Vor 70 Jahren: Weizmann wird 1. Präsident Israels

Chaim Weizmann 1. Präsident Israels
Chaim Weizmann 1. Präsident Israels

Dr. Chaim Weizmann wurde in den frühen Morgenstunden des 17. Februar 1949 zum ersten Staatspräsidenten von Israel gewählt.

Sein Kontrahent war Professor Yosef Klausner, dessen Kandidatur von der rechten Cherut-Partei unterstützt wurde.

Weizmann konnte die Wahl mit 83:15 Stimmen für sich entscheiden.

Raus aus der Diaspora!

Chaim Weizmann war einer der führenden Zionisten seiner Zeit.

Seine Jugend verbrachte er in der Nähe des russischen Pinsk. Die Atmosphäre in einem jüdischen „Shtetl“ war ihm ebenso vertraut wie verhasst. Nachdem er ein erstes Jahr in Berlin verbracht hatte, schrieb er über seine Shtetl-Vergangenheit:

Ich habe das alles inzwischen ziemlich satt […] und ich warte nur auf den glücklichen Tag, der mich von den Juden von Pinsk befreit und mich nach Berlin bringen wird […]

Es gibt [im Shtetl] überall einen depressiven, langweiligen Geisteszustand […]

Die Monotonie wird nur gelegentlich unterbrochen, wenn man sich der Empörung über die Leere und Bosheit unserer führenden Juden, ihrer Sklaverei und Dienerhaftigkeit hingibt.

Es scheint mir, dass der Golus* auf niemanden einen so schädlichen Einfluss hatten wie auf die Juden von Pinsk.

Übers. aus: Jehuda Reinharz, Chaim Weizmann: The Shaping of a Zionist Leader before the First World War, Journal of Contemporary History Vol. 18, No. 2 (Apr., 1983) S. 207

* Golus: Die von Nathan Birnbaum ins Leben gerufene jüdische Bewegung, die eine Stärkung der jüdischen Diaspora zum Ziel hatte. Sie war daher im Grunde eine Bewegung, die dem Zionismus entgegen gesetzt war.

Weizmann sah die Lösung des jüdischen Problems in einem eigenen Staat, nicht in der Diaspora.

Nachdem er in Deutschland Chemie studierte ging er nach England und wurde britischer Staatsbürger. Eine kriegswichtige Erfindung sicherte ihm Ruhm und Einfluß.

Mit der Balfour-Erklärung von 1917 verpflichtete sich England die Gründung einer „jüdischen Heimstätte“ zu unterstützen. Das schien eine britisch-zionistische Allianz zu gründen. Die Heimstätte sollte in Palästina sein. Weizmann wurde in England zu dem vielleicht wichtigsten Fürsprecher der zionistischen Sache.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es in Palästina allerdings zu nicht überwindbaren Gegensätzen zwischen der britischen Mandatsmacht und den jüdischen Zionisten.

England wollte eine massenhafte jüdische Einwanderung verhindern. Das Öl des Mittleren Ostens und damit die Beziehungen zu den Arabern waren wichtiger als die Verpflichtungen aus der Balfour-Erklärung. Dem gegenüber waren die Juden Palästinas und Europas aus lebenswichtigen Gründen an einer unbeschränkten Immigration interessiert.

Dieser Konflikt war für den England-Freund Weizmann wahrscheinlich eine der größten Enttäuschungen seines Lebens.

Wie sehr sich Weizmann zu England zugehörig fühlte zeigt ein Brief aus dem Jahr 1902:

Wie Sie wissen, möchte ich in 3-4 Jahren nach Palästina gehen. Aber ich will nicht nach Palästina gehen, wenn ich hier nichts zu verlieren habe, sondern im Gegenteil, nachdem ich hier alles erreicht habe.

Dieses „alles“ besteht aus zwei Dingen: Einer ordentlichen Professur und der Zulassung zur Royal Society […]

Ich werde Ihnen nicht verhehlen, dass ich noch ein weiteres Ziel habe – der englische Konsul in Palästina zu werden.

Ebd. S.223

White Paper von 1938

1938 wollten die Briten das sogenannte „White Paper“ heraus bringen. Darin sollte die jüdische Einwanderung stark begrenzt werden. Weizmann versuchte den britischen Premierminister Sir Neville Chamberlain davon abzubringen.

Zu diesem Treffen schrieb Weizmann in seinen Erinnerungen:

Erneut beschritt ich die Via Dolorosa zur Downing Street.
Ich appelierte einmal mehr an den Premierminister das White Paper nicht heraus zu bringen. […]

Der Premierminister saß vor mir wie eine Marmorstatue. Seine ausdruckslosen Augen starrten mich an, aber er sagte kein Wort. […]

Er war geneigt die Araber zu beschwichtigen.

Übers. aus: Chaim Weizman, Trial and error. Chapter „The White Paper“, S.410

Das Weißpapier kam heraus, und der Konflikt trat offen zutage. Selbst im Angesicht der Nazi-Gräuel ließ England die Pforten Palästinas weitgehend geschlossen.

Nach dem Krieg unternahmen die Zionisten alles, um die britische Mandatsmacht aus Palästina zu drängen. Das gelang.

England übertrug die Entscheidung über Palästina an die neu gegründeten Vereinten Nationen. Dort wurde im November 1947 beschlossen Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu trennen.

Zu diesem Zeitpunkt war Weizmann im Machtkampf innerhalb der zionistischen Führung längst dem robusteren David Ben-Gurion unterlegen.

Während Weizmann stets für eine Diplomatie der kleinen Schritte eintrat, wollte Ben-Gurion immer möglichst kraftvoll voranschreiten.

Weizmann verachtete die terroristischen Aktivitäten des jüdischen Untergrunds, während Ben-Gurion sie zwar offiziell verurteilte, aber im Grunde für nützlich hielt.

Weizmann wollte die Allianz zu England wieder beleben, trotz aller Feindseligkeiten nach dem Weißpapier. Ben-Gurion hatte England mehr oder weniger aufgegeben und suchte die Nähe zu den Großmächten Rußland und USA.

Mit der Staatsgründung am 14. Mai 1948 wurde David Ben-Gurion faktisch Premierminister* und damit der mächtigste Mann im Staat.

Für Weizmann blieb nur die Ehrenposition des Staatspräsidenten. Die langen Kämpfe hatten ihn bereits ermüdet.

— Schlesinger

Photo: Auszug vom Titelblatt der Palestine Post v. 17. Februar 1949

*Die Wahlen fanden erst Februar 1949 statt. Ben Gurion wurde aber mit der Staatsgründung Vorsitzender der provisorischen Regierung und damit de facto Premierminister.

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