Frank Schätzing und der Nahe Osten

Herr Schätzing mag den Bulldozer
Herr Schätzing mag den Bulldozer

Die Breaking News des Herrn Schätzing

Bestseller-Autor Schätzing hat ein Buch mit dem Titel Breaking News geschrieben.

Darin geht es um den Kriegsberichterstatter Tom Harding, der nach einem Knick in seiner Karriere Nahost-Korrespondent wird und sogleich einer Verschwörung auf die Schliche kommt.

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagt Schätzing, zu Beginn dieser Arbeit habe er über den Nahen Osten auch nicht mehr gewusst als jeder andere auch. Da sei ihm klar geworden, daß er sich „viel Wissen anfüttern musste, um die Story überhaupt schreiben zu können.“ Er „wollte endlich die Hintergründe verstehen“.

Die Seligsprechung des Ariel Scharon

Der inzwischen verstorbene frühere Ministerpräsident Scharon spielt im Roman eine zentrale Rolle. Dazu kam es so: Schätzing hat sich vor drei Jahren mit Freunden über den Nahostkonflikt und Scharon unterhalten.

Schätzing hat Scharon offenbar zugetraut, eine friedliche Lösung des Nahost-Konflikts herbei zu führen.* Aber genau in der Zeit, in der Scharon nach Auffassung von Schätzing dabei war den Konflikt zu lösen „hatte er diese Hirnblutung. Und plötzlich dachte ich: Klar. Das war ein Anschlag.“

Schätzing meint, Scharon habe eine „180-Grad-Wende […] vollzogen“, und wurde vom Falken zur „Taube par excellence„. Der Autor: Das ist „die komplette Metamorphose, die ich jemals gesehen habe bei einem Politiker, aber ich glaube, sie kam auch aus Überzeugung.“ Aus diesem Grund ist Scharon ihm „ans Herz gewachsen“.

Frank Schätzing kann mehr als die meisten Beobachter der Lage: Er kann ins Innerste von Ariel Scharon blicken und dessen wahre Motive erkennen.

Und stimmt Schätzings Annahme mit der Wandlung vom Falken zur Taube etwa nicht? Hat nicht Scharon den israelischen Abzug aus Gaza angeordnet? Das hat seinerzeit nicht nur Frank Schätzing beeindruckt, sondern viele im Westen.

Man hat aber nicht die Hintergründe dieses Schachzugs verstanden: Viel israelische publicity für die Medien (Soldaten, die schreiende und weinende Siedler aus ihren Häusern zerren), aber freie Hand dort, wo man sie in den nächsten Jahre benötigt. Scharon hatte andere Prioritäten. In Gaza gab es einfach nichts zu holen. Wichtig war damals und ist heute nur eins: Die großen Siedlungsprojekte in der arabischen Westbank. Vor allem das Mamutprojekt E1 im Osten von Jerusalem.

Den einzigen Sinn  und Zweck des Abzugs aus Gaza hat Dov Weisglas beschrieben, die damalige graue Eminenz hinter Scharon: Mit dem Rückzug aus Gaza habe man lediglich den Friedensprozess in Formaldehyd einlegen wollen. Das Kalkül ging auf: „Schaut, wir ziehen einseitig aus Gaza ab, weil man mit den Palästinensern nicht verhandeln kann. Und deshalb machen wir ab sofort was wir für richtig halten.“ Das nannte sich dann „Entkopplung“.

Die Kriege Israels

Ein Interviewer des Deutschlandfunk wollte von Schätzing wissen, was er hinzugelernt habe nach der Beschäftigung mit der Thematik.

Schätzing sagte: „Der Nahe Osten ist die Stellschraube des Weltgeschehens, das muss man schon so sehen.“

Er habe gelernt die Dinge differenzierter zu sehen. Man würde immer in Systemen denken, die gegeneinander stünden. Aber im wirklichen Leben, vor Ort, gebe es nur einzelne Menschen. Und die seien alle sehr unterschiedlich in ihrer Haltung. Angesichts dieses Umstands „zerfällt jedes Schema von Gut und Böse“.

Bei solchen Sätzen können sich dem Leser schon ein paar Fragen aufdrängen. Ist der Nahe Osten tatsächlich der Dreh- und Angelpunkt des Weltgeschehens? Kurz beantwortet: Nein. Für Argentinien oder die Ukraine oder Südkorea gibt es wirklich Wichtigeres als Israel.

Zurück zum Buch. Die Thriller-Elemente in Breaking News hat der Autor verwoben mit den historischen Großereignissen Israels, so zum Beispiel den „Unabhängigkeitskriegen„.

Plural? Manche Leute haben schon ein Problem damit, den Krieg von 1947/48 als den „Unabhängigkeitskrieg“ Israels anzusehen. Denn einiges spricht dafür, dass es ein willkommener Krieg war, durch den man sich Teile Palästinas aneignen konnte, die vom UN-Teilungsplan vom November 1947 nicht für Israel vorgesehen waren.

Schätzing spricht von Unabhängigkeitskriegen. Damit kann nichts anderes gemeint sein, als einen oder mehrere der weiteren arabisch-israelischen Kriege in die Schublade zu packen, die beschriftet ist mit „kleines Israel von großen bösen Arabern angegriffen.“

Damit betätigt sich Herr Schätzing auf dem Gebiet der Geschichtsklitterung, um ein böseres Wort zu vermeiden.

