Zum Besuch von Al Gore in München

Auch renommierte Zeitungen wie die SÜDDEUTSCHE haben es nicht einfach. Unterliegen sie doch ebenso dem unerbittlichen Quotenzwang wie das Fernsehen.

Wie soll man über etwas vom Alltag so abgehobenes wie den Klimawandel auch wiederholt berichten, ohne dass dem Verbraucher (= Leser) langweilig wird?

Andererseits ist man seriös. Will auch über die wirklich großen Themen berichten.

Kompromiß: Man schreibt die neueste Schreckensmeldung über den

drastischen Temperaturanstieg in der Arktis um 5° über Normal

zwar auf die erste Seite, aber dort in einem possierlich kleinen Beitrag bedeutungsgerecht positioniert über „Berliner Schinkelplatz wieder eröffnet“.

Prominent eingerahmt in der Mitte der ersten Seite steht hingegen der Artikel

UNTER DEN RÖCKEN DER REPUBLIK

Der titelseitige Aufhänger über die Rekordwärme in der Arktis endet mit dem Hinweis auf einen ergänzenden Beitrag in „Wissen“ zum Schluß des Feuilletons.

Dort ist in einem ebenfalls knapp gehaltenen Artikel zwar zutreffend die Rede von

Rekordtemperaturen„,

Alarmstufe Rot„,

Domino-Effekt„,

100 Kubikkilometer Eis abgeschmolzen„,

aber das alles ist für die Süddeutsche offenbar keine Veranlassung (mehr), diesen Meldungen den gebührenden Raum zu geben.

Die Finanzkrise ist eine äußerst ernstzunehmende Angelegenheit, aber von temporärer Natur. Der fortschreitende Klimawandel aber ist nicht von vorübergehender Natur.

Statt angesichts einer zu befüchtenden Abstumpfung des Publikums gegenüber Meldungen zum Klimawandel mit einer Verdrängung solcher Nachrichten auf die hinteren Plätze zu reagieren, sollten Medien, die auf große Ernsthaftigkeit bedacht sind, den Blick von den Röcken nehmen und sich Methoden für angemessene Berichte einfallen lassen.

Im selben Teil „Wissen“ übrigens berichtet der Ressortleiter der Süddeutschen für Wissenschaft, Patrick Illinger, in einem raumfüllenden Vierspalter (!) über das Thema „Filmen für die Tonne“, wo es um die künftige Verwendbarkeit von elektronischen Videoaufnahmen geht.

Ausschweifende Kritik an Al Gore

Statt dessen findet die Süddeutsche reichlich Platz, um einen Wolfgang Görl – ebenfalls über den Umfang eines Vierspalters – über den Ausschluss der Medien vom Münchner Vortrag Al Gores vor der „Allianz der öffentlichen Wasserwirtschaft“ kritteln zu lassen:

„Eine Botschaft, die keiner hören soll“

Der Artikel mit dem provokanten Untertitel „Geheimsache Rettung der Erde“ transportiert keine irgenwie nützlichen Informationen außer einem fortgesetzten Ereifern darüber, dass Al Gore bei seinen Vorträgen keine Journalisten zulässt (ein im übrigen seit langem bekannter Umstand).

Warum das so ist? Ich weiß es nicht. Hr. Görl auch nicht, aber er nimmt es zum Anlass, einen abwertenden Beitrag zu verfassen.

Der Schreiber des Beitrags spekuliert, Gore halte wohl mehr oder weniger immer denselben Vortrag und anwesende Journalisten würden kraft Zeugenschaft diesem Gebahren ein Ende bereiten („einschlägigen Schätzungen zufolge sechsstellige Dollarbeträge“ pro Vortrag).

Griff in untere Schubladen

Eine merkwürdige Mischung aus Sozialneid und Vermessenheit: Es scheint im Ermessen von Hr. Görl zu liegen darüber zu befinden, welcher Betrag angemessen wäre für einen Vortrag von Al Gore.

Und: Liegt es nicht in der freien Entscheidung der Einladenden, wen sie einladen und zu welchen Konditionen?

