Eine Dattel namens Obama

EINE ARABISCHE HULDIGUNG

Fünf Dollar sind ein stolzer Preis für ein Kilo Datteln.

So viel kostet die Top-Qualität dieser Früchte zum Auftakt des Fastenmonats Ramadan auf Kairos Obstständen, und an vielen Ständen tragen sie den Namen „Obama“.

Das ist eine große Auszeichnung für den amerikanischen Präsidenten, denn der Überlieferung nach aß der Prophet Mohammed zum Ende eines Fastentages vorzugsweise Datteln. Das hat sie zu einem besonders bedeutsamen Bestandteil zumindest des ägyptischen Speiseplans während der Fastenzeit werden lassen.

Die Verwendung von Politikernamen für gute oder schlechte Dattel-Qualitäten hat Tradition auf Kairos Märkten. So wurden die minderwertigsten Sorten unter dem Namen „Bush“ oder „Lipni“ – der früheren israelischen Außenministerin – feilgeboten. Diese Ware ging dann schon mal für 36 Cent pro Kilo über den Tisch.

Hashim, einer der Obstverkäufer Kairos, ist dieser Tage wie viele andere voll des Lobes über Obama: „Wir möchten eine süße Dattel in seinen Mund legen, und eine Botschaft zu seinen Ohren bringen: Bitte helfen Sie, Frieden in die Welt zu bringen. Wir haben große Hoffungen in Sie.“

WORTE SIND MEHR ALS WORTE

Die Botschaft wenigstens ist längst angekommen, war es doch Obama, der sein erstes Interview als Präsident gegenüber einem arabischen Sender gab. War es doch Obama, der nach seinem Amtsantritt sogleich angeboten hatte, den Dialog mit der arabischen Welt auf Basis gegenseitigen Respekts wiederaufzunehmen, und schließlich war er es, der nach seiner jüngsten Europareise in Kairo eine in der muslimischen Welt wohlgelittene Rede hielt.

Einmal mehr beweist Obama großes Fingerspitzengefühl, indem er den Beginn von Ramadan zum aktuellen Anlaß nimmt, eine weitere Botschaft an die muslimische Welt zu richten.

Im Namen des amerikanischen Volkes und der muslimischen Gemeinden in allen fünfzig US Bundesstaaten sendet er seine Grüße an die Muslime. Ganz nebenbei erklärt der Präsident seinen eigenen Landsleuten, was es mit Ramadan auf sich hat.  Während dieser Zeit habe Gott seinem Propheten Mohammed den Koran offenbart. Dies zu ehren dient die heutige Fastenzeit. Die Gläubigen würden sich auf die Weisheit und die Anleitung besinnen, die der Glaube vermittelt, und ihrer Verantwortung gegenüber den Menschen und Gott. Die Fastenzeit diene der intensiven Verinnerlichung und der Hingabe, während aus dem Koran rezitiert würde.

Diese Rituale, so baut Obama eine Brücke und würdigt zugleich die Muslime, würden uns an gemeinsame Prinzipien und die Beiträge des Islam zu Gerechtigkeit, Fortschritt, Toleranz und die Würde aller Menschen erinnern.

Amerika habe zugehört und verstanden, sagte Obama, es sei sich seiner Verantwortung bewußt, weshalb man sich aus dem Irak zurück ziehe, gegen Extremisten vorgehe, und unverrückbar an einer Zweistaatenlösung in Palästina festhalte, die Palästinensern wie Israelis gleichermaßen Frieden und Sicherheit bieten müsse.

Kaum zufällig dürfte der Präsident den Faktor Zeit mit einbezogen haben. Man befände sich in einer Phase der Erneuerung („this time of renewal“), in der man an eine anhaltende Anstrengung  unternehmen müsse, sich gegenseitig zuzuhören, voneinander zu lernen und dem anderen Respekt zu erweisen („sustained effort to listen to each other,…“) . Obama weiß, dass trotz seines immensen Tempos Vieles nicht von heute auf morgen verändert werden kann, und bittet in dieser Form subtil um Geduld – eine versteckte und durchaus bescheiden vorgetragene Botschaft, die muslimische Ohren sehr wohl verstehen und zu würdigen wissen.

