Zur Ermordung von Jitzhak Rabin

Ermordung Jitzhak Rabin
Rabin : Frieden muss sein

Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem heutigen Premierminister Benjamin Netanjahu und der Ermordung von Jitzhak Rabin.

Wer ist Benjamin Netanjahu?

Benjamin „Bibi“ Netanjahu möchte als Mann des Friedens wahrgenommen werden.

Natürlich möchte er das. Er ist amtierender Ministerpräsident Israels. Das gehört dazu.

Er sagt oft und ausdrücklich, er wolle Frieden:

Der Staat Israel will Frieden.

Ich will Frieden

und möchte den Friedensprozess erneuern, um das zu erreichen.

Frieden, so meinte einmal der israelische Kriegsheld Moshe Dayan, erreiche man durch Gespräche mit dem Feind, nicht mit dem Freund.

Das setzt allerdings eine Bereitschaft für Gespräche mit dem Feind voraus. Man könnte auch sagen: Ein gewisses, minimales Vertrauen in die Gegenseite.

In seiner frühen Autobiografie „Ein Platz unter den Nationen“ schreibt Netanjahu sehr viel über die gerechte Sache des Zionismus. Und er schreibt mindestens so viel über die ungerechte Sache der Araber.

Gleich in der Einführung – also der Basis für alles Folgende im Buch – hält Netanjahu kategorisch fest:*

Tatsächlich ist die Lüge die Haupt-Waffe der Araber in ihrem jahrzehntelangen Kampf gegen die jüdische nationale Heimat.

So etwas hat der als hart und fintenreich bekannte Moshe Dayan nie über die Araber gesagt…

Kann und will einer mit jemandem reden, den er von vornherein als Lügner betrachtet? Nein. So einer will gar nicht reden. Netanjahu hat die Schublade längst beschriftet. „Lügner“ steht drauf, und „Araber“ steckt drin.

Falls ein Leser von Netanjahus Autobiografie im Lauf der Lektüre des Buchs übersehen haben sollte, was es mit den Arabern auf sich hat, wird das Kapitel über die Friedensaussichten eröffnet mit:

Hier angekommen werden sich die Leser fragen, ob Frieden überhaupt möglich ist in diesem nahöstlichen Morast von Verdorbenheit und Falschheit, wenn arabische Politik derart veranlagt ist für Gewalt und Streit.

Das ist natürlich ein hübscher, eingängiger Befund für den „einfachen Mann“, der nichts dabei findet, wenn pauschal über andere hergezogen wird. Dabei ist es Hetzpropaganda übelster Art, wie sie auch vom israelischen Schmalz-Autoren Leon Uris für ein 50-Millionen-Publikum praktiziert wurde.

Da für Netanjahu also feststand – und letztlich bis heute feststeht -, dass man mit den Arabern gar nicht reden kann, dann  muss er wissen wie man mit ihnen umgeht. Das weiß Netanjahu: Stark sein! Genauer: Übermächtig sein.

Über den „harten“ Netanjahu gäbe es sehr viel zu sagen, aber sein Beitrag zum Tod des früheren Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin zeigt wahrscheinlich am eindrücklichsten, wer dieser „Mann des Friedens“ wirklich ist.

Netanjahu der Totengräber von Jitzhak Rabin?

Ein Blick zurück in die Mitte der Neunziger Jahre. Der sogenannte Oslo-Friedenprozess war im Gang. Die Palästinenser unter dem PLO Vorsitzenden Jassir Arafat und die israelische Seite unter Ministerpräsident Jitzhak Rabin hatten nach geheimen Verhandlungen einen ersten Schritt Richtung Frieden getan und im September 1993 unter der Schirmherrschaft von Bill Clinton das sogenannte Interimsabkommen geschlossen.

Der junge Benjamin Netanjahu war damals als israelischer Diplomat in den USA tätig. Für ihn war dieser „Friedensprozess“ das Schlimmste, was Israel und ihm passieren konnte. Für Netanjahu waren die Palästinenser Todfeinde. Sie waren schuld am Tod seines geliebten Bruders Yoni, der beim Anti-Terroreinsatz von Entebbe 1976 ums Leben kam.

