Anti-Israel Demonstration in München

In den letzten Jahren wurde zurecht viel kritisiert und gespottet, wie sehr George W. Bush das von ihm erklärte Ziel  „Herz und Verstand der Muslime“ im Kampf gegen den Terror zu gewinnen ins genaue Gegenteil verkehrte.

Denselben Eindruck habe ich heute beim Besuch der Anti-Israel-Demonstration in München bekommen. Allerdings unter umgekehrten Vorzeichen.

Um eins vorwegzunehmen: Es geht hier nicht um das Recht auf freie Meinungsäußerung oder das Versammlungsrecht. Eine Demonstration gegen die militärische Aktion Israels ist legitim.

Den Veranstaltern und Teilnehmern aber gelang mit Sicherheit nicht, die Bevölkerung oder die Medien für sich zu gewinnen. Es war eine Demonstration nur für die ohnehin schon überzeugten Teilnehmer.

Ich habe die Veranstaltung nicht bescht um weitere Informationen über den Krieg zu erhalten, sondern um zu beobachten, wie die Initiatoren ihre Sache verkaufen.

Hier der Versuch einer knappen Analyse aus politologischer, soziologischer und psychologischer Perspektive.

  • Redner / AnsprachenDer Gaza Krieg im Winter 2008/09 und die Hintergründe, die zu ihm geführt haben, bieten viele Ansatzpunkte, um daraus vernünftige Positionen für die palästinenischen Sache entwickeln zu können.Diese Möglichkeiten blieben weitgehend ungenutzt.

    Redner und Ansprachen sind hinsichtlich ihrer Argumente, der dafür verwendeten Wortwahl und der Intonation merkwürdig gleichförmig geblieben.

    Argumente und Wortwahl: Ohne im Einzelnen darauf einzugehen, scheint es eine Art Absprache gegeben zu haben, den Krieg der israelischen Armee als eine Art Vernichtungsfeldzug oder Völkermord darzustellen.

    Dabei muss sich jedem Unparteiischen sofort die Frage aufdrängen: Kann das stimmen?

    Denn wollte Israel oder die israelische Armee die Bevölkerung Gazas vernichten, so wäre nach dem ersten Tag nicht mehr viel übrig von ihr.

    Immerhin schießt und bombardiert eine der bestausgerüsteten Armeen der Welt seit zwei Wochen und hat dabei schmerzlich viele Tote und Verwundete unter der Zivilbevölkerung verursacht. Doch 1400 Tote angesichts der dicht gedrängten Bevölkerung von 1,5 Millionen lässt jede Behauptung eines Völkermords zu dem werden, was sie ist: Eine dem tragischen Vorgang nicht angemessene Verzerrung der Sachlage. Man hat damit die Chance verschenkt, die schlimme Lage angemessen darzustellen. Die Mehrzahl der Opfer waren Zivilisten. Man hat nachweislich auf Zivilisten geschossen, auch auch naher Distanz. Warum sich nicht an die Tatsachen halten?

    Wie wollen die Organisatoren der pro-palästinensischen Sache glaubwürdig bleiben, wenn sie sich selbst bei so offenkundigen Dingen nicht scheuen, ihre Vorwürfe in falschen Superlativen auszudrücken?

    Die dargelegten Inhalte waren Flickwerk. So kamen auch Linke mit diversen Versatzstücken aus Kapitalismus- und Globalisierungskritik auf ihre Kosten. Es waren auch Fahnenträger der kommunistischen Gruppierung DKP dabei. Soll das auf einer Demo im konservativen Bayern der Sache der Palästinenser dienlich sein? Die Befürworter des Gaza-Kriegs dürften ihre Freude an dieser Demo gehabt haben.

    Frau Hecht-Galinski dürfte als eine Art Höhepunkt vorgesehen gewesen sein. Immerhin ist die die Tochter des früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Gallinski.

    Hecht-GalinskiSie hat sich schon früher pointiert gegen Israel ausgesprochen. Statt sich frei zur Lage in Gaza zu äußern, hat sie ihre vorbereitete Rede Wort für Wort vom Blatt gelesen.

    Auch sie übte sich ausschließlich in härtesten Formulierungen. Als ich einen Blick auf sie erhaschen konnte, passte der optische Eindruck allzu gut auf das Gehörte. Eine durch und durch hart, schroff wirkende Frau. Wie bei dem oben erwähnten Redner der besonderen Art hatte ich auch hier den Eindruck, dass hier ein hartes Thema seine Person gefunden hat und weniger umgekehrt.

    Das Publikum war zu dieser fortgeschrittenen Zeit – es war die abschließende Station auf dem Marienplatz – schon ermüdet und lieferte zu den eintönig, aber harsch heruntergelesenen Beiträgen Hecht-Galinskis nur noch Pflichtapplaus.

