Nie mehr in Vereinigte Staaten, bist Geliebte von Osama Bin Laden

Was hat der in den Top-Charts befindliche Song „Lass die Leute reden“ von den Ärzten mit dem Klimawandel zu tun?

Die Beliebtheit des Songs und das Verhalten der Menschen in punkto Klimawandel haben dieselbe psychologische Grundlage.

Im Song der Ärzte geht es um die offenbar neue Erkenntnis, dass „die Leute“ gerne reden. Sie zerreißen sich nach Ansicht der Ärzte vorzugsweise die Mäuler über die (weiblichen) Nachbarn und dichten ihnen alle denkbaren unliebsamen Themen an:

Sie gingen auf den Strich, haben eine Bank überfallen, sind die Geliebte von Osama Bin Laden, haben Leichen im Garten verscharrt und – wenn es ganz schlimm wird – rasieren sich ihren Damenbart. Das käme, wird man belehrt, vom BILD-Zeitungslesen. Aber, so wird man beruhigt, man müsse sich dabei nichts denken, denn die Leute meinten es ja nicht böse. Kurzum: Lass die Leute reden.

Früher ging oft der Spruch, es sei gut, dass die ganzen Pop-Songs auf englisch gesungen würden, so verstehe man wenigstens die dümlichen Texte nicht. Ach, sängen sie doch nur englisch, die Ärzte, und vorzugsweise Pidgin-English.

Nachbarn, die tratschen, man habe Leichen verscharrt oder ginge auf den Strich? Nun bitte, wer weiß in welcher Nachbarschaft die Ärzte wohnen. Diese gänzlich unsinnigen Fabulierungen gehören wohl zur künstlerischen Freiheit.

Was alleine zählt, ist der Erfolg des Stücks, und der ist unbestritten. Glückwunsch!

Der Erfolg kommt nun nicht alleine vom Hoffen der Band, sondern weil die Intention des Songs – abgesehen von einer einfachen, aber nicht weniger eingängigen Melodie – auf einen fruchtbaren psychologischen Boden fällt.

Da ich keine Psychologenausbildung habe, behelfe ich mir mit einer Laiendarstellung und konstruiere den fiktiven Fachbegriff „Mängel-verursachte-Selbstwert-Einbildung“ (wer auf Fremdwörter steht: Insuffizienz-induzierte-Selbstwert-Illusion).

Zur Veranschaulichung eine Frage: Wie viele Leute kennen Sie, die aus unterschiedlichsten Bereichen qualitativ hochwertige Beiträge zu liefern imstande sind (Nicht gemeint ist Papageien-Bildungsgeplapper nach der Art der Günter Jauch Quizsendungen oder des Neunmalklug-Spiels Trivial Pursuit)? Also nicht nur aus ihrem Fachgebiet oder aus dem einen Hobby, das sie seit langem betreiben?

Wenn Sie solche Leute kennen – Glückwunsch! – werden Sie die Feststellung bestätigen können, dass sie sich ihre „Mäuler“ im oben genannten Sinn nicht oder allenfalls sehr sporadisch „zerreissen“. Wieso sollten sie auch? Sie haben mehr als genug „Stoff“, aus dem sie schöpfen können.

Sie haben – alter Begriff – Niveau. Niveau hat etwas mit dem Stand zu tun, auf dem sich jemand befindet. Wer ein hohes Niveau hat, hat einen natürlich hohen Stand. So jemand bedarf keiner herablassenden Bemerkungen über Nachbarn oder andere, um jene herabzudrücken, damit er oder sie selbst etwas darüber hinaus ragt. So jemand hat keine oder keine nennenswerte Insuffizienz. Kein Niveau-Mangel.

Wer aber diesen Mangel hat, kann ihn nicht ohne weiteres ausgleichen. Wie auch, wenn es an Substanz fehlt? Insofern behilft sich das Mängelwesen Mensch – wie so oft unbewußt -, indem es Strategien an den Tag legt, um diesen unglücklichen Zustand auszugleichen.
Stecken demnach zwei noch so nichtssagende Menschlein ihre Köpfe zusammen, um über eine oder einen Dritten übereinstimmend festzustellen, wie dämlich er ist, ist diesem Mensch schon sehr geholfen.

Die Ärzte – oder ihre songwriter – werden wissen, dass es recht vielen so geht und bedienen diesen Umstand nach Herzenslust und mit grob übertriebenen Formulierungen (ganz abgesehen von wüsten Reim-Zumutungen wie „Leichen verscharrt“ auf „Damenbart“, aber das nur nebenbei). Also haben die Ärzte doch recht? Natürlich, wenn auch nicht in dem Maß, wie sie hre Formulierungen gebrauchen. Die eigentlich auf den Arm Genommenen sind diejenigen, die die Liedabsicht zwar objektiv trifft, aber die sich mit größter Selbstverständlichkeit nicht selbst als Adressat fühlen.

