zelte und Decken geladen hatte, von den ägyptischen Behörden an der Grenze zurückgewiesen. Auch Ärzteteams aus Griechenland und der Türkei, die vor dem Grenzterminal warten, dürfen nicht nach Gaza einreisen.“

Berichte aus Gaza und Sderot

Eine kanadische Arzthelferin berichtet aus Gaza:

What strikes me more now, more than the dismembered [zerrissene] and burned corpses [verbrannte Leichen] I saw two nights ago, more than the intensity of the missiles hitting all around us last night and the feeling that at any moment, Israeli special forces soldiers could enter shooting… was the panic on residents faces.

Panic fleeing, panic trying to flag an ambulance for the wounded [die panisch versuchen, per Fahnenzeichen eine Ambulanz zu sich zu rufen], the dead, panic even in the ambulance drivers and teams.

They’ve seen a lot, many have done this work for a decade or more, but this is far, far worse than any have seen, or imagined, they tell me.

In the morning light, as our ambulance tries to reach another wounded, I see new streams of women, children and men, carrying some few possessions.

Welche Wirkungen der permanente Raketenterror der Hamas mit sich bringt, spiegelt der Bericht eines Arztes aus der häufig getroffenen Stadt Sderot:

Dalia Yosef, director of the Sderot Hosen Center, explains that the constant rocket fire upon Sderot has created a state of stress and panic that has dramatically impacted the development of young Sderot children.

Yosef and the clinical psychologists who work with her, counsel Sderot children from the ages of one to 18, offering treatment for a wide variety of issues.

„It is important to note,“ says Yosef, „that these Sderot children have been born into a reality of constant rocket fire. The world, as it appears to them, is unsafe and scary, full of insecurity and chaos. Their sense of security has been shattered by the continuous rocket attacks.“
„These children develop symptoms of PTSD early on, suffering from sleeping disorders, nightmares and anxiety attacks. Many experience regression, going back to wetting their beds,“ says Yosef.

Those children whose parents suffer from signs of post traumatic stress disorder, have even more complicated issues. According to Yosef, children of parents diagnosed with PTSD sense that their parents cannot protect them. „These kids‘ problems are even more severe than kids whose parents are more psychologically stable,“ says Youssef.

In Sderot, 30% of adults have been diagnosed with PTSD.

Im Deutschlandfunk äußerte sich der Sprecher Fatah Nazzal plausibel zur humanitären Lage:

Was wir wissen ist, dass die Menschen keine Zufluchtmöglichkeit haben, denn alle Grenzübergänge sind geschlossen, und das ist nicht normal in einer Kriegssituation […]

Heinlein: Droht eine humanitäre Katastrophe im Gaza-Streifen?

Nazzal: Absolut! Das ist denkbar, das ist vorstellbar. Gaza wird zu einem zweiten Grosny.

Es könnte sein, dass auch Massaker stattfinden, denn wie kann man sich vorstellen, dass ein Krieg im Zentrum einer Stadt, die die dichtest bevölkerte in der Welt ist, aussehen soll.

Es gibt die Möglichkeit, dass die Lage der Menschen sich noch verschlechtert. Die medizinische Versorgung ist sehr schlecht. Es werden Körperteile von Verletzten amputiert für relativ einfache Verletzungen, weil es keine genügenden Betten in den Krankenhäusern gibt und weil es kein Versorgungsmaterial gibt.

Interessanterweise nimmt Nazzal die Hamas – die seiner Organisation gegenüber zweifelsfrei wenig nachsichtig ist – gegenüber der westlichen Presse in Schutz:

Ich habe die Berichterstattung westlicher Medien beobachtet und ich habe festgestellt: die Berichterstattung westlicher Medien über diesen Krieg könnte ein Teil eines israelischen Informationsministeriums sein. Das Motto westlicher Berichterstattung besteht darin, dass die Hamas eine Terrororganisation sei.

Das mag aus politisch-diplomatischer Sicht verständlich sein, da sich die Fatah als die derzeit stark unterlegene Fraktion der Palästinenser langsam regenerieren muss und daher die Hamas milde stimmen möchte. Ob diese Vorgehensweise erstens zielführend ist und zweitens auch nur annähernd die Realität abbildet darf bezweifelt werden.

— Schlesinger

(Photo: ingaza.wordpress.com)

Bericht zur Antikriegs-Demonstration in München hier.