  • IntonationDie Art der Äußerungen waren das entscheidende Kriterium, aufgrund dessen mich die Veranstaltung insgesamt abgeschreckt, ja abgestoßenhat.Für eine bestimmte Art muslimischer Redner wurde das Wort „Hassprediger“ erfunden.

    Davon gab es heute Kostproben bis zum Überdruß. Dabei machte es keinen Unterschied, ob die Redner Muslime oder vielleicht atheistische Linke oder möglicherweise christliche Friedensaktivisten waren. Allesamt hatten sie eine hetzerische, stets ungehemmt wutentbrannte und bisweilen ins Hysterisch gehende Art an sich, um den Krieg Israels anzuprangern.

    Man kann wütenden Ansprachen anhören, ob es sich um eine gerechte Wut über eine ungerechte Sache handelt, oder ob sich  wütende Menschen einer Sache deshalb annehmen, weil sie zu ihrer wütenden Natur passt.

    Vor allem ein Redner, der wohl Leiter einer Münchner Friedensgruppierung ist, stach in seiner Rede auf dem Odeonsplatz gegen 14 Uhr aus dieser Reihe besonders negativ heraus.

    Ich meinte tatsächlich eine alte Rede aus den Dreissigern zu hören, in der mit geübter Aufrührerrhetorik Stimmung gegen eine bestimmte Gruppierung gemacht wurde. Mir haben sich bei diesem Menschen und dessen Rhetorik die Nackenhaare gestellt.

    Dass sich ein Charakter dieser Art als Kämpfer für eine gerechte Sache darstellen darf und offenbar auch noch akzeptiert wird, ist mir absolut rätselhaft (ist es mir natürlich nicht, aber irgendwie muss ich eine gewisse Verblüffung über die unendlichen Wiederholungen menschlicher Niederungen und deren Camouflage zum Ausdruck bringen).

    Als er nach getaner Arbeit die Zuhörer zur Bestätigung der gemeinsamen Sache aufrief, brandete ein mehrfach donnerndes Allahu Akbar (Gott ist groß) über den Odeonsplatz. Ich bin der palästinensischen Sache zugetan, aber muslimische Schlachtrufe – denn  aufgrund der Tonlage war es natürlich genau das – sind mir ebenso ein Greuel wie es sonstige politische Kampfrufe oder religiös gefärbte Kampfparolen wären.

    Offenbar ist der Odeonsplatz dafür noch immer gut zu gebrauchen.

  • PublikumDie Demonstration dürfte sich zu drei Vierteln aus palästinensischen, arabischen, türkischen sowie zu vielleicht einem Viertel aus deutschen Teilnehmern zusammengesetzt haben.Frauen und Männer waren zu etwa gleichen Anteilen vertreten (auch bei den Kindern und Jugendlichen).

    Angesichts der medialen Präsenz des Krieges und einer zu vermutenden umfänglichen Bekanntmachung seitens der Organisatoren hätte man eine immense Beteiligung und infolge dessen eine größere Zahl interessierter Beobachter erwartet. Nichts davon.

    Trotz eines beachtlichen Anteils muslimischer Einwohner in der Millionenstadt München mitsamt seinem großem Einzugsgebiet sowie einem quantitativ nicht zu unterschätzenden links-liberalen Einwohneranteil (das für Anti-Kriegsdemonstrationen traditionell mehr Interesse zeigt) schienen mir die – laut vor Ort gegebener inoffizieller Polizeischätzung – 1000 bis 1200 Teilnehmer wenig.

    Betrachtet man die Zusammensetzung aus soziologischer Sicht, so fiel das völlige Fehlen einer bürgerlichen Schicht auf, ganz zu schweigen von Bessergestellten.  Seitens der Presse war meines Erachtens nur ein kleineres Team dabei, wobei ich den Sender nicht erkennen konnte. Die Polizeipräsenz entsprach dem üblichen Niveau.

    Auffällig war die Abgrenzung von Demonstranten und Passanten.

    Die Demonstranten blieben fast vollkommen unter sich, obwohl Odeonsplatz, Marienplatz und ein Gutteil der Strecke des Demonstrationszugs stark publikumsfrequentiert sind.

    Die Ansprachen und das Erscheinungsbild der Demonstration waren offenbar nicht dazu geeignet, Interesse oder gar Teilnahme zu wecken.

    Im Gegenteil: Passanten am Rande schauten weitaus öfter mißtrauisch und argwöhnisch als neutral oder gar interessiert.

