Israelische Kriegsverbrechen? So langweilig wie ein umgefallener Sack Reis in China

Wie ein Sack Reis in China ...
Vergewaltigung: Wie ein Sack Reis in China ...

Während der Unruhen am Gazastreifen in den vergangenen Wochen haben israelische Scharfschützen gut geschützte Positionen hinter dem gesicherten Grenzzaun bezogen.

Von dort aus haben sie auf der anderen Seite des Zauns demonstrierende unbewaffnete Palästinenser gezielt getötet. Unter den Getöteten waren Krankenschwestern, Kinder, Frauen und ein Rollstuhlfahrer.

Der israelische Premierminister Netanjahu und sein rechtsradikaler Außenminister Lieberman haben trotzdem wieder von ihrer „moralischsten Armee der Welt“ geschwafelt.*

Es gibt viele, nein: Sehr viele, nein: Unzählige gut dokumentierte Berichte über Kriegsverbrechen- und Völkerrechtsvergehen der israelischen Armee seit ihrer Gründung  im Jahr 1948.

Um an einem drastischen Beispiel zu zeigen, wie absurd die Formulierung „most moral army“ ist, habe ich einen Bericht der israelischen Tageszeitung Haaretz aus dem Jahr 2003 zusammengefasst. Der Aufhänger der Haaretz lautete:

Neu veröffentlichte Dokumente von Haaretz schildern die lange verborgen gebliebene Geschichte von etwas, das [Staatsgründer] Ben-Gurion eine „entsetzliche Grausamkeit“ nannte:

Im August 1949 nahm eine IDF-Einheit ein Beduinenmädchen gefangen, hielt sie in einem Negev-Außenposten fest, vergewaltigt sie, richtete sie anschliessend auf Befehl des kommandieren Offiziers hin, und verscharrte sie in einer Grube in der Wüste.

Zwanzig Soldaten, die an der Episode beteiligt waren, einschließlich des kommandieren Offiziers, wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und ins Gefängnis gebracht.**

Dieser Vorgang fand demnach zu einer Zeit statt, in der die junge israelische Armee schon „Erfahrungen“ gesammelt hat mit der hundert-tausendfachen Vertreibung von Arabern aus Palästina.

Diesen Bericht kannte ich zuvor noch nicht. Ich war tatsächlich schockiert, weil ich schon viele Berichte über israelische Kriegsverbrechen kannte, aber eine brutale Serienvergewaltigung nach vorangegangenem Schabbat-Segensspruch durch den Kommandeur und abschliessender Hinrichtung des Mädchens doch aus dem Rahmen fällt.

Natürlich gefallen solche Berichte nicht allen. Schon gar nicht Leuten die es für partout unmöglich halten, dass ihre Armee genau das tut, was man ansonsten bei anderen zutiefst verachtet.

Einen Kommentar auf Facebook zu diesem Bericht fand ich besonders bemerkenswert.

Eine deutsche Frau mit einem wahrscheinlich deutsch-jüdischem Namen, deren Facebook-Seite echt zu sein scheint, und die ihren dort geposteten Photos zufolge vielleicht 60 Jahre alt ist hat geschrieben:

Vor 50 Jahren ist in China ein Sack Reis umgefallen.

Ein Reiskorn wird bis heute vermisst.

Das wäre mal ein Bericht und ne Schlagzeile wert.

Eine Frau liest also einen Bericht über die Vergewaltigung eines Mädchens, das anschliessend erschossen und in der Wüste namenlos verscharrt wird, und findet das sei so interessant wie das denkbar Un-Interessanteste überhaupt?

Das Wesentliche, das ein bisschen Furchteinflössende an der Antwort dieser Dame besteht in dem nicht Gesagten: Sie sagte  ja gerade nicht, dass der Bericht erfunden und unwahr sei. Sie scheint akzeptiert zu haben, dass sich eine der renommiertesten Tageszeitungen Israels so eine umfangreiche und auf Gerichtsdokumenten beruhende Geschichte kaum erfunden haben kann.

Der Kommentar der Dame bedeutet daher im Grunde folgendes: „Ja und? Dann wurde vielleicht ein unnützes Araber-Weib von unseren edlen Soldaten benutzt, und anschliessend entsorgt. Wen interessiert es?“

Vergewaltigung für israelische Soldaten erlaubt

Damit steht sie nicht alleine da.

Denn immerhin meinte der frühere Ober-Rabbiner der israelischen Armee, Oberst Eyal Karim, dass sexueller Missbrauch in Kriegszeiten erlaubt sei:

Da im Krieg der Sieg unser Ziel ist, erlaubte die Tora unter diesen Umständen dem Individuum, den bösen Drang zum Zwecke des Erfolges des Ganzen zu befriedigen.*

Die Dame von Facebook also teilt lediglich die Moral des früheren Oberrabbiners der israelischen Armee.

Damit muss sie ja auf der richtigen Seite stehen.

Und die Moral von der G’schicht mit der Facebook-Dame: Zuerst kommen die eigenen Leute. Egal wie realitätsfern und ideologisch verklärt das Bild der Eigenen ist. Dann kommt die notdürftig aufgeklebte Moral. Und dann, ganz spät oder nie kommen die Anderen. Falls sie noch leben.

— Schlesinger

* most moral army

** Übersetzung aus dem engl. durch mich

Photo: elle (Flickr CC Lizenz)