Erste Girl Band in Saudi-Arabien

Die Single Pinoccio der ersten saudischen Girlgroup „Accolade“ („Ritterschlag“ / Auszeichnung) wurde zum Untergrund-Hit.

Obwohl die Band weder öffentlich auftreten noch sich für das Plattencover abbilden lassen darf, hat sie es zu einiger Berühmtheit gebracht im ansonsten äußerst sittenstrengen und konservativen Saudi-Arabien.

Denn dort wird mit dem Wahabismus eine besonders strenge Form des Islam gelehrt. Verurteilte Verbrecher  werden öffentlich gehenkt oder enthauptet. Dieben kann die Hand amuptiert oder abgeschlagen werden. In Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht autofahren und sollten sich in der Öffentlichkeit nur verschleiert zeigen.

Die vier Mädchen wissen, dass ihre Band ein gewagtes Projekt ist. Dennoch wollen sie sich nicht von ihrer Musik abbringen lassen und planen eine Art Konzerttournee, auch wenn sie nur in privaten Räumen stattfinden kann.

„Vielleicht sind wir ja verrückt,“ meint die gepiercte Sängerin Lamia, „aber wir wollen etwas Besonderes machen.“

Wenn so ein Phänomen irgendwo in Saudi-Arabien stattfinden kann, dann nur in Jidda, der am ehesten offenen Stadt des Königreichs.

Obwohl die Accolades die erste Mädchenband sind, gibt es inzwischen einige Dutzend anderer Rockbands. Das ist auf die zunehmende Verjüngung der Bevölkerung zurückzuführen, die interessanterweise nach 9/11 den Drang nach mehr Freiheit artikuliert.

Die ersten Rockbands in Saudi-Arabien entstanden vor etwa 20 Jahren. Allerdings kam diese Bewegung zum Erliegen nachdem es bei Konzerten Razzien und Verhaftungen gegeben hatte.

Sind die Accolades ein Zeichen der Öffnung?

Das wäre zu viel gesagt, denn immerhin wird zum Beispiel in den Schulbüchern der zehnten Klassen gelehrt, dass es für Muslime verpflichtend sei, einander loyal zu sein und die Ungäubigen als ihre Feinde zu betrachten.*

Solange solche Strukturen vorherrschen, kann man nicht viel mehr sagen als „Eine Schwalbe allein macht noch keinen Frühling“.

Eine schöne Geschichte ist die Girlband allemal – bisher.

— Schlesinger

Wahabismus

Der Wahabismus entstand als fundamentale islamische Bewegung im 18. Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel.
Er strebte eine Reinigung der ihrer Ansicht nach damals verderbten muslimischen Praktiken und Glaubensinhalte an.
Er gründet sich auf die Schriften Muhammad ibn Abd al-Wahhâbs (1703-1791).
Ein Dorn im Auge war den Wahabiten v. a. der weitverbreitete Brauch, bei verstorbenen Heiligen um Fürsprache nachzusuchen. Aus diesem Grunde wandten sie sich vehement gegen den Besuch von Mausoleen und Andachtsstätten und forderten die Einebnung aller muslimischen Grabanlagen.
Darüber hinaus sollte jeder, der das islamische Glaubensbekenntnis abgelegt hatte, aber Unglauben praktizierte, getötet werden.
Generell müsse jede Lehrmeinung und jede Handlungsnorm direkt aus dem Koran und den prophetischen Überlieferungen entnommen werden und nicht aus den Auslegungen der vier Rechtsschulen.

Rechtsystem in Saudi-Arabien

Es gibt wohl keinen Staat im Nahen und Mittleren Osten, dessen Rechtssystem so stark islamisch geprägt ist wie Saudi-Arabien. Islam und islamisches Recht prägen, durchdringen, formen usw. das gesamte soziale, kulturelle, wirtschaftliche, geistige, politische usw. Leben. […]

Gesellschaft und Herrschaft völlig dem Islam untergeordnet. Koran und Sunna (die prophetische Tradition) gelten expressis verbis als Verfassung des Staates, wie es die wahhabitischen Religionsgelehrten stets erklärt haben.

Das in Saudi-Arabien befolgte Recht orientiert sich grundsätzlich an den Normen der hanbalitischen Rechtsschule. Dies gilt insbesondere für den Bereich des Kultus, des Familien- und Erbrechts und im Strafrecht. 

Die Todesstrafe ist weiterhin gültig. Üblicherweise werden die Todesurteile am Freitag nach dem Mittagsgebet (in Riad vor der Hauptmoschee) vollstreckt.

* Angabe von Tom L. Friedman, Longitudes and Attitudes, Chapter Drilling for tolerance

(Photo: hazy jenius)