Demonstration für Solidarität mit Israel in München

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte hinsichtlich seiner heutigen Solidaritäts-Demonstration  (München) gegenüber der gestrigen Anti-Israel-Veranstaltung einen enormen Vorteil: Schlechter konnte er es nicht machen. Das war sinngemäß mein Schlussatz von gestern und nach dem heutigen Besuch kann ich ihn bestätigen. Hat er es deswegen „besser“ gemacht?

So wie gestern will ich auch heute weniger auf inhaltliche Argumente eingehen, als auf die Art, wie die Veranstalter ihre Sache verkauften.

Wollte man die zwei Demonstrationen von gestern und heute mit einer Hollywood-Produktion vergleichen, könnte man sagen, die heutige war ein aufwändiger und technisch einwandfrei, wenngleich allzu glatt gedrehter Blockbuster, während die gestrige ein chaotischer, mit fehlerhaftem Drehbuch gemachter B-Movie war.

Obwohl der Vergleich mit Hollywood unpassend scheinen mag, hat er insofern eine gewisse Berechtigung, als die heutige Veranstaltung so auffällig smart, inszeniert und orchestriert war. Irgendwie perfekt. Ein Meer von wehenden blauen Fähnchen mit dem Davidstern.

Gestern schrie, pöbelte und fluchte man sein Anliegen heraus, heute inzenierte und zelebrierte man es. Hätten in der heutigen Demo irgendwo Sektgläser erklungen, um auf das Gesagte anzustoßen, hätte ich mich nicht gewundert.

Meine gestrige Wertung „Den Veranstaltern und Teilnehmern gelang es mit Gewißheit nicht, die Bevölkerung oder die Medien für sich zu gewinnen. Es war eine Demonstration nur für die ohnehin schon überzeugten Teilnehmer“ gilt auch heute, wobei ich nicht sicher bin, was die Medien anbelangt. Nicht weil sie in Bezug auf diesen Krieg der israelischen Seite besonders zugewandt wären, sondern weil im Gegensatz zu gestern einfach mehr Presse vor Ort war.

  • Redner / Ansprachen
    Was die Bandbreite der Themen anbelangt, gab es eine strukturelle Ähnlichkeit mit der gestrigen Veranstaltung.
    Die zur Sprache gekommenen Themen waren eng begrenzt. Letztlich lassen sie sich reduzieren auf die Punkte: „Wider den Raketenterror der Hamas„, „Israel als Exponent der westlichen Kultur im Nahen Osten„, „Solidarität statt Kritik„.
    In den Ansprachen konzentrierte man sich auf die Kernthesen, und franste nicht wie gestern auf beliebig viele Randthemen oder gar fernab liegende Themen aus.
    Damit ist allerdings nichts über die Güte der Beiträge gesagt.
    Ein Redner klagte energisch die „unmoralische“ Berichterstattung gewisser deutscher Medien an und griff dabei namentlich die Süddeutsche Zeitung an.

    Wenn man diese Zeitung morgens aufschlüge, wisse man nicht, von welchen Motiven und mit welchen Absichten deren Redakteure und Journalisten getrieben würden. Dem Publikum wurde nicht explizit, aber insgeheim nahegelegt, dass es sich bei dieser Art der Berichterstattung letztlich um eine Art Propaganda zugunsten der Hamas handele.
    Da ich – neben anderen – die Berichte der SZ zu diesem Thema täglich lese, kann ich diese Attacke nur als Angriff auf die freie Presse bezeichnen. Die SZ mag vielleicht nicht im Sinne des israelischen Verteidigungsministeriums berichten, und im Gegensatz zur FAZ weniger aus der Perspektive Israels, aber sie deshalb der Hamas-Propaganda zu bezichtigen, schießt nicht geringfügig, sondern meilenweit übers Ziel hinaus. Da mag der Vortrag „diszipliniert“ und im Gegensatz zu gestern mit besser gesetzten Worten gesprochen worden sein, aber nichtsdestoweniger war diese Unterstellung eine ähnlich große Zumutung wie manches gestern gehörte.
    Letztlich war diese Medienschelte die Umsetzung einer der Kernforderungen dieser Veranstaltung namens „Solidarität mit Israel“. Die moralische Eindringlichkeit, mit der diese Solidarität eingefordert wurde („Nicht Kritik ist jetzt geboten, sondern Solidarität!“), erinnerte sehr an Bushs manichäisches „Für uns oder gegen uns!“.
    Ein junger Redner erinnerte länglich an den tapferen Kampf der israelischen Soldaten, die doch viel lieber zuhause wären, ja, sie könnten sogar am Strand liegen oder in eine Cocktailbar gehen (sic!), aber statt dessen müssten sie in den Kampf ziehen gegen die barbarische Hamas.

