Hitler great man, Mercedes best car !

Warum ich so eine schlechte Meinung von den Palästinensern hätte, wollte ein Leser als Reaktion auf meinen Beitrag über den Hamas-Führer Ismael Hanija wissen.

Die Frage lohnt einen Kurz-Blog. Zunächst habe ich ebensowenig eine schlechte Meinung von „den“ Palästinensern, wie ich eine von „den“ Israelis habe.

Ich habe aus persönlicher Anschauung und Gesprächen eine ausdrücklich schlechte Meinung über palästinensische Radikale wie über nicht minder radikale israelische orthodoxe Siedler. Bei beiden Gruppierungen handelt es sich um Minderheiten.

In meiner ersten von zwei Israel-Reisen habe ich in 1990 einschlägige Erfahrungen sammeln können, da die Reise vor allem als Studienfahrt angelegt war. Wir wollten möglichst viele Eindrücke sammeln, hatten uns zuvor relativ intensiv mit der Geschichte Israels befasst und suchten das Gespräch mit so vielen unterschiedlichen Menschen wie möglich.

Das umfasste den Jugendherbergsleiter am See Genezareth, der als kleines Kind noch in Theresienstadt war, den alten Frisör in Jerusalem, der mir auf meine naive Frage, woher er so gut Deutsch könne, seine Unterarmtätowierung zeigte, unsere ältere Herbergsdame, die sich freute, auch mit jungen Deutschen reden zu können, die palästinensischen Israelis am Kaffeetisch ganz im Norden in der Nähe von Kirijat Schmona, die auf einen palästinensischen Staat dankend verzichteten, weil sie davon eine weniger gute öffentliche Verwaltung erwarteten, Soldaten auf der Busfahrt Richtung Beersheva, die froh waren, nicht in Gaza stationiert zu sein, eine hermetisch abgeriegelte Grenze auf dem Golan, im Vergleich zu der die innerdeutsche Grenze wie Nachbars Gartenzaun wirkte, der Besuch von Yad Vashem, der nach der Lektüre von Hochhuths Stellvertreter der Sargnagel für meinen Glaubens-Restbestand war, und vieles andere mehr.

Am eindrücklichsten blieben – wie könnte es anders sein – die extremen Erlebnisse haften.

Das waren auf jüdischer Seite die Steinwürfe, denen wir im Jerusalemer Orthodoxenviertel Mea Schearim ausgesetzt waren  (wir waren sommerlich, aber korrekt gekleidet). Von wem oder warum die Steine geflogen kamen, konnten wir nicht sagen. Wir machten uns nur möglichst rasch aus dem Staub. In Verbindung mit der unangenehm düsteren Atmosphäre des ganzen Viertels, der Abneigung der Bewohner, mit uns ins Gespräch zu kommen, den abweisenden Blicken, als wir eine Hochzeitsgesellschaft neugierig musterten und den allerorts straßenüberspannend aufgehängten Warnhinweisen, wonach sich Frauen (!) anständig zu kleiden hätten, blieb ein äußerst unangenehmes Bild von dieser offenbar nur für sich lebenden Welt zurück. Alle Bilder und Informationen, die man sich zahlreich über die Siedler der Westbank verschaffen kann (Lesempfehlung: Die Herren des Landes, von Idith Zerthal), fügen sich nahtlos in dieses Bild.

Auf arabischer Seite blieb der stärkste negative Eindruck der von einem Gespräch in einer Ostjerusalemer Kaffeestube, wobei das Gespräch in einer größeren Runde stattfand. Ein jüngerer Palästinenser fungierte als Englischübersetzer, und hatte einiges zu tun, die zahlreichen Zwischenrufe seiner Landsleute zu übersetzen. Offenbar empfanden sich alle als große Freunde Deutschlands und waren umgekehrt der Auffassung, Deutschland sei ihr bester Freund. Ungefragt warf einer ein, dass Hitler ein großer Mann war, weil er versuchte, alle Juden umzubringen, und aus der Runde kam große Zustimmung, und im übrigen sei Mercedes das beste Auto der Welt, worauf sich ein anderer ermuntert fühlte, seine drei Brocken Englisch unter Beweis zu stellen, indem er das soben gesagte stolz zusammenfasste: „Hitler great man, Mercedes best car on world!“

Ich wünschte ich könnte sagen, dass es mit Ironie gesagt wurde oder auf andere Weise entschärft worden wäre. War es nicht. Es war soweit man erkennen konnte genau so gemeint.

