Israel feierte Geburtstag auf palästinensischen Ruinen

Ein Beitrag von Fuad Hamdan

Desmond Tutu, Friedensnobelpreisträger und jahrzehntelang Erzbischof in Südafrika, urteilte:

„Die Apartheid ist zurückgekehrt, samt Mauer und Bantustans.“

Damit allerdings meinte er nicht seine afrikanische Heimat, sondern Israel.

Und tatsächlich: So wie die afrikanischen Bantustans – Synonym für den beschönigenden Begriff homelands – der Abgrenzung der Weissen von den Schwarzen dienten, bezweckt Israel mit dem sogenannten „Sicherheitszaun“ mindestens ebensosehr die gezielte, hermetische Abschottung der Palästinenser, wie es das offizielle Ziel einer vermeintlich verbesserten Sicherheitslage verfolgt.

Die Palästinenser in der Westbank und im Gazastreifen leben heute unter schrecklichen Apartheidsbedingungen, während die Welt jüngst den 60.ten Geburtstag Israels feierte.

Am 14. Mai 1948 proklamierte David Ben Gurion in Tel Aviv den Staat Israel. Der jahrhunderte andauernde europäisch-christliche Antisemitismus war die entscheidende Antriebskraft für die Entstehung des Zionismus als der jüdischen Nationalbewegung im Europa des 19. Jahrhunderts.

Die Bewegung gipfelte im Beschluss des Ersten Zionistischen Kongresses (1897) in Basel.

Dort formulierte Theodor Herzl den Entschluss zur Gründung eines jüdischen Staates in Palästina.

Letztlich wurde sowohl auf politischem wie auch militärischem Weg die Gründung des jüdischen Staates gegen den Willen der einheimischen arabischen Bevölkerung erzwungen.

Nach der durch das nationalsozialistische Deutschland verursachten menschlichen und zivilisatorischen Katastrophe schien es auch unter ethisch-moralischen Aspekten keine andere Lösung geben, als den Juden einen eigenen Staat zuzubilligen.

Staatsgründung auf Kosten der Palästinenser

Aus der Sicht Israels und der mit ihm verbundenen Länder ist die Staatsgründung von 1948 ein Grund zum Feiern.

Aber damals begannen für die Palästinenser die Probleme.

Den Zionisten ging es von Anbeginn nicht um die Ausbeutung von Bodenschätzen und anderen Ressourcen. Sie sahen es vielmehr auf den Grund und Boden der Einheimischen ab. Die jüdische Landnahme zielte darauf, den Boden Palästinas zu judaisieren.

Es war aber naiv zu glauben, die Palästinenser würden dem Plan eines jüdischen Staat in Palästina zustimmen. Warum auch? Die Palästinenser wußten nicht, was den Juden Europas widerfahren war. Und selbst wenn sie es gewusst hätten: Warum hätten sie für Verbrechen bezahlen sollen, die sie nicht begangen haben?

Die jüdische Staatsgründung markiert daher den Beginn der Nakba, der palästinensischen Katastrophe.

Es ist nicht zu leugnen: Die palästinensische Tragödie ist eine Folge der jüdischen Tragödie in Europa.

Bei allem Mitgefühl für die jüdischen Opfer im damaligen Europa: Der israelische Staat entstand auf den Ruinen eines anderen Volkes.

700.000 Menschen verloren ihre Heimat, mehrere hundert Dörfer wurden durch die jüdischen Verbände dem Erdboden gleichgemacht. Heute würde man das ethnische Säuberung nennen.

Staatsfeierlichkeiten und Verdrängung

Israel und die Welt feierte, während die Nakba, die Vertreibung und Entrechtung eines ganzen Volkes, weitgehend verschwiegen wurde.

Man hat auch wenig Verständnis dafür, dass die Palästinenser sich wehren und sich mit dem an ihnen begangenen Unrecht nicht abfinden wollen.

Und doch, Unrecht bleibt Unrecht, auch nach sechzig Jahren.

Israel ist der einzige demokratische Staat in dieser Weltregion und umgeben von diktatorischen und korrupten arabischen Staaten. Die Bürgerrechte der jüdischen Israelis waren trotz dieser prekären Lage nie gefährdet. Davon können die arabischen Menschen in Ägypten, Syrien, Tunesien oder Saudi-Arabien nur träumen.

Dieser Unterschied rechtfertigt aber keineswegs, dass man Israel als dem demokratisch organisierten Volk einen Freibrief zur Unterdrückung und Entrechtung eines anderen Volkes ausstellt.

Die israelische Staatsgründung ist eine gigantische Leistung der zionistischen Bewegung.

Mindestens ebenso gigantisch war und ist aber ihre propagandistische Leistung, sich der Weltöffentlichkeit als Opfer zu präsentieren. Dennoch steht fest, dass dieser Staat die mit Abstand stärkste und aggressivste Militärmacht in der Region ist.

Die Arabische Liga hat im März 2002 und im Frühjahr 2007 einen Friedensplan vorgelegt, der die Anerkennung Israels in den Grenzen vor dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 vorsah.

Diese Pläne hat Israel ausgeschlagen. Aufgrund seiner überwältigenden Stärke scheint Israel es nicht für nötig zu erachten, dem palästinesischen Volk Souveränität zuzugestehen. Auch darin erinnert es an den südafrikanischen Apartheitsstaat.

Sowenig man sich in Pretoria aus Einsicht von der Apartheit löste, wird sich die israelische Regierung von der Unterdrückung der Palästinenser lösen. Nur der Druck der Welt kann das bewirken.

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Fuad Hamdan wurde 1951 in einem Flüchtlingslager geboren. Das Dorf seiner Eltern war

1948 von der israelischen Armee zerstört worden. Er leitet das Dritte-Welt-Zentrum in

München.

Siehe auch: Fuad Hamdan in der Diskussion mit dem israelischen Gesandten Ilan Mor.

(Photos: JohnLobby)