Audiatur: Hasbara aus der Schweiz

Audiatur Hasbara
Vorwurf: Israel stiehlt Wasser

Audiatur et altera pars“ ist lateinisch und bedeutet so viel wie „Man höre auch die andere Seite„.

Die Schweizer Webseite audiatur-online hat sich diesem Motto in Bezug auf Israel verschrieben. Sie will mit qualitativ hochwertigen Beiträgen zu einem wahreren Bild zu Israel beitragen. Das klingt ebenso ehrenhaft wie vielversprechend.

Nach der Lektüre einiger Artikel habe ich ein vorläufiges Fazit gezogen. Die Audiatur ist nichts anderes ist als eine eine auf journalistischen Hochglanz polierte Plattform für israelische Propaganda, auch Hasbara genannt.

Immerhin: Sehr schweizerisch, also diskret und stilistisch vornehm im Auftritt, und mit so vielen honorigen Namen bestückt wie möglich.

Auf der momentanen Startseite findet sich ein Kommentar über eine relativ aktuelle Abstimmung der Vereinten Nationen, die von Israel eingebracht wurde.

Nun weiß jeder, daß es über Israel viel mehr negative als positive Abstimmungsergebnisse in den Generalversammlungen der Vereinten Nationen gibt. Gerade hat Israel aber eine Resolution zum Thema „Verbesserung der Landwirtschaft, der Bewässerung und der Wassernutzung“ zur Abstimmung vorgelegt, die angenommen wurde.

Die Audiatur kommentiert das zunächst süffisant mit

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Die Vereinten Nation haben sich mehrheitlich für eine von Israel eingebrachte Resolution entschieden.

Besonders ausführlich werden dann die Vorzüge beschrieben, die Israels Wasserwirtschaft im Land bewirkt.

Was effiziente Wassernutzung in Israel anbelangt, ist jedes Lob ohne Einschränkung gerechtfertigt. Israels Techniker exportieren zurecht ihr Wissen zur optimalen Nutzung begrenzter Wasser-Ressourcen. Anfang der Neunziger war ich beeindruckt von den üppigen Gemüse- und Obstplantagen in der ansonsten auffallend trockenen Ebene des Jordantals. Das war nur möglich durch äußerst sparsame Tröpfchen-Bewässerung. Israel war innovativ und führte früh in dieser Technik. Großartig!

Im Audiatur-Artikel folgt leider dieser bemerkenswerte Satz:

Dass Israel heute langfristig über ausreichend Trinkwasser verfügt und selbst die arabischen Nachbarn mitversorgen könnte – wenn sie sich kooperativ zeigen würden – grenzt an ein Wunder.

Sehen wir großzügig über den irgendwie obligatorischen Seitenhieb auf die vermeintlich nicht kooperativen arabischen Nachbarn hinweg.

Wasservorkommen in Israel

Interessanter ist der Satzanfang: Israel verfügt über ausreichend Trinkwasser.

Das ist erklärungsbedürftig. Denn tatsächlich verfügt das israelische Kernland Israels (in den Grenzen von 1967) nicht über ausreichend Vorräte an Trinkwasser.

In diesem Gebiet gibt es nur zwei nennenswerte Wasserquellen. Die eine verläuft als Grundwasser-Vorrat entlang der Küstenlinie. Die zweite Ressource entspringt den Höhenzügen im Nord-Osten des Landes als Oberflächenwasser. Daraus speisen sich der See Genezareth und der Fluß Jordan.

Aus der folgenden Karte wird ersichtlich, wo das mengenmäßig viel wichtigere Grundwasser herkommt und welche Wege es nimmt:

Helles Gebiet links und oben: israelisches Kernland
Hellblaues Gebiet: palästinensisches Westjordanland
Blaue Pfeile: von wo nach wo das Grundwasser strömt
Quelle: Fanack

Die Grundwasser-Ressourcen zeigen auf einen Blick: Das meiste Wasser stammt aus palästinensischen Gebieten.