Wer die Ramadan-Botschaft des Präsidenten liest und weiß, welchen Tonfall die islamische Welt wünscht und welchen sie nur respektieren kann, kommt nicht umhin, Obama zu beglückwünschen, diese Gabe ins Amt mitgebracht zu haben. Ein gewiefter Redenschreiber wäre vielleicht noch in der in der Lage, die respektvolle Haltung zu imitieren, die der Haltung Obamas tatsächlich zugrunde liegt. Doch nie wäre der Schreiber in der Lage, einem in Wirklichkeit anders gesonnnenen Präsidenten zu einem glaubwürdigen Ausdruck zu verhelfen. Nicht auf Dauer.

Man stelle sich nur vor, ein Redenschreiber hätte aus taktischen Gründen derartige Texte verfasst für George W. Bush oder Ronald Reagan. Eine absurde Vorstellung, irgend jemand hätte solchen Reden Glauben geschenkt. Selbst einem Bill Clinton, dem die Islamfeindlichkeit eines Bush junior oder das Desinteresse eines Reagan an der muslimischen Welt abging, hätte man solche Reden kaum abgenommen, da ihm die größere Perspektive, ja, man kann es ruhig sagen: Die kosmopolitische Perspektive des Barack Obama fehlt.

BERLIN TRAUT SICH – DANK OBAMA

Hatte man als Muslim aus dem früheren Washington nie derart versöhnliche und auf Verständigung gerichtete Worte vernommen, die zunehmend auf Wohlgefallen stoßen, sind es gerade auch die klaren Stellungnahmen Obamas gegenüber Israel, die ihm Respekt vor allem der arabischen Nationen einbringt. Sein klares Nein zu einem weiterem Siedlungsbau in der Westbank hat die Atmosphäre zwischen Jerusalem und Washington stark abkühlen lassen.

Ermutigt durch die klare Haltung der US Administration hat sich nun sogar Berlin aus der Deckung gewagt – ein geradezu unerhörter Vorgang. Vor dem anstehenden Besuch des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu in Deutschland bezog der Sprecher des Außenministeriums, Andreas Peschke, auf der Bundespressekonferenz recht undiplomatisch Stellung, indem er klarstellte, man könne „in der Siedlungsfrage eines der größten Hindernisse dafür sehen, dass eine erfolgreiche Zwei-Staaten-Lösung auf den Weg gebracht werden kann und dass es in dieser Siedlungsfrage zwingend Fortschritte geben muss, um Fortschritte auf dem Weg zum Frieden im Nahen Osten zu erreichen.“ Dergleich hatte man bislang noch nicht vernommen.

Auch wenn es die oft bekundete deutsch-arabische Freundschaft mehr in der Verklärung als in der historischen Wirklichkeit gibt, werden diese neuen Töne aus Berlin in arabischen Hauptstädten mit Sicherheit aufmerksam wahrgenommen werden.

Die besondere Art einer neuen Beziehung zur muslimischen Welt, wie sie Barack Obama hingegen aufzubauen versucht,  wird einer Angela Merkel nie gelingen. Man kann sich eher nicht vorstellen, sie würde eine deutsche Fassung der abschliessenden Grußformel Obamas an die Muslime richten:

„I look forward to continuing this critically important dialogue and turning it into action. And today, I want to join with the 1.5 billion Muslims around the world – and your families and friends – in welcoming the beginning of Ramadan, and wishing you a blessed month. May God’s peace be upon you.“

Wieviel Wirklichkeit aus Vision wird muss sich erweisen.

— Schlesinger

(Photo: carpetblogger, Flickr CC Lizenz)