Zur Lage der palästinensischen Flüchtlinge im Libanon – Teil 1

Als Folge der Staatsgründung Israels im Mai 1948 haben etwa 750.000 Palästinenser ihre frühere Heimat verloren.

Zur Lage der palästinensischen Flüchtlinge im Libanon – 1948 bis heute
Ein Gastbeitrag von Ingrid Rumpf

Vorsitzende des Vereins „Flüchtlingskinder im Libanon e.V.
(gegründet 1995)

Die Flüchtlinge flohen unter dem Eindruck der kriegerischen Auseinander­setzungen (Bürgerkrieg in Palästina vor der Ausrufung des Staates Israel, erster arabisch-­israelischer Krieg nach der Staatsgründung) in die arabischen Nachbarstaaten bzw. wurden dorthin vertrieben.

100.000 palästinensische Flüchtlinge kamen damals in den Libanon.

Die Mehrzahl von ihnen war aus dem Norden Palästinas, aus den Dörfern Galiläas, den Küstenstädten Haifa und Akko sowie aus Nazareth, Safed und Tiberias.

Um das Flüchtlingselend zu lindern wurde 1949 von den Vereinten Nationen die UNRWA gegründet, die United Nations Relief and Works Agency. Sie sollte die palästinensischen Flüchtlinge mit dem Nötigsten versorgen, bis sie in ihre Heimat zurückkehren würden.

Bis zum Ausbruch des libanesischen Bürgerkrieges im Jahr 1975 gab es im Libanon 15 von der UNRWA versorgte Flüchtlingslager.

In den 60er Jahren pendelte sich der Anteil der in den Lagern lebenden Flüchtlinge bei 40% ein. Heute leben mehr als 400.000 palästinensische Flüchtlinge im Libanon, davon etwa 56% aufgrund des wirtschaftlichen und sozialen Niedergangs der palästinensischen Gemeinschaft in Lagern.

Die früheren traditionellen Dorfgemeinschaften mit ihren Familien- und Clanhierarchien blieben in den Lagern weitgehend erhalten. Von Anfang an unterschied sich die soziale Struktur in den einzelnen Flüchtlingslagern relativ stark voneinander.

Bis heute ist die Situation in den Lagern Beiruts besser als in den Lagern des Südens und Nordens. In der Hauptstadt finden sich trotz aller Einschränkungen die besten Beschäftigungsmöglichkeiten, die schwerpunktmäßig im Dienstleistungsbereich liegen. Dagegen können vor allem die Bewohner der nördlichen und südlichen Lager ihr Auskommen nur als Saisonarbeiter im landwirtschaftlichen Bereich finden.

Wohlhabende Flüchtlinge rascher integriert

Der größte Teil der wohlhabenden Palästinenser aus der Handels- und Finanzbourgeoisie, -aber auch einige Feudalfamilien ließen sich nach ihrer Flucht in Beirut nieder. Der gesamte arabische Raum hatte sich über Jahrhunderte zu einem zusammenhängenden Wirtschafts­gebiet entwickelt, was ein Fußfassen dieser palästinensischen Flüchtlingsgruppen im arabischen Ausland erleichterte.

Auch die etwa 30.000 Personen umfassende Mittelklasse konnte sich schnell erfolgreich im Libanon etablieren. Die Wohlhabendsten unter ihnen, vor allem die christlichen Palästinenser, erhielten schon bald die libanesische Staatsangehörigkeit.

Ungleich schwerer hatten es die landlos gewordenen Bauern und städtischen Armen, die in ihrer großen Mehrheit in den Flüchtlingslagern der UNRWA Unterschlupf suchen mussten.

Ausgeprägtes Bildungsbewußtsein

Ein auffallendes Merkmal der palästinensischen Mittel- und Oberklasse war ihr ausgeprägtes Bildungsbewusstsein. Hochqualifizierte Akademiker und Spezialisten rekrutierten sich aus ihr. Sie fanden überall in der arabischen Welt, aber häufig auch im westlichen Ausland gut bezahlte Arbeitsmöglichkeiten.

Auch in den Flüchtlingslagern wuchs in den 60er Jahren das Bedürfnis nach Bildung. Nach dem Verlust von Besitz und Land durch die Nakba, die Katastrophe, wie die Palästinenser ihre Vertreibung bezeichnen, wurde Bildung zum größten Kapital für die Flüchtlinge.