Das erinnert doch fatal an Berichterstattungen der BILD-Zeitung, die gerne mit den Mustern von Neid und Aufwiegelei arbeitet.

Die SZ legt noch eines drauf. Im KULTUR-Teil (!) der Onlineausgabe wird in einem Beitrag von Detelf Esslinger (der den Beitrag von Wolfgang Görl offenbar nur zusammengestutzt hat) ein Bild Gores abgelichtet, das ihn in einer möglichst unvorteilhaften, herrischen Pose zeigt. Darunter steht der Bildtext:

‚ „I don’t want you!“ Bei seinen Reden wünscht der Nobelpreisträger Al Gore keine Medienpräsenz. Weil er nicht will, dass herauskommt, dass er selten etwas Neues zu erzählen hat? ‚

Da dieses „I don’t want you“ gewiß kein Zitat aus dem Mund Gores ist, würde ich mir direkt wünschen, dass die SZ für diese Verzerrung ein Anwaltsschreiben erhält. Was nun das „Neue“ anbelangt, das Gore nach intimem Kenntnisstand der SZ selten zu erzählen hat: Man muss sich nicht auf jede platte Unterstellung einlassen.

In einem vorangegangenen Artikel, der den Auftritt Gores angekündigt hat, schließt Lukas Fritsch mit dem Satz:

‚Und Al Gore? Gore macht, was er immer tut. Er skizziert die „Ökonomische Strategie für das 21. Jahrhundert“‚

Das war mir nun doch ganz neu, dass er das „immer tut“.

Ich hatte etwas von wegen „Unbequeme Wahrheit“, einer Arbeit bei Kleiner & Perkins, der „We can solve it„-Kampagne, dem Generation-Investment-Fond, seinem Fernsehsender Current TV oder „100 Prozent Erneuerbare Energien in zehn Jahren“ in Erinnerung. Fritsch aber weiß besser, was Gore „immer tut“.
Aber darum geht es gar nicht. Es geht gar nicht um ein hochnäsiges „Was er immer tut“. Es geht um das flinke Hinschmieren opportunistischer Parolen.

Recherchieren die Redakteure der SZ in Sachen Al Gore nur noch auf hetzerischen Internetportalen, die nichts besseres zu tun haben, als die uralten und noch immer verlogenen Schmierkampagnen der Republikaner à la „Al Gore erfand das Internet“ wiederzukäuen?

Es waren ja nicht die ersten Seitenhiebe gegen Gore. In einem Bericht über den Wikipedia-Gründer Jimmy Wales wurde Gore mal eben mit ins Lächerliche gezogen: „… hat sich Jimmy Wales, Mitbegründer der Seite und Ex-Präsident der Non-Profit-Organisation Wikimedia Foundation mit wolkigen Reden über Demokratie, Internet und die Weisheit der Massen das Image eines Weltverbesserers zugelegt, der irgendwo in einer Riege mit Al Gore und Bono an der Rettung unserer Zukunft beteiligt ist.“ Umgekehrt: Gore ist irgendwo in einer Riege mit weltverbesserischen, wolkigen Rednern wie Wales.

Als es im letzten Jahr um die Spekulationen einer möglichen Kandidatur Gores ging, bezeichnete die SZ Gore auch schon mal als „Mann ohne Eigenschaften“ im Titel (obwohl der Beitrag lesenswert war. Wozu dieser Titel? Titel bleiben haften.)

Al Gore ist wie Roland Koch, Wolfgang Schäuble oder George W. Bush, legt Andrian Kreye nahe: „In der Politik und in den Medien funktioniert Angst ähnlich wie die Billigdroge Crack: schnelle Wirkung, großer Effekt, macht sofort süchtig. Angst funktioniert besser als Sex, Glamour und als die Vernunft sowieso. Roland Koch und Wolfgang Schäuble sind Meister dieser Technik. George W. Bush und Al Gore haben ihren Aufstieg darauf gegründet.
Demnach, so muss man schliessen, gibt es gar keine begründete Furcht vor den Folgen eines Klimawandels. Wir haben es vielmehr nur mit einem psychologischen Effekt zu tun aufgrund unzulässiger Angstmacherei? Und das nennt sich verantwortungsvoller Journalismus?

