Israels neue Militärdoktrin "shock and awe"

Israel vs. Hisbollah

Seit dem letzten Libanonkrieg im Jahr 2006 haben Israel und die schiitische Miliz  Hizbollah eine Rechnung offen.

Die Hizbollah konnte jene kurze, aber äußerst blutrünstige Auseinandersetzung insofern für sich verbuchen, als es der hochgerüsteten israelischen Armee IDF nicht gelang, sie entscheidend zu schlagen.

Die Hizbollah hat sich seit 2006 angestrengt, ihre militärische Position im Süden des Libanon weiter auszubauen.

Dafür wurden offenbar neue Waffensysteme wie die Rakete Fajr-5 gekauft (Reichweite 75 km), oder die Zelzal-2 (Reichweite 200 km, also bis Tel Aviv).

Dieser lauernden Gefahr sehen viele Israelis im Norden des Landes verständlicherweise mit großer Sorge entgegen. Die weit verbreitete Meinung zum Krieg von 2006 ist: Man hat den Fehler begangen nicht mit allem was zur Verfügung stand zugeschlagen zu haben:

We should have gone in harder from the beginning.

We should have used everything at our disposal to defeat Hezbollah but instead we didn’t finish our job.

Viele Israelis auf der rechten Seite des politischen Spektrums, allen voran Benjamin Netanjahu, der sich momentan für das Amt des Ministerpräsidenten positioniert und dafür gute Chancen hat, forderten deshalb damals wie heute den „Job zu erledigen“. Netanjahu:

Finish the job. Don’t do half the job.

Remove the threat by breaking Hezbollah’s fighting ability and destroying the missile arsenal.

That is the goal set by the government.

It’s the goal that everyone here supports.

Wie aber soll eine feindliche Armee unter den Kampfbedingungen à la Stalingrad niedergerungen werden – die Hizbollah hatte sich im Südlibanon in ein tief gestaffeltes Grabensystem verschanzt -, wenn man nicht die zivile Bevölkerung in schwere Mitleidenschaft ziehen will?

Antwort: Gar nicht. Exakt zu diesem Schluß scheint auch die israelische Armeeführung gelangt zu sein.

Militärdoktrin Shock and AweDahiyeh

Drei ranghohe israelische Offiziere haben dazu die „Dahiyeh Doktrin“ bekannt gegeben.

Dahiyeh ist der arabische Name für einen Vorort Beiruts, der in 2006 besonders hart umkämpft war.

Die Doktrin besagt: Bei der nächsten Auseinandersetzung werde man keinerlei Rücksicht nehmen. So beschreibt es der israelische Oberkommandierende des Nordabschnitts, General Gadi Eisenkot.

Man werde vielmehr mit „unproportionaler Feuerkraft“ jeden Gegner unter Beschuss nehmen:

We will wield disproportionate power against every village from which shots are fired on Israel, and cause immense damage and destruction.

Um alle Zweifel an dieser Strategie auszuräumen schiebt Eisenkot nach, dass dies keine Option, sondern ein bereits gebilligter Plan sei.

Verluste im Libanon

Im Libanonkrieg 2006 kamen über 1000 libanesische Zivilisten und 100 Israelis ums Leben. Die Zahl der Toten auf Seiten der Hizbollah wird auf 250 bis 1000 geschätzt.

Die israelische Luftwaffe flog über 12.000 Einsätze.

Im Libanon wurden 640 km Straße und 73 Brücken zerstört, 350 Schulen, 15.000 Häuser vollständig und ca. 130.000 zum Teil, der Internationale Flughafen von Beirut wurde schwer beschädigt.

Sollte es zu einem erneuten Schlagabtausch kommen, wird der Libanon dasselbe Schicksal wie in 2006 treffen. Nur wird es das nächste mal schlimmer.

Die Hizbollah droht Israel seit dem Frühjahr diesen Jahres (2008) mit einem Angriff. Begründung: Imad Mughniyeh, einer ihrer Führer in Damaskus, erlag einem Attentat. Israel wird als Drahtzieher hinter dem Anschlag vermutet. Jerusalem streitet das ab. Das könnte sogar stimmen. In Frage kommt auch der syrische Geheimdienst, der Hassan Nasrallah eine Lektion in Sachen Gefolgschaft erteilen wollte.