Der zuletzt genannte Punkt wurde mir Jahre später von einer Freundin bestätigt, die ein halbes Jahr in Israel gearbeitet hatte und ganz ähnliche Erfahrungen machte.

Daher kann ich nur wiederholen: Trotz der Auffassung hinsichtlich dessen, was politisch getan werden müsste, um eine leidlich gerechte Situation zu schaffen – und hier ist die Bringschuld Israels groß – dürfen die bisweilen niederen Instinkte einiger Akteure nicht übersehen werden. Diese Instinkte oder Weltanschauungen lassen sich nicht aufgrund veränderter politischer Rahmenbedingungen ein – und ausschalten.

Mit anderen Worten: Eine Umsetzung der Zweistaatenlösung, weitestgehende israelische Räumung der Westbank, Abzug vom Golan, uneingeschränkte Anerkennung Israels durch die Palästinenser, Friedensvertrag mit Syrien – um nur die wichtigsten Punkte zu nennen – sind längst überfällig.

Ein Großteil der Siedler und eine Großteil der radikalen Palästinenser werden dennoch ihre eigene Agenda verfolgen und sich einer solchen Lösung widersetzen.

Insofern sollte man nicht der Versuchung erliegen, Hamas und Palästinenser gleichzusetzen und dabei annehmen, man müsse der Hamas nur Konzessionen machen, um zu Frieden zu gelangen.

Just in der Hamas dürfte ein Großteil der Radikalen vertreten sein. Womit wir wieder hier wären: Hitler was a great man.

Zum Rest der Reise: Ansonsten fühlten wir uns sowohl in israelischer wie auch in arabischer Umgebung fünf Wochen lang sehr wohl.

Um das noch los zu werden: Den mißratendsten Eindruck im ganzen Land – man bringt schließlich seine eigene Kultur im Gepäck mit – hatten wir ausgerechnet in der Grabeskirche gewonnen. Welch scheußliche, kunterbunte Anhäufung von Devotionalien, die diesem Ort den ordinären Ruch eines billigen Nippesladen bescherte. Für einen Moment fühlten wir nach, wie es Jesus ergangen sein mußte, als er die Geldwechsler im Tempel sah und sie geharnischt hinauspeitschte. Das wäre heute dringend vonnöten. Das aber dürfte das geringste Problem sein im Heiligen Land.

— Schlesinger

Nachtrag aus der lebendigen Historie:

Der Großmufti von Jerusalem, Amin Al-Husseini (1893-1974), gründete 1931 den Islamischen Weltkongreß. Der Kongress verabschiedete eine Resolution, die sich unter anderem strikt gegen den Zionismus wandte.

1933 kabelte Husseini nach Berlin, um dem frisch gewählten Reichkanzler Adolf Hitler zu gratulieren:

„Die Moslems innerhalb und außerhalb Palästinas begrüßen das neue Regime in Deutschland und hoffen, dass sich die faschistische, antidemokratische Staatsführung auch auf andere Länder ausdehnt.“*

Husseini sprach während des Zweiten Weltkriegs den Heiligen Krieg gegen die Briten aus und mußte nach Europa fliehen. Dort begab er sich im  Auftrag des Deutschen Reichs nach Kroatien, um die Bildung von muslimischen Kampfverbänden der Waffen-SS zu unterstützen:

Man sieht: Die vielgerühmte „traditionelle deutsch-arabische Freundschaft“ hat ihre sehr dunklen Schattenseiten.

Was im Westen ebenfalls oft ignoriert wird, ist das ganz andere Zeitverständnis in der arabischen Welt. Für uns ist Hitler fast schon Mittelalter, für Araber war das „gestern“. Israel denkt in seiner Politik wie wir im Westen: Von heute auf morgen, vielleicht auf übermorgen. Arabische Regimes und Bewegungen denken in Jahrzehnten, wenn nicht in Jahrhunderten. Wir wären gut beraten, unsere Perspektiven in dieser Hinsicht  anzupassen.

(Photo: Amin al Husseini; entnommen aus: Schreiber / Wolfssohn, Nahost; dto: *)
(Photo: Youtube: 13. Waffen-SS Gebirgsdivision Handschar)