Kriegsverbrechen der israelischen Armee (1)

Kriegsverbrechen Israel
Goya: Schrecken des Krieges

Dieser Beitrag ist der erste Teil einer mehrteiligen Serie über Kriegsverbrechen Israels.

Der Grund für diese Serie besteht nicht darin, daß Israels Armee besonders grausam wäre.

Der Grund besteht darin, dass Israels Politiker sie schon immer als besonders „moralisch“ darstellen.

Moralischste Armee der Welt

„Die moralischste Armee der Welt“ – das war und ist nach Ansicht der meisten israelischen Politiker und Bürger Israels ihre eigene, die Israeli Defense Forces (IDF, auch Zahal genannt).

Das ist ein Märchen.

Das war schon immer ein Märchen.

Die israelische Armee ist nicht „besser“, ist nicht „moralischer“ als andere. Sie ist auf der Skala der Brutalität aller Armeen bestenfalls „normal“.

Die Kriegsverbrechen der israelischen Armee gibt es nicht erst seit dem schrecklichen Gaza-Krieg von 2008/09. Damals wurde alle Welt Zeuge wie die israelische Luftwaffe Weissen Phosphor über Gaza abgeworfen hat und damit zahllose Menschen fürchterlich verletzt, verstümmelt oder bis zur Unkenntlichkeit verbrannt hat. Wer starke Nerven hat sucht im Netz „Gaza white phosphorous“ in der Rubrik „Bilder“ – ich habe Sie gewarnt!

Nein, die Verbrechen reichen zurück bis in die Zeiten ihrer Vorgänger Haganah und Irgun, also bis in die Zeit vor der Gründung des Staates Israel im Mai 1948.

Damals hat der bewaffnete jüdische Untergrund mit terroristischen Mitteln gegen die englische Mandatsmacht gekämpft.

Man wollte frei sein von der britischen Besatzung – und hat auf terroristische Mittel zurück gegriffen.

Anschlag König David Hotel

Legendär ist der verheerende Terror-Anschlag der Irgun* vom Juli 1946 auf das King David Hotel in Jerusalem, dem Sitz der britischen Militärverwaltung.

Die Irgun war eine der drei bewaffneten jüdischen Untergrundbewegungen während der britischen Mandatszeit.

91 Menschen kamen ums Leben: Männer und Frauen der Zivilverwaltung, Hotelangestellte, Engländer, Juden, Araber…

Der Drahtzieher des Anschlags war Menachem Begin, der spätere Ministerpräsident Israels.

Kriegsverbrechen der israelischen Armee
Anschlag auf das König David Hotel (Jerusalem)

Im Juli 1947 ermordet die Irgun zwei zuvor entführte Soldaten der englischen Mandatsmacht. Die Leichen werden mit Sprengfallen versehen. Beim Versuch die Toten zu bergen kommen weitere Briten ums Leben.

Kriegsverbrechen Israel
Jüdischer Untergrund erhängt britische Soldaten

Vertreibung der Palästinenser ( Nakba )

Vor und während des sogenannten Unabhängigkeitskrieg von 1948 vollzog die israelische Armee eine ethnische Säuberung Palästinas. Sie vertrieb etwa 800.000 Palästinenser aus ihrer Heimat. Rund 800 Dörfer wurden von der israelischen Armee zerstört.

Der Kampf gegen die regulären arabischen Armeen – man sollte zutreffend eher von einzelnen, zersplitterten Armeeeinheiten sprechen – fand beinahe nebenbei statt.

In romantisierenden Büchern und Filmen zum Thema israelischer Unabhängigkeitskrieg wurde die brutale Vertreibung unterschlagen – die Weltöffentlichkeit sollte nur das Bild des des kleinen israelischen David gegen den vermeintlichen arabischen Goliath sehen. Noch heute verkauft sich der zutiefst rassistische alte Millionen-Bestseller „Exodus“ von Leon Uris ganz gut.

Wie die Wirklichkeit im Unabhängigkeitskrieg aussah, hat schon früh und eindringlich der jüdische Kriegsteilnehmer Yizhar Smilansky alias S. Yizhar in seinem Buch „Khirbet Khizeh“ geschildert.

Khirbet Khizeh

Auszug aus dem Roman, als sich die jüdische Einheit dem kleinen arabischen Dorf Khirbet Khizeh genähert und Stellung bezogen hat. Nur noch ältere Männer, Frauen und Kinder waren im Dorf. Einige versuchen zu fliehen, als sie die jüdischen Soldaten sehen. In der Zwischenzeit hat die israelische Maschinengewehreinheit ihre Position eingenommen:

Schattengestalten, die sich im Freien bewegten und in Eile zu sein schienen, aber ihre Eile wurde durch die Größe des Geländes zunichte gemacht; es war wie das sinnlose Winden eines Wurms.

