Ahmadinedschad: Israel-Vernichter oder nicht?

Bei kaum einem Thema zur Sicherheitspolitik wird so heftig gestritten und sind die Läger so weit getrennt wie in der Frage, ob Irans Ahmadinedschad Israel von der Landkarte fegen will oder nicht.

Man kann mit Fug und Recht sagen, dass es sich dabei um einen Glaubenskrieg handelt.

Auf der einen Seite stehen die leidenschaftlichen Verteidiger des iranischen Präsidenten.

Sie halten Mahmoud Ahmadinedschad einmal für einen friedliebenden Menschen, das andere mal für einen, der Israel zurecht scharf attackiert, fast immer für jemanden, der fortgesetzt und bisweilen vorsätzlich von der böswilligen westlichen Presse falsch interpretiert oder übersetzt wird. Vor allem aber verwehren sie sich heftig gegen die ihrer Auffassung nach kriegstreiberische Unterstellung, er würde einen Atomkrieg gegen Israel vom Zaun brechen. Sein Nuklearprogramm sei vielmehr rein ziviler Natur.

Viel wahrscheinlicher, so wird meist angefügt, könnte der Iran Opfer eines Angriffs von Israel werden, dem Land also, das die Region notorisch mit Angriffen überzieht.

Auf der anderen Seite stehen die vehementen Kritiker Ahmadinedschads.

Der sei von Natur aus ein Radikaler, sagen sie, ein Hetzer, ein gefährlicher Mann. Einer, der in Ermangelung der Technik nur rhetorische Angriffe gegen Israel gefahren hat, der aber sofort einen echten Angriff gegen Israel fahren würde, sobald er die Mittel dazu hätte. Israel habe gegenüber einem derart gemeingefährlichen Menschen jegliches Recht, sich rechtzeitig zu wehren. Überhaupt zeige die Geschichte, dass Israel seit seiner Gründung immer nur von angriffslustigen arabischen Feinden umgeben war, gegen die sich de junge Staat wehren mußte.

Zwischen Verteidiger und Kritiker stehen in dieser Frage nur wenige.

Vor weniger Tagen hat sich mit dem israelischen Historiker Benny Morris einer der harten Kritiker Irans zu Wort gemeldet.

In der Los Angeles Times griff er in scharfer Form die seiner Meinung nach unverantwortlich nachsichtige Politik Obamas gegenüber dem Iran an.

Zu Morris muss man sagen, dass er einer der sogenannten „jungen Historiker“ ist, die erstmals das Thema „Flucht und Vertreibung der Palästinenser“ während des sogenannten israelischen Unabhängigkeitskrieges von 1948 kritisch aufgearbeitet hat. Der sich inzwischen aber auch als Hardliner präsentiert hat, und im Notfall einen atomaren Erstschlag gegen den Iran befürwortet.

Morris urteilte in seinem Beitrag, dass Obama die Existenz Israels gefährde, da es in der iranischen Atomfrage nicht um Amerika, und nicht um Obamas Leben ginge.

Aber er, Morris, nehme es persönlich, dass Ahmadinedschad ihn und seine Familie umbringen wolle:

Obama is denying Israel the right to self-defense when it is not his, or America’s, life that is on the line.

I take it personally: Iran’s president, Mahmoud Ahmadinejad, wants to murder me, my family and my people.

Day in, day out, he announces the imminent demise [bevorstehenden Ende] of the „Zionist regime,“ by which he means Israel.

And day in, day out, his scientists and technicians are advancing toward the atomic weaponry that will enable him to bring this about.

Ich teile die Einschätzung Morris‘ nicht.

Irans Ahmadinedschad nutzt  die Außenpolitik und dabei vor allem die brisanten sicherheitspolitischen Politikfelder, um von enormen innenpolitischen Problemen abzulenken. Darin unterscheidet er sich in nichts von unzähligen anderen politischen Führern weltweit vor und mit ihm. Die „grüne Revolution“ des letzten Jahres war nur das weithin sichtbare Bild der längst innerlich zerrissenen iranischen Nation. Umso stärker ist Ahmadinejad daran interessiert, das in der iranischen Bevölkerung zugegebenermaßen willig angenommene Thema der „zionistischen Entität“ so umfassend wie möglich zu nutzen.

Würde Ahmadinejad Israel atomar angreifen, um der zigfach wiederholten Parole von der Beseitigung Israels Wirklichkeit folgen zu lassen? Es spicht sehr vieles dagegen. Ich meine nein.

Und trotzdem. Ich teile Morris‘  Einschätzung nicht, aber ich stimme ihm in seiner Furcht zu.

Das beruht auf dem simplen Umstand, dass ich meine strategische Einschätzung zu einer iranischen Atommacht von Deutschland aus vornehme. So sehr mir mißfällt wie Morris Obama anfeindet, der könne leicht reden, denn ihn würde es ja nicht treffen, so sehr muss ich einräumen, dass Morris dem Grunde nach recht hat.

Letztlich ist jede – jede! – politisch-strategische Einschätzung eine Art Wette. Man versucht zu einer möglichst präzisen Vorhersage zu gelangen. Aber man erlangt nie die letzte Sicherheit.

Würde ich in Israel leben, sei es als einfacher Bürger, als Politiker oder als Militär, hätte ich allergrößte Bedenken gegenüber einem iranischen Atomprogramm, das eben nicht in größter Ruhe und Zurückhaltung daher kommt, sondern stets begleitet von den Drohungen gegenüber dem „zionistischen Regime“.

Ahmadinejad legt offenkundig keinerlei Wert darauf zu vermitteln, dass Iran ausschliesslich friedliche Absichten verfolgt.

Er bedient stets alle Seiten: Ja, ich will Frieden. Ja, ich will die „zionistische Entität“ beseitigen.

Wie kann man so jemandem Vertrauen entgegen bringen?

Wer kann allen Ernstes erwarten, dass die Bürger Israels ihm Vertrauen entgegen bringen?

— Schlesinger

Photo: Ausschnitt des "Jüngsten Gericht" nach Hans Memling (Wikipedia CC)
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