Presse zeigt ihre Muckis

Gore möchte keine Journalisten bei seinen Vorträgen haben? Na dem zeigen wir’s!

Den lassen wir spüren, was es heißt, uns auszuschliessen. Aber immer: In hehrer Absicht! Wegen der Pressefreiheit! Nicht so eigennützig wie dieser Gore, dem es nur um Geld und Ruhm geht.

Gore-bashing aus nichtigen Gründen, so viel muss klar sein, ist Klimawandel-bashing. Die Foren der Klimawandel-Skeptiker und -Leugner feixen seit einiger Zeit schon um die Wette: Man hört und sieht ja gar nichts mehr zum Klimawandel. Dann war es wohl nichts damit!

Abschliessendes Fazit?

Schwer zu sagen. Die Kombination von verhaltener Berichterstattung zu neuesten Erkenntnissen über den Klimawandel kombiniert mit neidvollen, geradezu hämischen Attacken auf Gore legen den Schluß nahe, die SZ entferne sich durch einen schmuddeligen Hinterausgang von dem beim Publikum nicht gar so beliebten Thema Klimawandel.

Auflagenförderlich muss das Ganze sein, versteht sich. Gestern noch war Gore Superstar, da hat man ihn hochleben lassen, heute ist sein Ruf scheinbar etwas verblasst, da heult man eben mit diesem Rudel.

Die „Botschaft, die keiner hören soll“, werte SZ, stammt in diesem Fall doch von Euch selbst. Ansonsten könntet Ihr sie ja anstelle von Sarkozys Weibergeschichten auffällig auf der Titelseite bringen.

— Schlesinger

Sind Sie derselben oder ähnlicher Meinung? Schreiben Sie an die Redaktion der Süddeutschen Zeitung.

PS 1: Der Beitrag bezieht sich auf die konkreten erwähnten Berichte über Al Gore und zum Klimawandel. Es ist kein Beitrag über die Qualität der SZ, der meines Erachtens besten Tageszeitung in Deutschland. Ich brauche dem mit diesem Blog vertrauten Leser nicht zu sagen, dass bei bestimmter Berichterstattung über mr. Gore unsere Reaktionen auch schon mal harscher ausfallen…

PS 2: Schwacher Trost: Vor einiger Zeit verfasste Tobias Kniebe von der SZ eine sehr gut gelungene Charakterstudie über Al Gore. Das war sozusagen früher.

PS 3: SZ Redakteur Christopher Schrader hat eine erboste Stellungnahme zu diesem Blog gemailt, in der er die hier dargelegte (harte) Kritik komplett zurück wies.
Starker Trost: Ein sehr gelungener Beitrag von Hr. Schrader vom Juni letzten Jahres über die verfälschende Berichterstattung von RTL zum Thema Klimawandel.

PS. 4: C. Schrader hat in einer weiteren (nicht angeforderten) Stellungnahme zu meinen Hinweisen, ob denn nicht die eine Formulierung, der eine Titel/Untertitel oder das Bild * doch unangemessen negativ gewesen seien, kein noch so geringfügiges Zugeständnis gemacht. Statt dessen hat er den Transatlantikblog blank abqualifiziert.
( * Das Bild stammte nicht von der konkreten Veranstaltung, sondern wurde zum gewünschten Tenor des Artikels passend explizit ausgesucht)

Diesmal ohne Trost. Denn diesen Zustand von C.S. wünschte ich stets zu erreichen und werde es nie sein: Makellos.

(Photo: TAB)

PS.: Die NOAA berichtet u.a.:

„Temperature increases, a near-record loss of summer sea ice, and a melting of surface ice in Greenland are among some of the evidence of continued warming in the Arctic, according to an annual review of conditions in the Arctic issued today by NOAA and its university, agency, and international partners.

[…]

“The information combines to tell a story of widespread and, in some cases, dramatic effects of an overall warming of the Arctic system.”

Als Ergänzung hier ein interessanter Artikel des Sudelblog zur Arbeit der Medien.