„Die Uhren des Libanon um 20 Jahre zurückdrehen“

Israel war im Krieg von 2006 erstaunlich hilflos. Darüber kann die Materialschlacht nicht hinweg täuschen. Weil Israel die Hizbollah nicht in die Knie zwingen konnte, hat es es den ganzen Staat Libanon in Sippenhaft genommen.

Israel führte im Südlibanon und entlang einer breiten Schneise nach Beirut einen Krieg der verbrannten Erde.

Das Motto hat General Dan Chalutz geprägt:

we will turn Lebanon’s clock back 20 years.

Der damalige Oberbefehlhaber des Norabschnitts General Udi Adam betonte, dass es sich um einen Krieg gegen den Libanon handele:

This affair is between Israel and the state of Lebanon.

Die Hizbollah ist im libanesischen Parlament und in der Regierung vertreten. Insofern sieht es auf den ersten Blick danach aus, als wäre ein Angriff der Hizbollah auf Israel gleichzusetzen mit einem libanesischen Angriff.

Das ist irreführend. Niemand im Libanon hat die Macht, die Hizbollah an politischen oder militärischen Aktionen gegen Israel hindern. Die Miliz ist ein Staat im Staat. Und: Wollte eine politische Kraft im Libanon den ernsten Versuch unternehmen sich gegen die Hizbollah zu stellen, würde das sofort deren einflussreiche Verbündete Syrien und Iran auf den Plan rufen.

Reagiert Israel gegenüber künftigen Attacken der Hizbollah erneut mit einem Rundumschlag gegen den Libanon, würden die Uhren dort wahrscheinlich wirklich um Jahrzehnte zurückgestellt.

Das wäre für Israel vielleicht eine kurzfristige Genugtuung. Aus strategischer Sicht wäre es unklug. Jerusalem sollte so vernünftig sein von einer Strategie abzusehen, die die zivile Bevölkerung massiv in Mitleidenschaft zieht. An den Irak- und Afghanistan-Kriegen des George W. Bush kann man ablesen, wie kontraproduktiv sich diese Vorgehensweise auswirkt.

In Israel ringen derweil unterschiedliche Kräfte darum, wie man sich gegenüber den Palästinensern verhalten soll. Der zurückgetretene Ministerpräsident Ehud Olmert hatte zuletzt versöhnliche Töne angeschlagen. Das hat nicht allen gefallen. Vorgänge wie das Bombenattentat auf einen jüdischen Kritiker der Siedler-Bewegung zeigen, welche radikalen und allen Arabern unversöhnlich gegenüber stehenden Kräfte in Israel wirken.

Hizbollah & Hamas wollen ein radikales Israel

Ginge es nach Hizbollah und Hamas, sollten sich die radikalen Kräfte in Israel durchsetzen. An einem Verhandlungsfrieden mit Israel sind beide wenig interessiert. Die Hizbollah gar nicht, da sie sich nur über den Kampf gegen Israel definiert. Hamas wenig, weil sie durch den Kampf gegen Israel an Popularität bislang gewonnen hat.

Das Motto, das für George W. Bush und Dick Cheney galt: Krieg als perfekte Ablenkung, um eine ganz andere Agenda möglichst unbemerkt durchzusetzen, gilt genauso für die Despoten an der Spitze von Hizbollah und Hamas.

Die führen in den Augen ihrer Anhänger – und nicht weniger Beobachter im Westen – einen vermeintlich ehren- und heldenhaften Krieg gegen den israelischen Besatzer beziehungsweise Aggressor, zielen aber neben diesem Motiv auch darauf ab, ihre radikale Form eines islamischen Gottesstaates zu etablieren.

Das ist eine Abkehr von der lange Zeit gelebten libertären Form islamischen Lebens in der Levante. Das gilt für den Libanon und für Palästina.

In Gaza ist diese aufgezwungene gesellschaftliche Revolution – zum Leidwesen großer Teile der Bevölkerung – schon weit fortgeschritten.

Für Israel gilt bis auf Weiteres:

Mit jedem Schlag gegen Hizbollah oder Hamas, der im Sinne der neuen „shock and awe“ – Militärdoktrin geführt wird, treibt es bisher moderat gebliebene arabische Bevölkerungsteile in die Arme der radikalen Milizen.

— Schlesinger

(Photo: Jaume d'Urgell)

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