„Hol sie Dir!“, sagte Schmulik. „Etwas nach rechts.“

„Du hast verfehlt“, sagte Moishe hinter dem Fernglas. „Weiter nach rechts und ein wenig höher. Jetzt! Feuer!“

Jagdtrieb stärker als Moral

Wir wurden ganz aufgeregt.

Der Nervenkitzel der Jagd, die in jedem Mann lauert, hatte uns fest im  Griff.

„Auch dort drüben“, brüllte jemand und zeigte auf ein anderes Feld, auf dem, wie Ameisen, viele Gestalten rannten, deren ruckartige Eile von der Größe des Feldes verschluckt wurde. Ich fragte nach dem Fernglas und sah sie, Gruppe für Gruppe, oder vielleicht Familie für Familie, oder vielleicht Banden von gleicher Stärke, als sie flohen, vier oder fünf oder sechs, oder einzelne Individuen – Frauen, die sehr leicht an ihren weißen Tüchern über ihren schwarzen Gewändern und ihrem Laufen erkennbar waren, weil sie erschöpft und kurzatmig waren, scheinbar für einen Moment auf ein Schritttempo verlangsamten, und dann wieder schneller wurden, bis sie wieder in einem schweren Lauf waren, der weniger Geschwindigkeit als eine Konzentration aller Kräfte und Atemzüge enthielt, um zu beweisen, dass alles getan wurde, um zu laufen; damit sie vor ihrem Schicksal gerettet wurden.

In diesem Moment wurde deutlich, wie eine Gruppe von drei Personen einen Hügel hinauf hastete.

„Genau da“, rief ich und zeigte sie Gaby an. „Entfernung zwölfhundert, rechts von diesem einsamen Baum. Du hast eine gute Chance!“ Und in diesem Moment schauderte ich aus irgendeinem Grund, und während meine Hände immer noch auf die Fluchtwege zeigten, und ich betrunken war vor Aufregung, fühlte ich wie ein verwundeter Vogel, dass irgend etwas in mir etwas anderes schrie, und während ich erschrocken war von diesen beiden Stimmen, feuerte Gaby mehrere Salven ab, und Moishe sagte: „Zum Teufel mit dir! Du weißt überhaupt nicht wie man schießt!“

Überrascht fühlte ich mich irgendwie erleichtert, vielleicht so: „Lass ihn vorbei schießen, oh, lass ihn vorbei schießen!“ Ich sah mich schnell um, um sicherzustellen, dass mich niemand in diesem Moment der Scham gesehen hatte.

Sofort und voller Unbehagen fuhr ich fort, diesen Graben im Feld zu beobachten und die panischen Gestalten dort, die umherirrten und versuchten, aus ihm herauszukommen, aber die Erde konnte sie nicht schützen, es sei denn, sie schafften es, über diese Hügel hinaus zu gelangen, über den Horizont.

„Ich habe sie!“, rief Gaby.

[…]

Wie es im israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948/49 regelmäßig vorkam, wurden auch hier Häuser der arabischen Einwohner gesprengt. Eine alte Frau will zu ihrem zerstörten Haus laufen:

ihr Haus und ihre Welt waren zum Stillstand gekommen, und alles war dunkel geworden und brach zusammen; plötzlich hatte sie etwas Unvorstellbares, Schreckliches, Unglaubliches erkannt, direkt vor ihr, real und grausam, körperlich spürbar, und es gab kein Zurück mehr.

Aber der Soldat grimassierte, als wäre er es leid, zuzuhören, und er schrie sie wieder an, sich mit den anderen hinzusetzen.

Doch die Frau war schon taub für warnende Hinweise, sie ignorierte ihn und rannte schwer auf den Ort der Explosion zu. Mit einer Bewegung seiner Hand packte der junge Soldat ihr Kopftuch, und ihr Haar war beschämend entblößt und den Blicken ausgesetzt, etwas, das alle erschreckte und die Frau erzürnte.[…]

„Lass sie in Ruhe“, sagte jemand. „Sie wird zurückkommen.“

Ein alter Mann stand auf, anscheinend einer der angesehensten Männer des Dorfes, und kam aus seiner Gruppe zu uns, mit einer Hand an seiner Brust und der anderen vor ihm in einer Geste höflicher Bitte, mit einer Höflichkeit, die beide Seiten sicherlich als Grundlage für einen Dialog anerkennen würden, wie es den geehrten Gesprächspartnern angemessen wäre. Er näherte sich uns und suchte nach jemanden, mit dem er ein Gespräch beginnen könnte. Derjenige, den er auswählte, ließ ihn jedoch kein einziges Wort aussprechen, sondern zeigte auf die Stelle, an der er gesessen hatte und sagte: „Bleib an deinem Platz, bis du gerufen wirst.“

Der alte Mann wollte zuerst eine Antwort geben oder ihn zurecht weisen, überlegte es sich aber anders, zuckte mit den Schultern und kehrte bekümmert an seinen Platz zurück, unterstützt von seinem Stock und den mehreren Händen, die ihm von den noch sitzenden Männern ausgestreckt wurden.