    Dieser Sprecher war offenkundig geübt im Vortrag. Das zeigte sich weniger an den nicht vorhandenen mitreissenden Inhalten oder sonstigen rhetorischen Glanzleistungen, als an einer unübersehbaren Söder’schen Selbstgefälligkeit, mit der er meinte, von einem Rednerpult am Münchner Marienplatz aus schwülstig-heroische Sentenzen liefern zu müssen, die bestens in den unsäglichen Israel-Gründungskampf-Roman „Exodus“ gepasst hätten.
    Das schloß sich dem Vorredner insofern gut an, als der ausgiebige Schilderungen lieferte, wie sich die Barbaren der Hamas blutrünstig und sadistisch an den 15 Sekunden zwischen Abschuss und Einschlag einer Kassam-Rakete ergötzen würden. Das wurde so länglich und perfide ausgemalt, dass eigentlich nur noch fehlte – verzeihen Sie die Offenheit – jene würden dabei vor lauter Lust masturbieren.
    So hat man eine rhetorische Lektion erhalten, mit welchen Figuren man arbeiten muss, um Menschen pauschal als mordlüsterne, sadistische Bestien zu zeigen – was im übrigen auch gestern getan wurde. Man muss kein Freund der Hamas sein (oder auf gestern bezogen: man muss kein Freund Israels sein), um solche Bilder von sich weisen zu können und zu müssen. Diese Versuche der Vertierung des Gegners hat es zu allen Zeiten gegeben, und sie werden nicht dadurch ehrlicher, dass sie von einem seriös erscheinenden Akademiker oder Geschäftsmann unternommen werden.
    Positiv fiel auf, dass im Gegensatz zur gestrigen Veranstaltung nicht die gesamte gegnerische Seite gebrandmarkt wurde (alle Juden sind Zionisten), sondern explizit nur die Hamas.
    Alle Beiträge und Appelle wurden mit größter Zustimmung und innigem Flaggenwehen begrüsst.
  • Intonation
    In diesem Punkt zeigt sich eine scharfe Trennung zwischen den gestrigen und heutigen Reden bzw. Rednern.
    Die Reden von heute waren alle bestimmt und nachdrücklich in Wortwahl und Ton, hatten aber nichts von der gestrigen Aufpeitsch-Stimmung.
    Passend zum Publikum waren es der Form nach disziplinierte Ansprachen, die noch häufiger als gestern von orchestrierten Zustimmungsrufen begleitet wurden.
    Obwohl die Themen begrenzt waren, waren die Sprechstile sehr unterschiedlich. Das kann Zufall gewesen sein oder Ergebnis einer guten Absprache: Moralisch belehrend (die Medienschelte), patriotisch-anfeuernd (die tapfere-Soldaten-Rede), kämpferisch-aufreizend („Nieder-mit-Hamas-Anfeuerung“) oder historisch-belehrend (Erinnerung an den Holocaust). Auch darin zeigte sich eine gewisse Professionalität der Veranstaltung.
  • Publikum
    Auch hier zeigte sich eine nicht zu übersehende Abgrenzung zu gestern.
    Waren die Teilnehmer der Anti-Israel-Demonstration dem einfacheren Arbeiter- und vereinzelt vielleicht dem Studentenmilieu zuzuordnen, war heute nur gut situierter Bürgerstand und aufwärts vertreten. Von ordentlicher, auch einfacher Alltagskleidung über Anzug und Loden bis hin zu Pelz und Gucci-Brillen war alles vertreten.
    Das Publikum bestand hinsichtlich der Altersschichtung fast ausschließlich aus Erwachsenen, wobei die Altersgruppe zwischen 40 und 60 besonders stark vertreten war.
    Hinsichtlich der Einbindung von Passanten zeigte sich dasselbe Bild wie gestern: Es gab keinen erkennbaren Zulauf von Passanten zu den Teilnehmern, wobei dazu gesagt werden muss, dass heute merklich weniger Publikum unterwegs war.
  • Parolen
    wurden im Gegensatz zu gestern keine skandiert.