Nein: Für Netanjahu waren und sind die Palästinenser das Böse an sich. Da durfte und da darf es kein Verhandeln geben.

Ministerpräsident Rabin war trotz aller innenpolitischen Widerstände weiter bemüht, den Friedensprozess voranzubringen. Dazu sprach er im Parlament von der Notwendigkeit territorialer Zugeständnisse gegenüber den Palästinensern.

Netanjahu gab dazu folgende Stellungnahme ab:**

Sie, Herr Premierminister, haben kürzlich eine widerwärtige Bemerkung fallen gelassen.

Sie sagten die Bibel sei nicht unser Grundbuch.

Ich sage: Die Bibel ist unser Grundbuch, unsere Vollmacht und unser Eigentumsnachweis.

Nur wenn wir die Äußerungen untersuchen, die Sie und Mitglieder Ihres Kabinetts gemacht haben verstehen wir erst richtig was Sie getan haben: Eine nie dagewesene Tat in der Geschichte der jüdischen Nation.

Es ist richtig, dass wir in der Vergangenheit besiegt wurden, ins Exil mussten und dazu gezwungen waren auf Teile unserer Heimat zu verzichten.

Es ist allerdings noch nie vorgekommen, dass Juden vorsätzlich, ja fröhlich Teile ihrer Heimat abgegeben und damit die Einsicht aufgegeben haben, dass wir ein Recht auf dieses Land haben.

Für Netanjahu war jede Annäherung an die Palästinenser widerwärtig.

Aus seiner Sicht war Rabin eine Art Handlanger Arafats. Ein Volksverräter.

Damalige Beobachter der Rede waren sich im Klaren darüber, dass sich „Bibi“ weniger an die Abgeordneten der Knesset gerichtet hat, sondern an seine aufgebrachte rechts-nationale Gefolgschaft.

SS-Mann und Verräter Rabin

Die politische Atmosphäre in Israel war extrem aufgeheizt zwischen 1993 und 1995, als „Oslo“ anfing.

Die Rechte und mit ihr die Siedler und manche Rabbiner hetzten gegen den Friedensprozess und gegen Rabin, beschrieb der damalige Büroleiter Eitan Haber:

Die Siedler, die Rechten haben in Rabins Politik einen Umsturz, eine Meuterei gegen den Willen Gottes gesehen, gegen ihre Weltanschauung.

Sie haben alle möglichen Aktionen gestartet gegen Rabin und seine Regierung und vor allem gegen das Oslo-Abkommen. […]

Rabin bekam tote Katzen geschickt, mit Fäkalien beschmierte Briefe, Briefe mit Nazi-Symbolen oder wüsten Beschimpfungen. Das war schrecklich.

Sie haben ihn „Verräter“ und „Mörder“ genannt und es gab schon vorher mindestens einen Attentatsversuch.

Die Gegner des Friedensprozesses und Rabins haben oft demonstriert. So auch an einem warmen Oktober-Abend 1995 in Jerusalem. Zu Tausenden haben sie sich auf dem Zions-Platz versammelt.

Auf einem Balkon stand Netanjahu und hat eine Rede gehalten gegen die Politik Rabins.

Rede Netanjahu gegen Rabin, vor dessen Ermordung
Rede Netanjahus gegen Rabin, vor dessen Ermordung: Rabin unterwerfe sich Arafat

Die Demonstranten haben Plakate hoch gehalten mit Jitzhak Rabin als SS-Mann, mit Rabin in Frauenkleidern, haben Photos von Rabin verbrannt und Poster geschwenkt mit der Aufschrift:

Rabin, Du Hund von Arafat

Hetzparolen vor der Ermordung Rabins
Hetzparolen vor der Ermordung Rabins: Mit Blut und Feuer werden wir Rabin vertreiben!

Die aufgebrachte Menge hat den Radikalen Benjamin Kahane – Sohn des Rechtsextremen Rabbi Meir Kahane – auf den Schultern getragen und geschrien:

Tod für Rabin! Nazi! Judenrat!