Er setzte sich schwer hin und seufzte: „La illah ila Allah, es gibt keinen Gott außer Gott.“ Etwas Altes und Biblisches flackerte noch einmal für einen Moment, bis eine andere Prophezeiung des Jüngsten Gerichts ihren Platz einnahm und in der Luft hing.

Jeder, der vergessen hatte, wie all das enden würde, wusste wieder, was vor ihm lag.

„Wie heißt dieser Ort überhaupt?“, sagte Shlomo. „Khirbet Khizeh“, antwortete jemand.

Diese Schilderung gehört noch zu den leicht verdaulichen, gewissermaßen „jugendfreien“ Schilderungen von Kriegsgräueln, die von S. Yizhar auch nur angedeutet wurden.

Eine Lektion kann und muß man daraus schon lernen: Im Krieg werden die Menschen zuallererst von ihren Instinkten geleitet und vom Kampfgeschehen getrieben, nicht von Moral.

Im Krieg ersäuft die Moral in einem Meer von Adrenalin.

Wenn das schon im Dorf Khirbet Khizeh zutraf, wo nur Zivilisten gejagt wurden und niemand zurück schoß, wie sehr muß das zutreffen, wenn es um ein wirkliches Gefecht geht?

In den späteren Beiträgen dieser Serie werden Ihnen grauenvolle Dinge nicht erspart bleiben.

Die Moral aus der ganzen Serie soll schon jetzt gezogen werden:

Es gibt keine moralische Armee

Die Kriegsgeschichte Israels von 1948 bis heute zeigt, dass es so etwas wie eine „moralische Armee“ nicht gibt und nicht geben kann.

Dafür gibt Uri Avnery die seit jeher gültige Erklärung, die für alle Armeen der Welt gilt:

jede Armee besteht aus allen Arten von Menschen,
anständige Jugendliche mit moralischem Gewissen neben Sadisten, Schwachsinnigen und anderen, die an moralischem Wahnsinn leiden.

In einem Krieg gibst du allen Waffen und eine Lizenz zum Töten, und die Ergebnisse sind vorhersehbar.

Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen einem immer gewalttätigen Krieg und einem enthemmten Krieg.

Wenn die politische oder militärische Führung carte blanche gibt fallen die letzten menschlichen Hemmungen.

Daher war es ein fatales Signal, als Ministerpräsident Ariel Scharon zu Beginn der Zweiten Intifada sagte:**

Die Palästinenser müssen getroffen werden, und es muss sehr schmerzhaft sein

Wir müssen ihnen Verluste zufügen, Opfer, damit sie einen hohen Preis bezahlen.

Die Generäle haben Scharon verstanden.

Die israelische Armee nahm furchtbare Rache, gerade auch an der Zivilbevölkerung.

Die moralischste Armee der Welt: Was für ein schöner Titel für ein grässliches Märchen.

— Schlesinger

* auch Etzel oder IZL genannt

** Zugegeben: Scharon sagte das unter dem Eindruck des verheerend blutigen Anschlags der Hamas auf eine Hochzeitsgesellschaft in Netanja tags zuvor. Aber er fordert den „hohen Preis“ von „den Palästinensern“, nicht von „der Hamas“, und er ließ seine auf Rache sinnende Armee in die Westbank im Osten einmarschieren, nicht in die Hamas-Hochburg Gaza im Westen.

Weitere Teile dieser Serie:

Gefesselt und verbrannt: Das Massaker von Deir Jassin (vor dem Unabhängigkeitskrieg 1948)

Vergewaltigt und ermordet (Unabhängigkeitskrieg 1948)

Schiesst auf alles was sich bewegt: Massaker von Qibya 1953

Sechstagekrieg 1967 (demnächst…)

Erste Intifada: Brecht ihnen die Knochen

Libanonkrieg: Massaker von Sabra und Schatila

Zweite Intifada: Walzt sie nieder

Brandbomben auf Gaza (Operation Gegossenes Blei 2008/09)

Israelische Besatzungsarmee: Zielt auf die Augen

Photos:

Photos: Irgun/Etzel Anschläge King David Hotel: gemeinfrei ;  Ermordung britischer Soldaten (public domain), Begin: Wikipedia CC Lizenz)

Goya  (gemeinfrei)

Israelische Soldaten während der Intifada: screenshot Youtube Video