    Man darf mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass dies nicht an einer fühl- oder teilnahmslosen Passivität der Deutschen liegt (die zusammen mit anderen Europäer in Israel einmal mehr überwiegend als Palästinenserfreunde gesehen werden). Im vorliegenden Fall kann  man das eindeutig der gesamten Erscheinung der Demonstration zuschreiben.Die Demonstration richtete sich gegen Israels Krieg gegen die Hamas bzw. in Gaza. Krieg ist keine Sache, für oder gegen den man zur politischen Auseinandersetzung Kinder oder Jugendliche benutzen sollte. Und dennoch bestand ein überraschend großer Anteil im Publikum aus Kindern oder Jugendlichen. Es dürfte die Hälfte gewesen sein. Viele trugen Plakate oder liefen später mit wütenden Gesichtern ununterbrochen Parolen schmetternd vom Odeonsplatz zum Marienplatz.

    Einer der Organisatoren sprach beim Aufbruch vom Odeonsplatz ins Publikum, die Kinder sollten doch zu ihm kommen, um noch Plakate in Empfang nehmen zu können und um dann dem Zug vorweg zu marschieren. So kam es dann auch. Die Spitze des Demonstrationszuges bildeten viele Kinder und Jugendliche, die von Einpeitschern zum Nachrufen ihrer Parolen aufgemuntert wurden, und dem sie und viele aus dem Demonstrationszug bereitwillig und in einer Art Endlosschleife nachkamen.

  • Parolen„Israel – Kindermörder!“,“Zionisten – Frauenmörder!“,

    „Israel – Zivilistenmörder!“,

    „Intifada – bis zum Sieg!“

  • klingen mir jetzt noch in den Ohren nach. Dazu kamen Anfeindungen der Vereinten Nationen, der Bundesregierung oder der Europäischen Union. Ein Demonstrant hielt in Anlehnung an das „Schuh-Attentat“ auf george W. Bush einen Schuh hoch, auf dessen Sohle MERKEL stand.Passend zu dieser fast universalen Erklärung von Gegnerschaften blieb mir nicht der Eindruck von den zu unrecht Unterdrückten haften, sondern der von einem „Wir gegen alle“.Als ich die Veranstaltung verließ, kam mir eine Schar Kinder mit Keffirs entgegen, die gutgelaunt ein Plakat hochhielten, auf dem stand „Israel verrecke„. Das dürften ihnen ihre Eltern drauf geschrieben haben und sie verstehen es im ganzen Umfang gar nicht.

    Das war der ungute Ausklang einer unguten Veranstaltung.

    Zusammengefasst lässt sich als Kardinalfehler ausmachen:

    DieseVerfechter der palästinensischen Sache sind nicht in der Lage, ihre Sache so darzulegen, dass sie andere dafür einnehmen können. Statt dessen richten sich ihre gesamte Energie darauf, Israel so schlecht als nur irgend möglich darzustellen. Das Schlechte am anderen hat noch nie das eigene Gute ersetzen können.

    Ich bezweifle, dass die Teilnehmer dieser Demonstration den wahren Querschnitt der pro-palästinensischen Muslime oder  Deutschen dargestellt habe. Dafür war sie in mehrfacher Hinsicht viel zu einseitig.

Leser dieses Blogs wissen, dass wir in Bezug auf den Nahostkonflikt sehr an einer ausgewogenen Berichterstattung interessiert sind. Wir sehen insgesamt eine größere Bringschuld Israels, wenngleich wir der Hamas mit größter Skepsis gegenüber stehen.

Unbeschadet dessen ist meine Wertung, dass Demonstrationen wie die heutige der palästinensischen Sache einen schlimmen Bärendienst erweisen.

Im Radio hörte ich heute abend auf mehreren Sendern, dass in deutschen Städten Tausende gegen den Gaza-Krieg demonstriert haben. Die Veranstalter (zumindest die Münchner) können sich über diese neutrale Wiedergabe freuen. Sie trifft nicht die Substanz.

Für morgen, den 11. Januar,  hat der Zentralrat der Juden in Deutschland zu einer Solidaritätsveranstaltung für Israel auf dem Marienplatz geladen. Er hat einen enormen Vorteil: Schlechter kann er es nicht machen.

— Schlesinger

PS: Diese Beobachtung und Wertung bezieht sich selbstverständlich nur auf die Veranstaltung in München und hat daher keinerlei Aussagekraft auf weitere Veranstaltungen, die heute stattgefunden haben.

(Alle Photos: T.A.B.)

Leseempfehlungen:

‚Murat‘ hat in seinem Kommentar einen Link zur Islamischen Zeitung geschickt, der gut zu diesem Beitrag passt.

 

Zur humanitären Lage in Gaza

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