Als (vielleicht nur vorläufiges) Schlußwort zu beiden Veranstaltungen bleibt zu sagen, dass beide in ihrer offenkundigen Einseitigkeit, ihren Auslassungen und Übertreibungen, auch in ihrer offenen (gestern) oder versteckten (heute) tiefen Feindseligkeit der gesamten anderen Partei gegenüber nur die zu beeindrucken vermochten, die ohnehin schon Partei ergriffen haben.

Beide Veranstaltungen dienten in hohem Maße nur der Selbstvergewisserung. Damit waren alle Teilnehmer „für sich“ gewiß mehr als zufrieden.

Ich bezweifle stark, dass eine der beiden Demonstrationen auch nur einen einzigen Unterstützer hinzugewonnen hat.

Beide Veranstaltungen waren außerstande, die hiesige Diskussion produktiv zu befruchten. Das ist bedauerlich angesichts der Tatsache, dass wir Tausende von Kilometern entfernt sind und uns den Luxus leisten könnten, ernsthafte Diskussionen zu führen. Vielleicht ist es aber auch schlicht nicht der Sinn solcher Demonstrationen, für mehr Klarheit zu sorgen. Wer würde von einer Parteiveranstaltung vor einer Wahl Objektivität erwarten? Da es aber um Menschenleben geht, und nicht um Stimmen, ist diese freiwillige Flucht in Parolen doppelt schwerwiegend.

Insofern haben sich dem Äußeren nach beide Demonstrationen zwar stark voneinander unterschieden, waren aber ihrem Wesen nach ähnlich.

Beide beinhalteten keinerlei Offerten zum Brückenbau.

Wozu auch? Wir leben schließlich in Kriegszeiten.

— Schlesinger

PS.: Einer der Redner brandmarkte nachdrücklich die völkerrechtswidrige und sich in vielfacher Weise illegal auswirkende jüdische Besiedlung des Westjordanlandes und mahnte, es könne nie zu einem Frieden mit den Palästinensern kommen, wenn man ihnen Stück um Stück und Jahr für Jahr weiter ihr Land wegnehme. Dafür erhielt er zwar keinen tosenden, aber anerkennenden Beifall. Oder sagen wir: Ich hätte mir gewünscht, dass es so eine Szene gegeben hätte.

PS. 2: Leseempfehlung zum Thema Kriegspropaganda siehe den facettenreichen Beitrag auf dem Spiegelfechter. Dass der SF dazu tendiert, der israelischen Seite alles zuzutrauen und der palästinensichen bzw. der Hamas vieles, wenn nicht alles zu entschuldigen, muss man „dazulesen“. Nichtsdestoweniger instruktiv.

PS 3.: Zu den beiden Beiträgen bzgl. der Demonstrationen bitte beachten, dass sie sich nur auf die konkreten Veranstaltungen beziehen und nur auf den Veranstaltungsort München.