Denn schon der nächste Krieg nach 47/48, also der Suez-Krieg von 1956, war ein von Israel, Frankreich und England geplanter Angriffskrieg, der de facto auch gegen die laufenden amerikanischen Verhandlungsbemühungen gerichtet war.**

Der Sechstagekrieg war ein Angriffskrieg

Und der folgende sogenannte „Sechstagekrieg“ von 1967 war ein weiterer Angriffskrieg Israels, den man allenfalls aus psychologischen Gründen rechtfertigen kann als Präventivkrieg. Die bombastischen verbalen Drohungen des ägyptischen Präsidenten Nasser nahm Israel zum Anlass, Ägypten vernichtend zu schlagen.
 
Die CIA hatte nebenbei gesagt in einem Lagebericht darauf hingewiesen, dass die ägyptische Truppenpräsenz auf dem Sinai defensiven Charakter hat und Israel im übrigen in der Lage sei, binnen 24 Stunden die Lufthoheit über den ägyptischen Sinai zu erlangen, wenn Israel selbst der Angreifer sei, oder aber binnen 2-3 Tagen, wenn es von Ägypten angegriffen werde:

1967 CIA Lagebeurteilung Israel
1967 CIA Lagebeurteilung Israel

Der ehemalige israelische Botschafter in den USA, Michael B. Oren, fasste zusammen:

By all reports Israel received from the Americans, and according to its own intelligence, Nasser had no interest in bloodshed.

Der spätere Ministerpräsident Yitzhak Rabin meinte gegenüber Le Monde:

I do not think Nasser wanted war. The two divisions he sent to the Sinai would not have been sufficient to launch an offensive war. He knew it and we knew it.

Militärisch gab es also keinen Grund  für einen Angriff. Politisch sehr wohl. Wie sich zeigte, wurde der Krieg zum großen Erfolg. Man hatte sich den Sinai, Gaza, den Golan und die Westbank einverleibt.

Wie meinte Schätzing in Bezug auf Sachkenntnis: „Insofern bevorzuge ich es eigentlich, vielleicht ein paar Details weniger zu kennen, aber dafür die Zusammenhänge.

Das scheint doch gründlich daneben gegangen zu sein. Aber um seines Buchs willen stilisiert er ausgerechnet den „Bulldozer“ Scharon zum Friedensstifter.

So wird „Wirklichkeit geschaffen„, wie Schätzing selbst sagt: Journalisten (oder Leute wie er) wählen sich ihren Ausschnitt aus der Wirklichkeit und formen sie damit um.

Hätte er doch nur ein Märchen geschrieben. So ist er bloß eine schreckliche Neuauflage des pathetisch-verlogenen Leon Uris.

— Schlesinger

Dokument: CIA

Photomontage: Transatlantikblog

* Im SZ-Interview steht „Der Letzte, dem ich eine Lösung zugetraut hätte, wäre Ariel Scharon gewesen“, d.h. er hätte Scharon das zunächst nicht zugetraut. Im Deutschlandfunk-Interview (podcast) wird es klarer. Er hat Scharon tatsächlich zugetraut, die Lösung herbeizuführen.

Hinweis: Die Zitate von Schätzing sind entweder dem SZ-Interview („Ufos in Gaza“) oder dem Deutschlandfunk-Interview entnommen.

**

„Parallel zu den auf De-Eskalation zielenden Initiativen Washingtons fanden ab Anfang August hochrangige britisch-französische Gespräche zur Planung eines gemeinsamen Angriffes auf Ägypten statt. Man einigte sich – ohne jede Information an Washington – auf eine «Operation Musketeer», die zunächst die Zerstörung der ägyptischen Luftwaffe und danach die Besetzung der Kanalzone vorsah. Gleichzeitig wurde damit begonnen, eine gewaltige alliierte Armada in Malta und Algier zusammenzuziehen.

Während Eden sich zunächst gegen eine nicht mit den USA abgestimmte Intervention sträubte, drängte Frankreich auch wegen der Unterstützung des algerischen Widerstandes durch Nasser auf eine gewaltsame Lösung. In Gesprächen mit der Regierung in Tel Aviv versprach Paris die Lieferung von Waffen, verlangte aber als Gegenleistung einen Angriff Israels auf Ägypten.

Die Regierung Ben Gurion verfolgte Nassers antiisraelische Tiraden, das Waffenlieferungsabkommen Kairos mit Prag und die Vorbereitungen Ägyptens und Jordaniens für einen gemeinsamen Waffengang gegen Israel mit grosser Sorge. Ausserdem mehrten sich Terrorangriffe von palästinensischen, von Ägypten aus operierenden Fedayin-Kämpfern. Vor diesem Hintergrund war Tel Aviv zu einer Teilnahme an der «Operation Musketeer» bereit.“ (NZZ)
 

Protokoll von Sevres

Der israelische Historiker Avi Shlaim über die Geheimprotokolle von Sevres, die von den drei Angreifern vereinbart wurden:

„On 24 October 1956, in a private villa in Sèvres on the outskirts of Paris, representatives of the British, French, and Israeli governments, at the end of a three-day meeting which was concealed behind a thick veil of secrecy, signed a most curious document which later came to be known as the Protocol of Sèvres.

The document set out in precise detail the plan of the three governments to attack Egypt.  The plan, in a nutshell, was that Israel would attack the Egyptian army near the Suez Canal, and that this attack would serve as the pretext for an Anglo-French military intervention.

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