Palästinensische Einheit in weiter Ferne

Die mit der Stammes- und Clangebundenheit der Palästinenser einhergehende Zerstrittenheit sind das beste Unterpfand Israels, um an einem souveränen Staat Palästina vorbei zu kommen.

Gerade hat eine Umfrage ergeben, dass die Hamas an Zuspruch gewonnen hat nach dem Gazakrieg. Noch mehr Zuspruch erhält allerdings Marwan Barghouti. Die Fatah wiederum stünde laut Umfrage gar nicht schlecht da, wäre da nicht der allzu schwache Mahmoud Abbas („Abu Mazen“) an der Spitze, dem zusehends die Gefolgschaft verweigert wird.

Alleine der Machtkampf dieser beiden Gruppierungen stellt eine immense Herausforderung an die Einheit Palästinas dar, da wir es nicht mit zwei demokratisch konkurrierenden Parteien zu tun haben, sondern mit zwei latent bis manifest militanten Gruppierungen, die im übrigen auch politische Parteien sind.

Im Parlament der PNA (Palestinian National Authority – Palästinensische Autonomiebehörde) sind vertreten:

  • Democratic Front for the Liberation of Palestine (DFLP); sozialistisch
  • Fatah (Palestinian Liberation Movement), mitte-links, säkular
  • Hamas (Abkürzung für die arabische Formel: „harakat al-muq?wamah al-isl?miyyah“ oder „Islamic Resistance Movement“), islamistisch
  • Palestine Democratic Union; mitte-links
  • Palestine Forum
  • Palestinian National Initiative; mitte
  • Palestinian People’s Party; links
  • Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP); kommunistisch, pro-syrisch
  • Al-Mustaqbal
  • Third Way
  • Palestinian Popular Struggle Front

Dabei hat fast jede Partei einen oder mehrere militärische Flügel, die durchaus die Tendenz haben, möglichst viel Einfluss innerhalb ihrer Partei zu gewinnen.

Der militärische Flügel der Hamas zum Beispiel sind die Essedin-El-Qassam-Brigaden. Die Fatah verfügt über die El-Aksa-Brigaden und die Einheiten der al-Assifa.

Hinzu kommen nicht im Parlament vertretene Gruppierungen wie der militante Islamische Djihad, der ebenfalls einen militärischen Flügel hat: die Al-Quds-Brigaden.

Andere Splittergruppen wie die irakisch orientierte „Arabische Befreiungsfront“ (Arabic Liberation Front, ALF), die Volkskampffront (PSF), die Abu Musa Gruppe oder die syrisch finanzierte und gelenkte sozialistische Al-Saiqa sind nicht im Parlament vertreten. Über ihre Struktur und Zahl der Kämpfer ist wenig bekannt.

Nicht zu unterschätzen sind die Machtpotentiale der regulären Polizei, der Zivilpolizei, der Bereitschaftspolizei, des / der Geheimdienste/s sowie der Präsidentenwache(n).

Neben diesen weltlichen Strukturen existieren zahlreiche religiöse Schattierungen, die einmal konform, einmal quer zu den Interessen und Zielen der Parteien und Gruppierungen liegen.

Schließlich ist auf die uralte, traditionelle Zersplitterung in Clans, Familien und Sippschaften zu verweisen, die ihre ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten mitbringen.

Hinzu kommen die externen Akteure wie die USA, die arabischen Anrainer (keinesfalls alle wahre Freunde der Palästinenser), alle Gegner Israels, und natürlich Israel selbst, das über weite Strecken nicht das geringste Interesse an einem Palästinenserstaat hatte. So auch der designierte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nicht.

Stellt man dieser Gemengelage die Liste der Probleme gegenüber, die auf dem Weg zu einem palästinensischen Staat zu bewältigen sind, mag man an dessen Entstehung kaum glauben: Grenzfragen, Zugang zum Meer, Wasserverteilung, Infrastruktur, Pass- und staatsbürgerliche Fragen, Status Jerusalem, Regelung der Flüchtlings- / Heimkehrerfrage, freier Personenverkehr etc.pp.

Vor diesem Hintergrund hat es Israel trotz aller Konflikte, Anschläge und Kriege relativ leicht, die arabischen Bewohner Gazas und der Westbank in Schach und damit im status quo zu halten.

Die Shtinker

Der israelische Geheimdienst Shin Beth greift auf Grundlage der zahlreich verfehdeten Sippen seit jeher auf das äußerst bewährte Mittel der sogenannten „Shtinker“ zurück. Dazu werden Palästinenser teils mit Geld, teils mit Drohungen angehalten, über den je anderen Clan Informationen zu sammeln und weiter zu tragen. Einfacher kann es kein Geheimdienst haben. Sobald sich nennenswerter Widerstand rührt, finden Verhaftungen statt.

Darauf haben Gruppierungen wie etwa die Hamas reagiert, indem sie möglichst kleine und autonome Widerstandsgruppen gebildet haben. So wird die Angriffsfläche vor Entdeckung klein gehalten. Mangels Masse können diese gruppen allerdings auch nie zu einer echten militärischen Bedrohung Israels werden. Noch nicht – denn das ist eine Frage der raschen Entwicklung der Waffentechnik.

Das beantwortet allerdings keinesfalls die in den Raum gestellte Frage nach der Einheit. Denn eine „erfolgreichere“ militärische Konfrontation Israels bringt noch längst keine palästinensische Einheit zustande – vielleicht sogar das Gegenteil.

Eine Fatah, die einer zunehmenden militärischen Modernisierung der Essedin-El-Qassam-Brigaden auf Dauer tatenlos zusieht, kann man sich schwerlich vorstellen.

Hey, Dickbauch

Bei all dem ist auch nicht zu unterschätzen, dass sich die Gewalt und der (passive) Widerstand seitens der Palästinenser gewissermaßen nur an der Oberfläche, also medienwirksam ereignet. Ein Selbstmordattentat ist spektakulär und Kassam-Raketen taugen ebenfalls fürs Fernsehen. Damit ist jedoch wenig bis nichts über die etwa zweieinhalb Millionen Bewohner der Westbank und Gazas gesagt, die sich täglich brav an den checkpoints anstellen und sich den Leibesvisitationen unterziehen.

Mit dem durch Solidarität untereinander möglichen massenhaften (passiven) Widerstand Indiens unter Mahatma Gandhi ist das nicht zu vergleichen.

Tom Friedman berichtete dazu von der Begegnung des früheren britischen Außenministers George Brown mit dem palästinensischen Bürgermeister von Nablus (Westbank), Hamdi Qana’an. Der war ein reicher und überaus fülliger Mann. Sogleich lamentierte Qana’an gegenüber dem Briten über die brutale Ausbeutung durch die Israelis. Brown wurde es angesichts des in diesem Fall allzu gut situierten Palästinensers zu viel. Er klatschte Qana’an auf dessen dicken Bauch und meinte bissig: „You don’t seem to be doing too badly for yourself, old chap.“

Sagen Sie nun nicht, das war ja 1970. Denn mit Strukturen wie den oben genannten verhält es sich wie mit einem dicken Bauch: Man bekommt ihn sehr schwer weg.

— Schlesinger

Quellen: engl. Wikipedia, Robert Fisk: The Conquest of the Middle East; Thomas L. Friedman: From Beirut to Jerusalem; GlobalDefense.net