Der damalige Wohnungsbauminister Ben-Eliezer ist in die Menge geraten und angegriffen worden. Er hat zu Netanjahu vordringen können und ihm zugerufen, er solle die Menge bändigen, sonst würde es Tote geben. Die Siedler, so die Warnung Ben-Eliezers an Netanjahu, seien durchgedreht und würden jemanden umbringen, heute oder schon bald.

Netanjahu wurde ungeachtet all dessen gefeiert mit „Bibi! Bibi! Bibi!“ – Rufen.

Ermordung von Jitzhak Rabin

Am 4. November haben sich auf dem Tel Aviver König-Israel-Platz 100.000 Menschen zu einer Friedensdemonstration versammelt. Der Hauptredner war Ministerpräsident Rabin.

Aufgrund haarsträubender Sicherheitslücken hatte es der jüdische Extremist Jigal Amir geschafft, mit seiner Pistole auf den Parkplatz zu gelangen, auf dem Rabins Wagen stand. Amir konnte sich dort zwischen den Sicherheitskräften aufhalten, bis Rabin mit seinen Leibwächtern zurück kam. Vielleicht hielten sie den schmächtigen Mann für einen harmlosen Chauffeur.

Als Rabin die Treppe vom Podium herab gestiegen war schoß Amir aus kurzer Entfernung mehrmals. Da Amir die Kugeln zuvor präpariert hatte, wurde Rabin am Rücken und der Lunge besondern schwer verletzt. Um 23 Uhr starb Rabin auf dem Operationstisch des Ichilov-Kranhenhauses an seinen Verletzungen.

Ermordung Rabin
Tagesschau berichtet über die Ermordung von Rabin

Netanjahu war schockiert. Aber nicht wegen der Ermordung.

Offenbar hat er sich an jenem Tag mit US Botschafter Martin Indyke getroffen (einem überzeugten Zionisten).

Bibi war in Panik: Sollten jetzt Neuwahlen ausgerufen werden, würden er und die gesamte Rechte untergehen, da sich das Land aus Empörung über das Attentat den Gemäßigten zuwenden würde. Darüber machte sich Netanjahu Sorgen.

Netanjahus Sorge erwies sich bald als unbegründet.

Schimon Peres, der Stellvertreters Rabins, hat nach dem Attentat die Regierungsgeschäfte übernommen. Er machte den Fehler besonders hart sein zu wollen und traf dazu eine folgenreiche Entscheidung, die eine neue Welle von Terror auslösen sollte. In den kommenden Neuwahlen gewann Netanjahu.

Netanjahu sollte nach diesem Sieg einige Zeit später weitere male zum Ministerpräsident gewählt werden – bis heute, im Jahr 2019.

Weil er so überzeugend hart war und hart ist gegen die lügenhaften Araber.

Er bleibt bis heute seiner Kritik an Rabin treu, und sieht die Bibel als Grundbuch für Israel.

Bei einem wie Netanjahu gibt es keinen Platz für Frieden. Nur Sieg oder Niederlage.

Wie schrieb das Kulturmagazin New Yorker über die Ermordung Rabins?

Rabin war der richtige Mann zur richtigen Zeit.

Dasselbe war Jigal Amir auf seine perverse Art.

Und was war und was ist Netanjahu?

Nur ein machtbesessener Opportunist, der sich heute – vollkommen logisch – mehreren Anklagen wegen Korruption und Machtmissbrauchs gegenüber sieht.

Lea Rabin, die Witwe der Ermordeten, hat Netanjahu nie verziehen, welche Rolle er gespielt hat. Wer Augen hatte zu sehen und Ohren hatte zu hören weiß, dass sie recht damit getan hat.

— Schlesinger

Titelphoto dieses Beitrags: Sgt. Robert G. Clambus (Wikimedia CC Lizenz)

Bild „I’m saying this: Screenshot aus der hervorragenden PBS-Doku „Netanyahu at war

Bilder aus der Tagesschau: screenshots

* Übersetzt aus Benjamin Netanyahu: A place among the Nations, N.Y. 1993, Bantam, preface

** Übers. aus „The fall of the house of Bush“, Craig Unger, S. 139ff.

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