Die zunehmende Bedeutung von Bildung schuf neben der traditionellen Führungsschicht, die herrührend aus der Mandatszeit zunächst noch eine große Rolle spielte, eine neue einflussreiche Elite von Akademikern, insbesondere Lehrern, die zunehmend die politische Führung auch in den Lagern übernahm. Dies und die besondere Verbundenheit der in den Lagern lebenden palästinensischen Flüchtlinge mit ihrer Heimat und deren Traditionen war die Basis für den in den 60er Jahren entstehenden spezifisch palästinensischen Nationalismus.

Gründung der palästinensischen Freiheitsbewegungen

Schon in den 50er Jahren wurde in Kuwait die palästinensische nationale Befreiungs­bewegung Harakat at-tahrir al-watani al-filastini von Jassir Arafat gegründet. Abgekürzt und von rückwärts gelesen ergibt die arabische Bezeichnung den Namen Fatah.

Zur selben Zeit gründeten im Libanon Studenten der Amerikanischen Universität Beirut den Bund der Arabischen Nationalisten (BdNA). Herausragende Personen dieser Bewegung waren George Habasch (PFLP) und Najef Hawatmeh (DFLP). Für den BdNA galt die Einheit der arabischen Staaten als Voraussetzung für die Befreiung Palästinas, während die Fatah die Befreiung Palästinas als ersten notwendigen Schritt auf dem Weg zur arabischen Einheit sah.

Keine Hoffnung auf gesamt-arabische Lösung

Bis in die 60er Jahre erhofften sich die palästinensischen Flüchtlinge eine Lösung ihres Problems durch die arabischen Staaten. Spätestens im Juni-Krieg 1967 mussten sie dann aber deren politische und militärische Unfähigkeit erkennen.

Mit der Gründung der PLO und der Übernahme ihres Vorsitzes durch Jassir Arafat im Jahr 1969 nahmen die Palästinenser ihr Schicksal in die eigenen Hände.

Die Organisation sah zunächst ausschließlich im bewaffneten Kampf das Mittel zur Befreiung Palästinas.

Dieser wurde zuerst von Jordanien aus und ab 1970/71 vom Libanon aus geführt. Beirut wurde Hauptquartier der PLO. Da sich unter dem Dach der PLO nicht nur militärische und politische Organisationen zusammenfanden, sondern auch kulturelle und soziale Vereinigungen entstanden, erlebten die palästinensischen Flüchtlinge im Libanon einen deutlichen sozialen Aufschwung.

Im Spannungsfeld der Interessen

Etwa 60% der Flüchtlinge arbeiteten als Milizionäre, Angestellte, Sozialarbeiter/Innen, Lehrer/Innen, Ärzte/Innen und in anderen Berufen bei den verschiedenen Einrichtungen der PLO und fanden damit ein Auskommen. Durch die großzügige finanzielle Unterstützung vor allem aus den reichen Golfstaaten wurde die Organisation zu einem entscheidenden politischen und militärischen Faktor im Libanon. Die Palästinenser konnten sich bereits 1969 im Kairoer Abkommen von der damaligen libanesischen Regierung das Recht erwirken, innerhalb der Flüchtlingslager politisch und militärisch autonom zu sein und von libanesischem Boden aus ihren Kampf zur Befreiung Palästinas zu führen.

Besonders die in der libanesischen Politik und Wirtschaft dominierenden Maroniten sahen darin zunehmend eine Gefahr für ihre eigene Position.

Sunnitische, drusische und allgemein links orientierte libanesische Gruppierungen fanden dagegen bei der PLO Unterstützung für ihre Ziele, die auf eine angemessene Machtbeteiligung und gerechtere soziale Verhältnisse im Libanon gerichtet waren.

Neben den innenpolitischen Spannungen im Libanon und den Einmischungsversuchen ausländischer Mächte (u.a. Israel, Syrien, Frankreich, USA) war somit die Anwesenheit der palästinensischen Flüchtlinge ein destabilisierender Faktor im Libanon und einer der Auslöser des libanesischen Bürgerkrieges. Um die heutige restriktive Haltung der libanesischen Politik gegenüber den Flüchtlingen zu verstehen, müssen diese Zusammenhänge berücksichtigt werden.

( Teil 2 folgt)

Bitte ziehen Sie eine Mitgliedschaft in diesem Verein in Erwägung und besuchen Sie die Webseite (PS: sie wird demnächst überarbeitet). Schirmfrau des Vereins ist die israelische Menschenrechtsanwältin Felicia Langer, die 1990 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

— Schlesinger

PS.: Es gibt einen israelischen Animationsfilm über die Massaker in Sabra und Schatila.

(Photo: Falasteenyia)
(Photo: Roobee)
(Photo: tsweden)