Und was tun die Lass-sie-reden-Lied-Begeisterten? Sie schielen gedanklich herablassend auf echte oder fiktive Nachbarn, weil diese gewiß nichts Besseres zu tun haben als über einen selbst zu lästern.

Fazit: Die Lied-Hörer lästern – gedanklich oder kraft Einstellung – über andere, aber in dem Gefühl, weit von solcher Haltung entfernt zu sein.

Nietzsche spricht in ähnlichem Zusammenhang von den zahllosen Lebenslügen, die sich der Mensch unbewußt zurechtlegt, um – jeder in seiner ureigensten Lage – mit der Welt klar zu kommen.

Womit wir beim Klimawandel wären.

In der Wochenendausgabe der Süddeutschen äußerte sich eine Psychologin zum Thema „Verhaltensänderungen aufgrund des Klimawandels“. Dr. Heidi Ittner benennt das Grundproblem gleich im Titel: „Wir sind einfach gestrickt“.

Die Herausforderung Klimawandel verlangt vom Menschen eine abstrakte Denkleistung, für die er von Natur aus nicht konzipiert ist.

Das ist leicht nachvollziehbar: Nie in der ganzen Geschichte der Menschheit wurde der Mensch genötigt, nicht nur über seinen eigenen zeitlichen Horizont weit hinauszublicken (Klimawandel betrifft viele, wenn nicht alle nachfolgenden Generationen), sondern auch über seinen geografischen und sozialen Horizont (Klimawandel betrifft die Menschen auf Polynesien ebenso wie die in Holland).

Diese psychische Zumutung – man lebt offenbar ein mangelhaftes Leben, da man beigetragen hat und beiträgt zu einer globalen Katastrophe – bewirkt natürlicherweise alles erstes eine Abwehrreaktion.

Ich als kleines Individuum soll zu einem Schaden diesen Ausmaßes mit beigetragen haben oder noch immer dazu beitragen? Kaum zu glauben. Daher neigt man im Affekt eher den Argumenten zu, die einen von einer solchen Schuld freisprechen oder sie wenigstens relativieren.

Im nächsten Affekt werden die anderen Schuldigen ausfindig gemacht: Die – entfernten – Nachbarn. In diesem Fall sind es nicht die ihre Mäuler zerreissenden schlimmen Nachbarn, sondern die en masse umweltverschmutzenden Massen in Indien oder in China.

Nicht ich bin das Lästermaul, nicht ich bin der Umweltverschmutzer – es sind die Nachbarn!

Die Psychologin hat dafür den korrekten Fachbegriff: Kontrollillusion. Man versucht seine Lage unter Kontrolle zu halten. Wenn dazu vonnöten ist, sich die Welt zurecht zu legen, dann ist das so.

Solange die Illusion entsteht, mit sich und der Welt im Reinen zu sein, ist die reale Welt – noch – außen vor.

Auf die Frage: „Ist es den Leuten wirklich wichtiger, andere zu beeindrucken als die Lebensgrundlagen zu erhalten?“ antwortet Dr. Ittner völlig zutreffend: „Was andere machen und sagen ist für uns ziemlich wichtig.

Da mögen die Ärzte mit ihrem Publikum so lange sie wollen im Chor singen „Lass die leute reden“: Nichts ist unrealistischer als die Annahme, das Reden anderer Leute sei uns egal.

Aber so ist das etwas größere Auto in der Garage selbstverständlich wichtiger als die kleine Umwelteinsicht. Sonst könnten die Nachbarn denken, man könne es sich nicht mehr leisten.

Und so – leisten wir uns viel.

— Schlesinger

PS. 1: Der große Dichter William Sommerset Maugham meinte: „Es ist gefährlich, das Publikum einen Blick hinter die Kulissen werfen zu lassen. Die Leute sind schnell desillusioniert, und dann sind sie böse auf einen, denn sie haben die Illusion geliebt, sie verstehen nicht, dass man sich selbst für die Art und Weise interessiert, wie Illusionen entstehen.“

PS. 2: Verschwörungstheorien können ebenfalls leicht zu auch einer Art Kontrollillusion verkommen. Die Vertreter dieser Gattung basteln sich aufgrund einer Grundhaltung es müsse bestimmt irgendetwas anderes dahinter stecken bisweilen abstruse Erklärungen über fernab liegende Welt-Dinge und suhlen sich im Wohlgefallen, die Zusammenhänge verstanden zu haben. Sie produzieren damit in aller Regel nur eine weitere Schicht Nebel um die Dinge, oder anders gewendet: Selbsterfüllende Prophetien.

(Photo: Wikipedia)