Das Entscheidende: Die Hoheit über den Großteils dieses Wassers hat die israelische Wassergesellschaft Mekorot. Das hat zum Teil seine rechtliche Grundlage in den sogenannten Oslo-Friedens-Verträgen zwischen Israel und den Palästinensern.

In der Praxis wichtiger aber sind die vielen militärisch-administrativen Beschränkungen, die die Besatzungsmacht Israel in der palästinensischen Westbank ausübt: Genehmigungsverfahren für Brunnen werden verschleppt, die Genehmigungen werden nicht erteilt oder erteilte Genehmigungen werden zurück gezogen, weil die Quelle in einer plötzlich eingerichteten israelischen „Schieß-Zone“ liegt.

Richtig ist, dass es auf palästinensischer Seite in Bezug auf Wasserwirtschaft einen haarsträubenden Schlendrian gibt bis hin zu schierer administrativer Unfähigkeit und Korruption. Das ändert aber nichts am grundsätzlichen Machtgefälle zwischen der israelischen Besatzungsmacht und den Palästinensern.

Einen ganz besonderen Beitrag leisten übrigens radikale jüdische Siedler in der Westbank, die Quellen von palästinensischen Bauern wahlweise zerstören oder einfach gewaltsam in Besitz nehmen. Diese zahlreichen Aktionen tauchen in keiner Statistik zum Thema Wasser auf. Solche Aktivitäten werden von der Regierung stillschweigend unterstützt, da sie dem nationalen Interesse dienen: Der Verdrängung der Palästinenser.

Unterm Strich ergibt sich folgendes hässliches Verhältnis in Bezug auf den Wasserverbrauch von Israelis und Palästinensern:

Israelis: 240-300 Liter. Palästinenser: 73 Liter
Quelle: UN OCHA / Al Jazeera

Schluß

Der kritisierte Blog-Beitrag der Audiatur stammt aus der Feder eines Godel Rosenberg. Den dortigen Angaben zufolge war er früher u.a. Pressesprecher von Franz Josef Strauß, Fernsehjournalist, TV­-Moderator und Repräsen­tant des Daimler­-Konzerns in Israel sowie Repräsentant Bayerns in Israel.

Spitzt man diese Biografie geringfügig zu könnte man sagen: Der Autor war Lobbyist von Strauß, Lobbyist der CSU, Lobbyist von Mercedes und ist nebenbei auch Lobbiyst Israels.

Die Audiatur / Herr Rosenberg hätten sich darauf beschränken können die technischen Errungenschaften Israels zu loben. Daran gäbe es nichts auszusetzen. Aber es musste unbedingt wieder vermischt werden mit dem politischen Ziel die Rechte der Palästinenser zu verleugnen.

Die Audiatur möchte einen Blick in die Schweizer Verfassung werfen:

Das Schweizervolk […]
gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen

Das Wohl der Schwachen: Das gilt selbst innerhalb des israelischen Turbo-Kapitalismus nicht viel, wie die landesweiten Massenproteste in Israel im Jahr 2011 gezeigt haben. Wie soll dann das Wohl der Schwachen für die palästinensischen underdogs gelten?

Die in Israel staatlich (!) eingerichtete Propaganda / Hasbara hat mit der Audiatur vermutlich nur einen weiteren kleinen Außenposten eingerichtet. Oder: Die Audiatur leistet freiwillige Liebesdienste, wie sie FOX NEWS oder BREITBART für US Präsident Trump leisten. Nur freundlicher, wir sind ja in der Schweiz.

Vorschlag für eine passendere lateinische Umbenennung der Audiatur: Solum audire sententiam Israelae.

Übersetzt: Man höre nur die Meinung Israels.

— Schlesinger

Titelbild: Screenshot der israelischen Tageszeitung Haaretz zum Vorwurf des französischen Parlaments, Israel betreibe in Bezug auf Wasser eine Apartheid-Politik